Nationaltrainer Joachim Löw: „Wir wollen unbedingt ganz weit kommen“

EM 2020

Joachim Löw schreibt das letzte Kapitel seiner Bundestrainer-Geschichte. Vor dem Turnierstart spricht er über Ambitionen, die Fan-Rückkehr, BVB-Profi Hummels und Kritik „unter der Gürtellinie“.

Dortmund

09.06.2021, 14:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Joachim Löw geht bei der EM in sein letztes Turnier als Bundestrainer.

Joachim Löw geht bei der EM in sein letztes Turnier als Bundestrainer. © dpa

Joachim Löw geht in sein letztes Turnier als Bundestrainer. Für ein Happy End will der Weltmeistercoach von 2014 keine konkrete Runde benennen. „Das kann ich schwer an Viertelfinale, Halbfinale oder Finale festmachen“, sagt Löw vor dem Turnierstart im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Er wolle aber mit seiner Mannschaft „unbedingt ganz weit kommen“. Gespannt ist er auch auf die Zeit ohne Nationalmannschaft und seinen Nachfolger Hansi Flick.

Herr Löw, im Volksmund heißt es, der letzte Eindruck bleibt. Sie haben in 15 Jahren als Bundestrainer Geschichte geschrieben. Jetzt geht es an Ihr letztes Kapitel. Wie sehr glauben Sie an ein Happy End? Oder zweifeln Sie etwa daran?
Ich gehe mit sehr viel Vorfreude und einem gesunden Optimismus in das Turnier, weil ich die Mannschaft in der Vorbereitung erlebe und spüre, dass die Spieler vor Ehrgeiz brennen. Sie wollen ein sehr gutes Turnier spielen. Wir sind gut im Plan. Der Feinschliff muss jetzt noch passieren bis zum Start gegen Frankreich. Das gibt mir schon Hoffnung.

Ganz genau einschätzen können Sie es also noch nicht?

Natürlich, Fehler sind passiert, im Spiel und im Training. Das ist aber normal in einer Vorbereitung. Aber wir können uns darauf konzentrieren, wie wir Dinge besser machen können. Insgesamt spüre ich Energie, spüre ich Tatendrang bei der Mannschaft. Und das ist auch bei uns Trainern so. Wir haben eine gute Mannschaft, die vieles erreichen kann.

Sie haben sich immer wieder als Turniertrainer bezeichnet. Turniere geben Ihnen den besonderen Kick, Sie liebten die Alles-oder-nichts-Spiele bei einer WM oder EM. Wie glücklich sind Sie, dass Sie nach der Zuschauerzusage nun auch in München zum Abschluss ihrer DFB-Tätigkeit kein Geisterturnier erleben?

Das war eine wahnsinnig erfreuliche Nachricht. Wir haben lange genug Geisterspiele erlebt. Das ist mit der Zeit richtig zäh gewesen. Dass jetzt Zuschauer in München bei unseren Spielen gegen Frankreich, Portugal und Ungarn dabei sind, ist natürlich klasse. Früher wäre man bei einer Zahl von 14 000 Zuschauern in so einem großen Stadion enttäuscht gewesen, aber jetzt freut man sich total. Das schafft Atmosphäre. Da passiert etwas, da sind Emotionen da. Das hilft allen Mannschaften, die bei dem Turnier antreten - und uns zu Hause natürlich auch. Darauf freue ich mich.

Sie haben im Trainingslager in Seefeld mit den Spielern viel an den Basics gearbeitet. Sie sagten, am Einmaleins des Fußballs. Ist jetzt in der letzten Woche im Basisquartier in Herzogenaurach alles nur noch auf den 15. Juni und auf Frankreich ausgerichtet?

Ja. Wir haben eine Basis gelegt. Lettland im letzten Testspiel war ein anderer Gegner. Am Donnerstag beginnen wir ganz konkret mit der Vorbereitung auf Frankreich, mit Gesprächen, mit Videos. Wir müssen den Spielern Informationen geben: Was macht Frankreich in der Offensive? Und am nächsten Tag heißt es dann: Was macht Frankreich in der Defensive? Welche Lösungen haben wir? Im Training wird an der Feinabstimmung gearbeitet, an einem Matchplan gegen die Franzosen. Wir dürfen dabei aber auch unsere Stärken nicht verlieren. Wir haben einen Plan in unserem Spiel, eine klare Idee und Philosophie. Die müssen wir umsetzen, unabhängig vom Gegner. Dabei geht es um Nuancen. Portugal zum Beispiel spielt etwas anders als Frankreich.

