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Marcel Schmelzer: "Jeder Titel ist etwas Besonderes"

BVB-Interview zum Pokalfinale

Marcel Schmelzer ist mit Borussia Dortmund zweimal Deutscher Meister geworden, 2012 holte er das Double, 2013 stand er im Champions-League-Finale. Das heutige Pokalfinale Eintracht Frankfurt ist sein fünftes Endspiel im Berliner Olympiastadion. Von Routine kann jedoch keine Rede sein.

DORTMUND

, 27.05.2017, 07:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Im Interview mit Matthias Dersch bekommt der BVB-Kapitän, der aufgrund von muskulären Problemen noch um seinen Einsatz bangt, sogar eine Gänsehaut, als er sich einen bestimmten Moment vor Augen führt. Der 29-Jährige spricht über die verlorenen Finals der vergangenen Jahre, die Favoritenrolle des BVB und die mögliche Pokalübergabe.

Was machen Sie am 28. Mai? (lacht) Ich hoffe, dass ich an dem Tag bei unserer Landung in Dortmund von vielen Tausend BVB-Fans empfangen werde, und wir dann später gemeinsam am Borsigplatz den Pokalsieg feiern.

Seit dem Doublesieg 2012 stehen Sie zum vierten Mal im DFB-Pokalfinale. Dreimal verloren Sie seitdem das Endspiel. Was stimmt Sie diesmal zuversichtlich? Zum einen, dass wir den traditionell härtesten Konkurrenten im Wettbewerb - den FC Bayern - bereits ausgeschaltet haben. Zum anderen, dass wir aus eigener Erfahrung wissen, dass uns das nichts bringt, wenn wir es im Finale nicht veredeln. Aber ob Bayern oder ein anderer Finalgegner: Wir wissen inzwischen, wie es in Berlin läuft. Diese Erfahrung spricht für uns. Das müssen wir gegen Frankfurt zeigen. Wenn wir das mit unserer Qualität und unserer Mentalität paaren, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir am Ende des Spiels den Pokal in die Höhe stemmen können.

Anders als 2016, als Sie gegen Bayern erst im Elfmeterschießen unterlagen, gehen Sie gegen Frankfurt als Favorit ins Spiel. Ändert sich dadurch die Herangehensweise? Die Kunst wird darin liegen, das Spiel als Favorit anzugehen, ohne dabei arrogant oder übermütig zu agieren. Auch für viele unserer jungen Spieler ist es nicht das erste Endspiel in Berlin, das wird uns helfen. Alle wissen, dass es etwas Besonderes ist, dieses Spiel im Olympiastadion zu bestreiten.

Nach starker Hinrunde ist die Eintracht in der Rückrundentabelle Letzter. Das klingt nach einer leichten Aufgabe für Sie... Im Pokalfinale ist es total egal, wie die Saison zuvor gelaufen ist. Wir selbst sind das beste Beispiel dafür. Als wir vor zwei Jahren in der Liga eine schlechte Saison gespielt haben, hätte im Winter niemand darauf gewettet, dass wir in Berlin dabei sein würden. Ich appelliere daran, dass wir trotz der Vorzeichen konzentriert ins Spiel gehen.

In der Liga kassierten Sie in Frankfurt eine 1:2-Niederlage, daheim lief es beim 3:1 besser. Welche Partie dient als Blaupause für Berlin? Das Gute ist, wir spielen nicht in Frankfurt. Das Schlechte, wir spielen auch nicht in Dortmund. (lacht) Aber unsere Erfolge in der Rückrunde geben uns genug Selbstvertrauen, um das kompensieren zu können.

Eintrachts Trainer-Brüderpaar Niko und Robert Kovac kennt den BVB gut. Sie haben häufiger bei der Borussia hospitiert, Robert hat in Dortmund gespielt. Welchen Eindruck haben Sie von den beiden? Ich finde, sie machen einen richtig guten Job – auch wenn die Rückrunde nicht ganz so gelaufen ist, wie sie sich das vermutlich vorgestellt haben. Sie machen extrem viel aus den Mitteln, die sie zur Verfügung haben. Die Mannschaft ist gut zusammengestellt, hat ein klares Konzept. Das haben wir bei unserer Hinspiel-Niederlage zu spüren bekommen, damals wusste jeder genau, was er zu tun hatte. Dadurch ist es ihnen vor allem in der Hinrunde gelungen, nicht nur uns, sondern auch anderen Topteams das Leben schwer zu machen.

