Mainz-Sportvorstand Christian Heidel. © picture alliance/dpa/dpa-POOL
Borussia Dortmund

Mainz-Sportvorstand Heidel exklusiv: „Man wird Marco Rose nicht gerecht“

Mainz-Sportvorstand Christian Heidel ist mit Jürgen Klopp befreundet, aber auch BVB-Coach Marco Rose kennt er gut. Er findet, man werde ihm nicht gerecht – und nennt im Exklusiv-Interview den Grund.

Christian Heidel ist ein Mainzer Urgestein. In Mainz geboren, war er von 1992 bis 2016 Manager und Vorstandsmitglied beim FSV. Nach einem Intermezzo bei Schalke 04 und einer persönlichen Auszeit ist Heidel seit Dezember vergangenen Jahres zurück am Bruchweg. Am Samstag (15.30 Uhr, bei uns im Live-Tcker) gastiert Mainz 05 bei Borussia Dortmund. Im Vorfeld haben sich die RN-Redakteure Sascha Klaverkamp und Cedric Gebhardt mit Heidel unterhalten.

Herr Heidel, Mainz gilt als besondere Trainerschmiede. Erst Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, jetzt ist Marco Rose Coach in Dortmund. Wann wird denn Bo Svensson neuer BVB-Coach?

Das steht in nächster Zeit ganz sicher nicht auf der Agenda. Aber es gibt schlimmere Dinge als dass zwei Trainer, die in Mainz begonnen haben, über Dortmund in die große Fußballwelt gegangen sind. Sicherlich gönne ich Bo Svensson irgendwann mal den Weg zu einem internationalen Top-Club. Aber er ist erst am Beginn seiner Trainer-Laufbahn und ich glaube, er ist bei dem Verein, bei dem er aktuell am allerbesten aufgehoben ist.

Was spricht dafür, dass Bo Svensson es eines Tages mal zu einem europäischen Spitzenteam schafft?

Wenn ich sage, er ist bei dem Verein, bei dem er am besten aufgehoben ist, meine ich damit, dass wir in Mainz eine gewisse Erfahrung damit haben, wie man mit jungen Trainern, die über ein großes Talent verfügen, umgehen muss. Das Allerwichtigste ist, dass man Bo Svensson Bo Svensson werden lässt und nicht versucht, an ihm rumzudrehen oder ihm reinzureden. Man muss einem jungen Trainer sehr frühzeitig das Vertrauen aussprechen. Das war auch bei Jürgen Klopp und bei Thomas Tuchel der Fall. Es freut uns, wenn die beiden in Interviews auf die Frage, wie sie solch ein Trainer werden konnten, antworten: Ich hatte in Mainz die Chance, mich so zu entwickeln, dass ich heute ein guter Trainer bin. Und das ist auch das Ziel mit Bo Svensson. Was übrigens oft vergessen wird, ist, dass Jürgen Klopp sieben und Thomas Tuchel sechs Jahre Trainer in Mainz war. Sie waren nicht einfach erfolgreich und nach kurzer Zeit wieder weg. Sie sind lange Zeit in Mainz geblieben, konnten sich entwickeln und mittlerweile gehören sie zu den Besten der Welt.

Zu Jürgen Klopp haben Sie eine ganz besondere Beziehung. Was macht diese Beziehung auch heute noch aus?

Wir kennen uns seit mehr als 30 Jahren. Wir haben so viele Dinge gemeinsam erlebt, darüber könnten wir beide zusammen ein Buch schreiben. Zunächst war er mein Spieler und dann ist er von heute auf morgen mein Trainer geworden, was heute gar nicht mehr möglich wäre. Als er Trainer war, wurden wir Freunde. Seither haben wir den Kontakt nie verloren. Freundschaften sind in der Regel nicht zum Kündigen da. Wir waren drei Wochen im Sommer zusammen im Urlaub. Und natürlich treffen wir uns auch in Mainz. Letztens ruft er spontan an und sagt: Ich sitze gerade in einem Lokal in Mainz. Eine halbe Stunde später habe ich mit ihm zusammen dort gesessen. Das sind immer überragende Zeiten. Wir reden dann viel über die Vergangenheit. Wie das halt immer so ist, wenn sich zwei alte Freunde treffen. (lacht)

Wie ist im Vergleich dazu noch Ihr Draht zu Thomas Tuchel und Marco Rose?

Mit Thomas war es zwar zum Ende seiner Zeit in Mainz ein bisschen kritisch, aber das hat sich inzwischen völlig normalisiert. Wir haben weiterhin einen guten Draht und schreiben immer wieder mal miteinander. Persönlich getroffen haben wir uns aber längere Zeit nicht mehr, weil es sich nicht ergeben hat. Aber ich habe ihm ganz fest die Daumen gedrückt beim Champions-League-Endspiel, das ich übrigens zusammen mit Jürgen Klopp geguckt habe. Rosi treffe ich häufiger wieder. Komischerweise meistens im Urlaub. Wir haben uns zum Beispiel mal in Dubai getroffen. Da waren auch Sandro Schwarz und Pascal Hens dabei. Zusammen hatten wir einen super Abend. Rosi ist ein ganz besonderer Typ. Mit ihm ist man einfach gerne befreundet, weil er vom Charakter her ein fantastischer Kerl ist.