Ist der Weltmeister der schwerstmögliche Auftaktgegner?

Ja! Weil Frankreich einfach individuell überragend gut besetzt und unglaublich variabel ist. Die Franzosen sind extrem schwer auszurechnen. Man weiß nicht richtig, wie sie in der Offensive agieren. Das ist vielfältig. Die Spieler wechseln permanent die Positionen und sind alle so gefährlich, dass sie minimale Situationen zu Toren nutzen und Spiele entscheiden können. Das spüre ich. Wenn man gegen die Franzosen in einzelnen Aktionen unkonzentriert ist und kleinste Fehler macht, dann verliert man gegen sie. Darum müssen wir die Konzentration schärfen.

Frankreichs Defensivarbeit gilt ebenfalls als top. Es ist schwer, sie zu schlagen.

Sie sind in der Defensive kantig und aggressiv und sehr stark. Alleine Pogba, Kanté oder Rabiot im Mittelfeld, das sind Spieler, die wahnsinnig gut verteidigen und auch angreifen können. Also: Frankreich ist absolut auf Top-Niveau. In jeder Beziehung.

Was für ein Turnier erwarten Sie nach dieser langen Corona-Phase, sowohl sportlich als auch atmosphärisch?

Ich denke, die Atmosphäre wird sehr gut sein, wenn es auch nicht immer volle Stadien gibt. Die Menschen freuen sich, sie fiebern auf dieses Turnier hin. Die Zuschauer, die im Stadion sind, werden wieder mit allen Emotionen dabei sein. Sportlich erwarte ich ein sehr ausgeglichenes Turnier. Es gibt einige Mannschaften, die auf einem absolut gleichen Niveau spielen. Sieben, acht Topnationen sehe ich auf Augenhöhe. Da entscheidet, wer die beste Konstanz hat, die größte Konzentration und auch den längsten Atem über das Turnier hinweg. Und natürlich kommt der Faktor Glück in dem einen oder anderen Spiel oder Moment dazu. Glück braucht man auch, wenn man Turniersieger werden will.

Sie haben BVB-Profi Mats Hummels, der einen großen Erfahrungsschatz mitbringt, zur Stabilisierung der Abwehr zurückgeholt. Sie haben aber auch schon immer sehr von Antonio Rüdiger geschwärmt, der nun als Champions-League-Sieger in die EM geht. Erleben wir aktuell den besten Rüdiger? Könnte dieser Sommer seine Zeit werden?
Mats Hummels und Thomas Müller sind enorm erfahren und kommunikativ. Ich bin davon überzeugt, dass wir dies brauchen in diesem Turnier. Toni Rüdiger ist fraglos auf einem unglaublich hohen Niveau. Noch vor einem halben Jahr war er bei Chelsea sehr bedrückt. Ich habe da einige Male mit ihm Kontakt gehabt. Er wusste nicht, wie es weitergeht. Der Trainerwechsel hat ihm entscheidend geholfen. Er erfüllt seitdem seine Aufgabe.

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Auch Sie können also Thomas Tuchel dankbar sein. In der Vorbereitung ist auch ein anderer, sehr selbstbewusster Toni Rüdiger zu beobachten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Toni Rüdiger hat einen unglaublichen Sprung in seiner Persönlichkeit gemacht. Er hat einen Reifeprozess durchlaufen. Heute kommuniziert er, heute redet er auf dem Platz. Er ist ein Anführertyp geworden, der andere mitzieht, der andere pusht, der anderen als Vorbild dient, weil er eine Aggressivität und Zweikampfstärke besitzt, die beeindruckend ist. Das ist mitreißend für andere.

Rüdiger steht beispielhaft dafür, dass es bei Spielern auch auf das Momentum ankommt, mit dem sie in ein Turnier gehen. Kai Havertz erlebt nach dem Siegtor im Champions-League-Finale gerade ebenfalls den besten Moment seiner Karriere. Kann er in seinen jungen Jahren schon eine prägende Figur dieser Europameisterschaft werden?

Kai ist noch jung. Er hat auf jeden Fall das Potenzial dazu. Das hat man auch bei ihm gemerkt nach dem Champions-League-Triumph. Nach ein paar Tagen geht die Euphorie erstmal wieder weg, man muss durchatmen. Aber dann muss man als Spieler wieder hochfahren. Und das ist anfangs nicht ganz so einfach. Kai hat in England in der Premier League bei Chelsea einen Prozess durchlaufen. Es war eine harte Saison für ihn. Es gab auch Rückschläge. Manchmal hat er nicht gespielt, was aber völlig normal ist bei so einem jungen Spieler. Das muss man auch beim Turnier sehen.

Was kann Havertz konkret der deutschen Mannschaft geben?

Er ist für uns ein wichtiger Faktor im Spiel, ein wichtiger Spieler. Denn er hat einfach Voraussetzungen, die sind sehr, sehr gut. Ob so ein junger Spieler das Turnier zu seinem Turnier machen kann, das kann vorher keiner sagen. Aber das Potenzial für einen Topspieler hat er auf jeden Fall.

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Manuel Neuer ist als Kapitän und Nummer 1 im Tor über jeden Zweifel erhaben. Der zweite Spieler, der für Sie auch nach der verkorksten WM 2018 und dem danach vollzogenen Umbruch immer ein absoluter Fixpunkt blieb, ist Toni Kroos. Können Sie als Trainer nachvollziehen, dass an Kroos immer wieder gezweifelt wird?

Grundsätzlich ist es für mich ja nichts Neues, dass es zu manchen Spielern unterschiedliche Meinungen gibt und dass sich an solchen Spielerpersönlichkeiten bisweilen gerieben wird. Die einen sagen große Klasse, die anderen sehen die Schwächen. Toni Kroos ist jetzt vielleicht auch mal das eine oder andere Mal dran gewesen. Ich kenne das nicht anders nach den vielen Jahren als Bundestrainer.

Worauf zielen sie ab?

Wie war es denn 2014 mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder auch Miroslav Klose? Was ist da zwischen 2012 und 2014 nicht alles geschrieben und gesagt worden über diese Spieler, was teilweise auch unter die Gürtellinie ging. Das muss man dann auch erdulden. Diese Spieler haben dann ja beim Titelgewinn in Brasilien gezeigt, was sie können. Spieler durchlaufen in einer Karriere einen Prozess von guten Spielern zu überragenden Spielern bis hin zu Führungsspielern. Das dauert, das geht nicht von heute auf morgen. Toni Kroos hat diese Entwicklung auch durchgemacht.

Über Joachim Löw
  • Joachim Löw ist am 3. Februar 1960 in Schönau im Schwarzwald geboren.
  • Seine Profi-Karriere begann er beim SC Freiburg, in der Bundesliga spielte er für den VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt.
  • Als Vereinstrainer gewann er mit dem VfB Stuttgart (1997) den DFB-Pokal. Er arbeitete bei Fenerbahce Istanbul und wurde mit dem FC Tirol Innsbruck Meister in Österreich (2002).
  • 2004 kam er zum DFB. Er war zunächst Assistent von Jürgen Klinsmann, seit 2006 ist er selbst Bundestrainer. Größter Erfolg war der WM-Titelgewinn 2014.



Wie drückt sich das in Ihrer Mannschaft aus?

Da kann man jeden einzelnen Spieler oder jeden in unserem Team fragen: Toni ist ein Vorbild an Professionalität. Besser kann man sich nicht auf den Job vorbereiten, mehr kann man nicht machen. Das gepaart mit seiner Spielübersicht und seiner Technik, damit ist er für mich derzeit einfach ein unverzichtbarer Spieler. Toni ist in einem Spiel überragend - gerade auch dann, wenn es schwierig ist und du auf dem Platz Kontrolle brauchst.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie diese Mannschaft nicht mehr betreuen? Fürchten Sie vielleicht, nach 15 Jahren als Bundestrainer erstmal in ein Loch zu fallen?