Dennoch folgte in der Rückrunde der Einbruch … Man darf nicht vergessen, dass sie massive Verletzungsprobleme und viele Sperren hatten. So etwas mit den Mitteln von Frankfurt aufzufangen, ist enorm schwer. Ich finde, man kann ihnen trotzdem nur ein Kompliment für ihre Arbeit machen. Sie präsentieren sich hervorragend in der Öffentlichkeit und schätzen die Situation realistisch ein.

Robert Kovac fängt jetzt sogar Räuber … Wer ihn noch aus Dortmund kennt, den dürfte das doch nicht gewundert haben. (lacht)

Dass Sie überhaupt im Endspiel stehen, hat viele überrascht. Der Anschlag am 11. April hat den BVB aus der Normalität gerissen. Mit einigen Wochen Abstand: Was hat dieser Schockmoment in Ihnen ausgelöst? Ich habe mir vorgenommen, vorläufig gar nicht mehr über diese Sache nachzudenken, sondern mich voll auf das Pokalfinale zu konzentrieren. Ich rechne aber damit, dass nach Saisonschluss alles abfallen wird und dann auch Phasen kommen werden, in denen der Moment noch einmal hochkommt und mit ihm die Frage, was alles hätte passieren können. Dann werde ich auch sicher viele Gespräche führen, um die Geschehnisse aufzuarbeiten - ganz ohne Alltagsdruck.

Hat die schnelle Festnahme des mutmaßlichen Täters bei der ersten Verarbeitung geholfen? Im ersten Moment ja. Wir konnten dann einschätzen, warum der Anschlag passiert ist. Aber natürlich fehlt jetzt noch die letzte Gewissheit. Sei es durch ein Geständnis oder durch endgültige Beweise. Ich hoffe, dass es bald vollständig aufgeklärt ist.

Als Kapitän stehen Sie der Mannschaft vor. Wie ist es Ihnen gelungen, das Team sportlich auf Kurs zu halten? Ich war ganz gut darin, das Thema zur Seite zu schieben - auch wenn das ein paar Tage gedauert hat. Ich weiß, dass das keine Dauerlösung ist, aber in unserer sportlichen Situation war es nötig. Das hat mir konkret geholfen, mich aufs Sportliche zu konzentrieren und bei Bedarf unseren jungen Spielern zur Seite zu stehen.

Hat das Attentat die Mannschaft enger zusammengeschweißt? Ja, es wäre auch schlimm gewesen, wenn es andersherum gewesen wäre. Wir haben noch intensiver als vorher miteinander gesprochen, haben uns umeinander gekümmert und uns gegenseitig geholfen. Gerade die Älteren von uns mit Familie haben häufiger bei den jungen Spielern nachgefragt, ob sie auch jemanden zuhause haben, der ihnen hilft oder ob man selbst etwas tun kann. Wir sind definitiv noch enger zusammengewachsen in den vergangenen Wochen.

Wie sehr schmerzt das stark vom Anschlag beeinflusste Aus in der Champions League gegen Monaco? Natürlich waren wir enttäuscht nach dem Aus. Ich glaube aber, man muss diese Spiele aus der Wertung nehmen. Von uns hat zwar niemand gesagt, dass er nicht spielen möchte, aber im Unterbewusstsein hat der Anschlag natürlich eine Rolle gespielt. Davon kann man sich nicht vollständig freimachen, das ist eine menschliche Reaktion. Im Hinspiel war es ganz extrem, vor dem Rückspiel kamen die Erinnerungen dann wieder hoch, als wir so lange im Bus warten mussten. Es ist natürlich schade um die viele Arbeit, die wir in diesen Erfolg gesteckt haben. Viele arbeiten ihr Leben lang darauf hin, im Champions-League-Viertelfinale zu stehen - und kommen trotzdem nie dahin. Uns ist es gelungen. Wir hatten uns auch gute Chancen ausgerechnet. Aber es hilft nichts, dem Aus nachzutrauern.