Inwieweit entdecken Sie Jürgen Klopp in Marco Rose wieder?

Ich finde, man wird Marco Rose nicht gerecht, wenn man beide permanent miteinander vergleicht. Ich spüre, dass Marco seinen eigenen Weg geht. Er hat einen riesigen Vorteil: Er hat als Spieler mit vier sehr guten Trainern zusammengearbeitet. Er hat in Hannover mit Ralf Rangnick und bei uns mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Martin Schmidt zusammengearbeitet. Er pickt sich jetzt von allen das Beste raus. Die Art, der Typ, das kann man nicht verändern – er ist natürlich auch ein bisschen ein Menschenfänger. Da hat er Züge von Jürgen Klopp. Aber, und das ist zumindest mein Eindruck, er ist in der Sache genauso hart. Everbody’s Darling muss man nicht sein, das hat er sehr schnell verstanden. Aber wichtig ist, er geht seinen eigenen Weg – und wird sicherlich keine Klopp-Kopie.

Wie wir gehört haben, sollen Sie auch ein freundschaftliches Verhältnis nach Dortmund zu Hans-Joachim Watzke pflegen. Gibt es auch vor dem Duell am Samstag einen regen Austausch oder herrscht dann Funkstille?

Funkstille herrscht nicht, dazu sind wir auch schon viel zu lange im Geschäft. Aki wird mich nicht fragen, mit welcher Taktik wir am Wochenende spielen. Und ich frage ihn genauso wenig danach. Aber wir haben die Tage noch gesimst. Bei uns ist es Tradition, dass wir vor den Spielen zu zweit essen gehen. Am Samstag wird das auch so sein.

Inwieweit hat sich das Verhältnis zu Watzke während Ihrer Tätigkeit für Schalke geändert? Mussten Sie da nach außen hin eine Rivalität zum BVB leben, die es eigentlich gar nicht gab?

Die Rivalität hat trotzdem bestanden. Das versteht man sehr schnell, wenn man im Ruhrpott ist, wie groß diese Rivalität ist. Aber das hat nicht dazu geführt, dass wir beide nicht mehr miteinander geredet haben.

Sie waren von 1992 bis 2016 Manager und Vorstandsmitglied in Mainz. Jetzt sind Sie wieder dort. Auf Schalke waren Sie nicht so lange aktiv. Funktionieren Sie nur in Mainz?

Dass ich mich in Mainz wohl fühle und dass es dort immer etwas Besonderes ist, ist ganz klar. Ich bin in dieser Stadt geboren, der Verein ist ein bisschen mein Baby. Ich habe dort sehr viel erlebt. Aber die Leute, die heute sagen: Mit Heidel hat es auf Schalke nicht funktioniert, sind die gleichen, die uns fünf Monate vorher auf einem Schild durch die Stadt tragen wollten, weil wir mit acht Punkten Vorsprung vor Dortmund Vizemeister geworden sind und uns für die Champions League qualifiziert haben bei Umsatz- und Gewinnrekord. Wir haben damals 4:4 in Dortmund „gewonnen“ und dann hatten wir in der Tat ein schlechtes halbes Jahr. Aber das gehört auch zur Lebenserfahrung dazu.

Sie haben gesagt, Sie wollen nicht in Mainz in Rente gehen.

Ich muss das hiermit noch mal klarstellen: Es soll nicht heißen, dass ich noch was anders vorhabe. Sondern, dass ich früher in Rente gehen will. Die Wahrscheinlichkeit, dass Mainz meine letzte Station bleibt, ist unglaublich groß. Ich sage niemals nie, weil man nie weiß, was im Leben passiert. Auch das erneute Engagement in Mainz war nie Teil meiner Lebensplanung.

Das müssen Sie erklären.

Ich wollte eigentlich alles machen, nur nicht erneut nach Mainz gehen. Nicht, weil mir es dort nicht gefallen hätte. Im Gegenteil, ich hatte dort 25 überragende Jahre. Ich habe das mal so ausgedrückt: Ich bin nicht der Typ Howard Carpendale, der immer wieder mal vom Rücktritt zurücktritt. (lacht) Für mich war dieses Kapitel beendet, und zwar auf einer positiven Note. Wir haben uns mit meinem letzten Spiel für die Europa League qualifiziert, der Verein stand finanziell gut da. Ich habe eine Rückkehr eigentlich für ausgeschlossen gehalten. Aber dann haben sich die Dinge komplett überschlagen. Meine Frau konnte es gar nicht glauben, als ich sagte, ich glaube ich mache das doch.

Falls Sie wider Erwarten doch nicht von Mainz aus in Rente gehen. Was würde Sie danach noch reizen? Beim DFB ist ja zum Beispiel immer viel in Bewegung…

Die Beamtenrolle passt nicht zu mir. Ich habe überhaupt keinen anderen Plan mehr, als Mainz 05 wieder in ruhigere Gewässer zu bringen. Danach werde ich mich dann irgendwann wieder nach Mallorca abmelden und mich dort um meine Familie kümmern. Das ist ja derzeit leider kaum möglich.

