Michael Rummenigge: „Der BVB verfügt über einen meisterreifen Kader“

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Der ehemalige BVB-Profi Michael Rummenigge sieht Borussia Dortmund für die neue Saison gut aufgestellt und bescheinigt dem Klub einen „meisterreifen Kader“. Ein großes Problem bleibe jedoch.

von Michael Rummenigge

Dortmund

, 31.08.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fünf Jahre lang hat Michael Rummenigge für Borussia Dortmund gespielt, 1989 mit dem BVB in Berlin den DFB-Pokal gewonnen. In seiner Kolumne für die Ruhr Nachrichten blickt der 56-Jährige auf die aktuelle Lage bei den Schwarzgelben:


Das große Problem der Borussia heißt Bayern München. Eigentlich verfügt Dortmund über einen meisterreifen Kader, aber leider gibt es derzeit eben eine Mannschaft in Deutschland, die noch besser ist. Die Triple-Bayern. Nur mit Glück holst du diese Titel nicht. Trainer Hansi Flick, den ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit bei den Bayern kenne, macht da einen herausragenden Job. Und ich glaube auch, dass die Münchner weiterhin nur extrem schwer zu packen sein werden. Sie werden keinen Deut nachlassen.

Jadon Sancho und Erling Haaland sind nur schwer zu stoppen

Aber: Ich halte den Kader des BVB in dieser Spielzeit für noch stärker als den der Vorsaison. Achraf Hakimi und Mario Götze sind zwar nicht mehr dabei, dank der Neuzugänge Thomas Meunier und Jude Bellingham steckt nun jedoch noch mehr Qualität im Team. Das Dortmunder Ziel muss es also sein, wenn es schon mit der Meisterschaft vermutlich nichts wird, näher an die Bayern heranzurücken. Ihnen das Leben schwer zu machen und die Konkurrenz aus Leipzig oder Gladbach auf Abstand zu halten, das muss dieser glänzend besetzte BVB einfach schaffen. Die Fans müssen sehen, dass ihr Team alles gibt, alles versucht, und auch beim Spiel in München endlich ohne Angst auftritt.

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Damit das gelingen kann, ist natürlich Jadon Sancho ein ganz wichtiger Eckpfeiler. Dass die Borussia ihn halten konnte und im Transfergerangel mit Manchester United hart geblieben ist, ist nicht nur gut für den Klub. Sancho ist eine Ausnahmeerscheinung für die gesamte Bundesliga. Wenn er sein Niveau aus der Vorsaison stabilisieren kann, wird er erneut sehr, sehr wertvoll für den BVB sein. Sein Tempo, seine Dribbelstärke können jeden Gegner zur Verzweiflung bringen. Ähnlich verhält es sich mit Erling Haaland. Die Wucht dieses Norwegers ist unglaublich, für seine 20 Jahre ist er schon sehr weit.

Einen echten Ersatz für Haaland gibt es beim BVB nicht

Das zweite Jahr nach seinem Traumeinstand wird für ihn aber schwierig, er wird sich beweisen müssen, denn die anderen Klubs werden sich auf ihn einstellen. Zudem existiert jetzt eine gewisse Erwartungshaltung an seine Treffsicherheit. Haaland wird Tore liefern müssen, auch in den Top-Duellen gegen Gladbach oder Bayern wird er gefordert sein. Obwohl jeder weiß, dass junge Spieler auch mal in ihrer Entwicklung normale Durchhänger haben, sind seine Topleistungen quasi unverzichtbar. Denn einen echten Ersatz für ihn gibt es im BVB-Kader nicht. Thorgan Hazard ist für mich kein Mittelstürmer, Julian Brandt oder Marco Reus fühlen sich vorn in der Spitze auch nicht wohl. Und bei aller Qualität des jungen Youssoufa Moukoko muss man klar sehen: Der Junge muss sich mit nicht einmal 16 Jahren erst einmal an Tempo, Härte und Intensität des Profifußballs gewöhnen. Als voll einplanbaren zweiten Stürmer darf man Moukoko sicher noch nicht betrachten.

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Unter erhöhtem Druck steht Lucien Favre. Er geht Stand jetzt in sein letztes Vertragsjahr als Trainer und die Erwartungen der Fans sind riesig: In der Bundesliga muss er mindestens die Nähe zu Platz eins herstellen, dazu muss der BVB im DFB-Pokal und in der Champions League deutlich besser abschneiden als in den ersten beiden Jahren unter Favre. Vor diesem Hintergrund verstehe ich einfach nicht, warum er jetzt in der Vorbereitung auf die neue Saison zum System mit der Vierer-Abwehrkette zurückkehren will.

Warum ohne Not diese BVB-Kehrtwende zur Viererkette?

Das im Vorjahr veränderte System mit der Dreierkette hat doch sehr gut funktioniert, die Ergebnisse passten weitgehend, die Spieler waren damit glücklich, es kam sogar tragenden Säulen wie Jadon Sancho oder Raphael Guerreiro sehr entgegen, sie konnten in diesem System ihre Qualitäten noch besser einbringen. Und Dortmund stand defensiv deutlich stabiler als zuvor mit der Viererkette. Warum also jetzt ohne Not diese Kehrtwende? Es ist ein Risiko, Pep Guardiola hat ja mit Manchester City in der Champions League gegen Lyon gerade leidvoll erfahren, was passieren kann, wenn man einer Mannschaft eine andere Formation verordnet, die für sie nicht passend ist.

Hoffentlich behält Favre am Ende Recht, nicht, dass durch einen holprigen Saisonstart schon die ersten wertvollen Punkte weg sind. Ich hoffe außerdem, dass Marco Reus schnell wieder vollends fit wird. Denn natürlich rücken zwar bereits Youngster wie Giovanni Reyna nach und es darf bei der Frage nach der Aufstellung immer nur nach Leistung gehen, und nicht danach, was irgendwer mal irgendwann gezeigt hat. Aber ruft ein gesunder Reus seine Leistung ab, dann wird er spielen. Nicht nur ihm bei der Borussia wünsche ich, dass es endlich mal wieder mit einem Titel klappt. Reus und Mats Hummels sind beide 31 Jahre alt. Ein paar Jahre können sie also als Führungskräfte im BVB-Trikot noch auf höchstem Level agieren - also nicht ausgeschlossen, dass da noch was zum Feiern kommt. Wenn die Bayern es irgendwann zulassen, sollte Dortmund da sein.

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