 

SEITE 2: Marcel Schmelzer über Sven Bender und Thomas Tuchel

In der Liga und im Pokal lief es dagegen weiter gut. Dabei sah es im Halbfinale in München von außen lange nach einem Ausscheiden aus. Hat es sich auf dem Platz auch so angefühlt? Ehrlich gesagt, nicht wirklich anders. Wir haben gut in die Partie reingefunden, sind in Führung gegangen. Aber wenn du dann durch zwei Tore vor der Pause mit 1:2 in Rückstand gerätst, dann weißt du, dass es sehr, sehr schwer wird.

Dann kam Sven Bender ... Ja, ohne seine Riesentat wäre das Spiel für uns vorbei gewesen. Aber wir sind danach drangeblieben und haben unsere Chancen genutzt - das hatte uns gegen die Bayern zuletzt häufiger gefehlt. Diesmal waren wir eiskalt und konnten so das Spiel noch drehen.

Im Rückblick wurde Benders Szene als der große Wendepunkt beschrieben. Löst so eine Szene auf dem Platz wirklich etwas aus? Ja, das gibt allen einen Schub. Da denkst du automatisch: Also, wenn dieser Ball nicht reingeht, dann lasst uns das jetzt noch einmal mit aller Macht versuchen! Natürlich mussten wir trotzdem noch zwei Tore schießen, aber die Szene hat uns ganz klar im Spiel gehalten.

Vor zwei Jahren haben Sie die Bayern ebenfalls im Halbfinale besiegt - und dann das Finale gegen Wolfsburg verloren. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen? Wie eingangs geschildert: Dass der Wettbewerb mit einem Halbfinal-Sieg in München noch nicht vorbei ist für uns. Vielleicht ist es sogar ganz gut für den 27. Mai, dass wir diese Erfahrung vor zwei Jahren schon einmal machen mussten.

Wie hoch wäre ein Titelgewinn in diesem Jahr, das geprägt wurde durch den personellen Umbruch und den Anschlag, zu bewerten? Für mich ist jeder Titel etwas Besonderes. Denn es ist keine Normalität. Wie viele streben danach? Und wie viele schaffen es letztlich in ihrer Karriere? Ich bin deshalb froh über jeden einzelnen Titel, den wir als Mannschaft und als Verein gewinnen können. Ich würde den Pokalsieg auch nicht als Belohnung sehen für das, was wir durchmachen mussten. Wir hätten ihn uns aufgrund unserer harten Arbeit über das Jahr auch so verdient.

Sie würden im Falle eines Sieges den Pokal in Empfang nehmen, bekäme der Titel für Sie dadurch eine besondere Bedeutung? Ich muss gestehen, dass ich allein von Ihrer Frage Gänsehaut bekomme. Von einem solchen Moment habe ich als Kind geträumt - ohne dass ich mir das damals vorstellen konnte, einmal wirklich so weit zu kommen. Aber ich möchte auch nicht über Dinge sprechen, die noch nicht passiert sind. Lassen Sie uns da lieber noch mal im Sommer drüber reden, wenn es dann wirklich eingetroffen sein sollte. (lacht)

In den Wochen vor dem Pokalfinale gab es Unruhe um Ihren Trainer Thomas Tuchel. Hat das die Vorbereitung beeinflusst? Nein, in der Mannschaft war das kein Thema. Uns belastet das auch nicht. Wer uns im Training gesehen hat, der weiß, dass wir voll fokussiert gearbeitet haben, um am 27. Mai den Pokal zu gewinnen. Es gibt immer wieder die Debatte, das Pokalfinale ins Ausland zu verlegen. Wie stehen Sie zu dieser Idee? Ich glaube, so ein Finale sollte man als Spieler mit seiner Familie, seinen Freunden und auch seinen Fans feiern können. Deshalb fände ich das schwierig.

Gibt es einen Mythos Olympiastadion? Was in England das Wembleystadion ist, ist für Deutschland das Olympiastadion. Das gehört zum Pokalfinale. Der Pulsschlag geht sofort hoch, wenn du am Tag des Finals vom Hotel in Richtung Stadion fährst und die vielen Fans auf den Straßen siehst.

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