Wo soll die Reise mit Mainz denn hingehen?

Vor uns liegen verschiedene Aufgaben in Mainz. Wir haben über die letzten Jahre ein wenig die Nahbarkeit und den Kontakt zu den Leuten verloren – das müssen wir zurückgewinnen, das ist das Allerwichtigste. In Tabellenplätzen denke ich selten. Dass unser Ziel immer ist, über dem Strich zu stehen, ist klar. Wir wollen uns weiterentwickeln, haben fußballerisch wieder eine Linie gefunden, die müssen wir fortsetzen. Wir müssen weiter versuchen, junge Spieler in die Mannschaft zu integrieren. Die laufende Saison ist immer schon Aufbau für die nächste Saison. Wir haben eine Mannschaft zusammen, für die Mainz 05 wichtig ist. Wir haben Spieler nach Mainz geholt, die auch wirklich nach Mainz kommen wollten, und nicht in erster Linie darüber nachdenken, zu welchem größeren Klub sie als nächstes wechseln wollen. Es ist völlig normal, dass auch Spieler im Kader sind, die Mainz 05 als Sprungbrett für einen Topclub sehen. Das ist auch völlig in Ordnung. Es kommt dabei auf einen gesunden Mix an, insbesondere für einen Club, der auch Abstiegskampf im Repertoire haben muss.

Bo Svensson (l.) und BVB-Coach Marco Rose umarmen sich. © imago images/Moritz Müller © imago images/Moritz Müller

Gegenpressing, schnelles Umschalten, Tempo – der Mainzer Ansatz ähnelt dem des BVB. Stehen da am Samstag mit Bo Svensson und Marco Rose zwei Brüder im Geiste an der Seitenlinie?

Es stimmt, vom Ansatz und von der Spielidee sind wir nicht weit voneinander entfernt. Aber der BVB macht das mit seinem Kader natürlich auf höherem Niveau als wir. Ich gehe auch davon aus, dass die Ballbesitzzeiten eher auf der Dortmunder Seite liegen werden. (lacht)

Erstmals nach langer Zeit werden 67.000 Zuschauer im Stadion sein. Die Wucht der Zuschauer ist kaum irgendwo so groß wie in Dortmund. Wie muss Mainz auftreten, damit es am Samstag nicht in die Hose geht?

Vor 67.000 Zuschauer hat niemand Angst, unsere Jungs sind alles gestandene Profis. Ganz im Gegenteil, da freut sich jeder drauf. Es ist immer ein Highlight, in Dortmund zu spielen. Wir müssen mit Ausnahme unserer Leistung in Bochum an die der letzten Auswärtsspiele anknüpfen und sehr selbstbewusst und sehr unangenehm sein, damit wir die Dortmunder nicht zum Atmen kommen lassen – so wie wir es in den vergangenen Spielen auch geschafft haben. Aber wir werden auch schwierige Situationen zu überstehen haben.

Mit nur fünf Gegentoren hat Mainz bislang die wenigsten Gegentore in der Bundesliga kassiert. Inwieweit ist das das Prunkstück, das Sie mitbringen?

Ich glaube schon, dass wir defensiv sehr geordnet stehen und dass es nicht so einfach ist, gegen uns Torchancen herauszuspielen. Was uns ein bisschen fehlt, ist die Effizienz vorne. Aber das muss sich bei uns alles entwickeln. Trotz der Niederlage gegen Union sind wir auf einem guten Weg. Wir wissen auch, dass wir auf einen Gegner treffen, gegen den es schwierig wird zu punkten, wenn er alles auf den Platz bringt. Aber darin liegt ja auch der Reiz des Spiels.

Beide Teams haben Personalsorgen.

Dortmund hat diese eher in der Offensive, wir haben sie in der Defensive. Wenn es hart kommt, fallen mit St. Juste und Niakhaté gleich beide Stamm-Innenverteidiger bei uns aus. Dazu konnte Alexander Hack aufgrund seiner Covid-19-Infektion zwei Wochen nicht trainieren. Ich weiß nicht, ob Haaland spielt oder nicht. Er ist eine Urgewalt im Sturm. Ich habe selten so einen Fußballspieler erlebt. Wenn er nicht auf dem Platz steht, ist das sicherlich alles andere als ein Vorteil für Dortmund.

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Cedric Gebhardt, Jahrgang 1985, hat Germanistik und Politikwissenschaft an der Ruhr-Uni Bochum studiert. Lebt aber lieber nach dem Motto: „Probieren geht über Studieren.“ Interessiert sich für Sport – und insbesondere die Menschen, die ihn betreiben. Liebt Wortspiele über alles und kann mit Worten definitiv besser jonglieren als mit dem Ball. Schickt deshalb gerne humorige Steilpässe in die Spitze.
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Cedric Gebhardt
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp