Marcel Schmelzer und Borussia Dortmund führen im knallharten Fußball-Business eine alles andere als normale Beziehung. Denn obwohl der Linksverteidiger sportlich keine Rolle mehr spielt, will der BVB ihn halten - aus einem bestimmten Grund.

Dortmund

, 04.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Dass Klubs Profis aussortieren, die sportlich keine Rolle mehr spielen, ist normal. Es ist logischer Teil des Geschäfts. Insofern ist die Beziehung von Borussia Dortmund zu Marcel Schmelzer alles andere als normal.

Ohne Klagen und Jammern die Seuche erlitten

Er hat nichts weniger als die Seuche durchlitten. Nie klagend. Nie jammernd. Immer erhobenen Hauptes. Wer sich Marcel Schmelzers abgelaufene Saison beim BVB anschaut, der dürfte rasend schnell zu genau dieser Einschätzung kommen.

Marcel Schmelzer ist beim BVB sportlich außen vor - und wird doch weiter gebraucht

© Deltatre

Schon in der für die Borussia ebenso turbulenten wie sportlich mäßigen Spielzeit davor klebte ihm das Unglück an den Schuhen, nur wenig wollte gelingen, am Ende enttäuschender, formschwacher Monate gab er die Kapitänsbinde ab. Ein Neustart sollte her. Nur: Es ging für Marcel Schmelzer in der gerade abgelaufenen Saison 2018/19 noch tiefer.

Junge Spieler haben ihm den Rang abgelaufen

Er startete passabel, doch dann das: Zehn Wochen lang setzte ihn im Herbst 2018 ein Knochenödem im Knie außer Gefecht, die jungen Spieler liefen ihm währenddessen den Rang endgültig ab. Als er wieder fit war, musste er warten, ganz weit hinten im Kader. Wenn überhaupt.


Manchmal schaffte er es gar nicht ins Spielaufgebot. Sogar, wenn die personelle Lage auf Schmelzers Paradeposition hinten links in der Abwehrkette prekär war, vertraute Cheftrainer Lucien Favre anderen Spielern, stellte lieber Innenverteidiger Abdou Diallo nach außen oder beorderte Raphael Guerreiro aus dem Mittelfeld zurück.

Im heimischen Stadion ausgepfiffen

Sechs Startelf-Einsätze verbuchte Schmelzer auf seinem Saisonkonto 18/19, nie zuvor waren es weniger in seinen elf Profijahren beim BVB. Dazu kamen kritische Stimmen aus dem Fanlager gegen ihn. Der Tiefpunkt: Bei seiner Einwechslung Ende Januar gegen Hannover 96 wurde er im heimischen Stadion von BVB-Fans ausgepfiffen.

Marcel Schmelzer ist beim BVB sportlich außen vor - und wird doch weiter gebraucht

Am 33. Spieltag feierte die Südtribüne Marcel Schmelzer nach dessen 250. Bundesliga-Einsatz. © imago images / Jan Huebner

Vier Monate später hat sich das Bild gedreht. Sportlich ist Schmelzer noch immer meilenweit weg davon, eine Stammkraft zu sein. Aber die Fans haben ihn längst wieder umarmt, haben sogar ein Zeichen für ihn gesetzt. Nach dem letzten Saison-Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf, seinem 250. Liga-Einsatz im schwarzgelben Trikot, rief ihn die Südtribüne zu sich, stimmte „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ an und entrollte ein Plakat mit der Botschaft: „Auf die nächsten 250 – danke Schmelle!“

Bewegende Szenen ließen einen Abschied vermuten

Und zum Saisonausklang in Gladbach bejubelte ihn die Dortmunder Kurve erneut inbrünstig. Schmelzer winkte in die Kurve, Mitspieler umarmten ihn. Es waren bewegende Szenen, die einen würdigen Abschied des gebürtigen Magdeburgers und zweifachen Deutschen Meisters im Sommer vermuten ließen.

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Doch weit gefehlt: Marcel Schmelzer bleibt bei Borussia Dortmund. Noch zwei Jahre lang läuft sein Profi-Vertrag, nicht ausgeschlossen, dass er auch danach noch für den Klub wirken wird. Denn: „Er hat sich, obwohl er nicht gespielt hat, immer tadellos verhalten. Nicht nur neben dem Platz, er hat auch konsequent erstklassige Trainingsleistungen gezeigt“, erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc gegenüber der Funke-Mediengruppe. „Er ist ein wichtiger Faktor für uns, auch in der Kabine. Er verkörpert ein Höchstmaß an Identifikation mit Borussia Dortmund.“

17.000 Mal am Ball, 2500 Kilometer gelaufen

In der Tat. Der dienstälteste Profi in Borussias Kader, geformt ab der U17 in der eigenen Jugendabteilung, hat in elf Saisons satte 21.000 Minuten gespielt, über 500 Flanken geschlagen, 356 Pflichtspiele absolviert, war über 17.000 Mal am Ball, ist 2500 Kilometer gelaufen.

Noch viel mehr als diese nackten Zahlen zählt sein emotionaler Wert. Statt ob seines Reservistendaseins Frust zu schieben, brachte er sich positiv für die Mannschaft ein, fungierte als Anfeuerer, Tröster, Ratgeber. Als Herthas Heißsporn Vedad Ibisevic Borussias Keeper Roman Bürki einen Ball an den Kopf schoss, war Schmelzer der erste, der protestierend von der Seitenlinie aus auf den Berliner Rasen spurtete.

Marcel Schmelzer ist beim BVB sportlich außen vor - und wird doch weiter gebraucht

Marcel Schmelzer stürmt in Berlin den Platz, nachdem Hertha-Angreifer Vedad Ibisevic BVB-Keeper Roman Bürki den Ball an den Kopf geschossen hat. © imago images / Matthias Koch

Nicht nur diese Sekunden bewiesen: Der 31-Jährige war schlicht mit ganzem Herzen dabei. Für seine Mannschaft. Ob er nun spielte, oder nicht. In guten wie in schlechten Zeiten eben. Und darum wird die Ehe des BVB mit Marcel Schmelzer jetzt auch weitergehen.


Perspektive für die Saison 2019/20:

Schmelzer startet völlig ohne Stammplatz-Perspektive in der neuen Saison, schließlich kommt in Nationalspieler Nico Schulz aus Hoffenheim (25 Millionen Euro Ablöse) ein Konkurrent hinzu, der als Linksverteidiger gesetzt sein dürfte. Trotzdem machen der BVB und Schmelzer weiter gemeinsame Sache. Es sei denn, urplötzlich möchte Schmelzer in diesem Sommer weg. Eine normale Beziehung ist das im knallharten Fußball-Business sicher nicht.

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