Erstmal freue ich mich auf die Zeit, die nach der EM kommt. Da kann ich mich auch mal wieder anderen Dingen in meinem Leben widmen. Vor einem Turnier bin ich praktisch schon ein halbes Jahr davor nirgendwo anders mit den Gedanken als beim Fußball. Da freue ich mich, wenn ich mal loslassen kann für ein paar Wochen, Zeit habe für Freunde und Familie. Vielleicht kommt auch mal eine gewisse Leere. Das kann schon sein, weil man eine wichtige Aufgabe hatte, viel Verantwortung. Ich kenne das: Nach Turnieren gab es immer eine Leere. Aber wenn man wieder neue Ziele entwickeln will, muss man Leere zulassen. Daraus entstehen wieder neue Gedanken.

Zum Abschluss Ihrer Zeit als Bundestrainer schließt sich dann irgendwie ein Kreis. Hansi Flick, Ihr erster Assistent von 2006 bis zum WM-Titelgewinn 2014, wird Ihr Nachfolger. Schön, oder?

Als es konkret wurde mit Hansi und klar war, dass er Bundestrainer werden möchte, habe ich mich gefreut. Zum einen für Hansi, weil er als Trainer eine sehr gute Entwicklung gemacht hat. Hansi kennt den DFB in- und auswendig. Und er kennt nicht erst durch seine Tätigkeit bei Bayern München sehr viele Spieler und hat eine unglaubliche Nähe zu diesen Spielern.

Mit diesen hat er in München sieben Titel gewonnen, wohl auch dank seiner Fähigkeit, eine Mannschaft hinter sich zu vereinen?

Ich weiß, wie Hansi tickt und denkt. Er ist empathisch, er findet einen Zugang zu den Spielern durch Kommunikation. Und er verfolgt eine klare Spielidee, die geprägt ist von fußballerischer Kultur und von Offensivgeist. Das freut mich ganz besonders. Denn das ist die Zukunft: Deutschland soll und muss weiterhin einen technisch guten Fußball spielen - und nicht zu den Wurzeln zurück, die noch vor Jahren über allem anderen standen. Da zählte man allein Kampf und Einsatz zu den deutschen Tugenden. Aber Spielkultur ist Gegenwart und vor allem die Zukunft. Und genau dafür steht Hansi Flick! Und deswegen freue ich mich. Für Hansi und den deutschen Fußball.

Ist das Team, das Sie ihm im Sommer übergeben, vielleicht schon bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar oder spätestens bei der Heim-Europameisterschaft 2024 wieder titelfähig?

Ich glaube, dass die Entwicklung dieser Mannschaft noch nicht zu Ende ist. Wir haben genug Spieler, die 23, 24, 25 sind. In zwei, drei, vier Jahren wird es mit einem Zugewinn an Erfahrung ähnlich sein wie bei unserer Goldenen Generation mit Lahm, Schweinsteiger, Boateng, Khedira, Özil, Kroos, Neuer, Hummels, Müller. Ich könnte noch mehr aufzählen. Zwischen 25 und 30 tut sich im Fußball nochmal einiges bei den Klassespielern.

An wen denken Sie da zum Beispiel?

Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Serge Gnabry und andere. Bei dieser Generation spüre ich einen unglaublichen Ehrgeiz und Hunger. Die lassen nicht durch ein paar Titelgewinne mit dem FC Bayern nach. Genau bei diesen Spielern gibt es zwischen 25 und 30 nochmal eine ganz wichtige Entwicklung. Da kommt ein großer Erfahrungsschatz dazu, der hilft bei den Turnieren. Ich denke, dass diese Mannschaft in zwei, drei, vier Jahren auf ihren absoluten Höhepunkt zusteuern kann.

Zurück zum Anfang: Wann ist für Sie persönlich ihr achtes und letztes Turnier als Bundestrainer ein Erfolg? Mit welchem Abschluss könnten Sie gut leben?

Das kann ich schwer an Viertelfinale, Halbfinale oder Finale festmachen. Klar wollen wir unbedingt ganz weit kommen. Aber wenn die Mannschaft gewisse Dinge umsetzt, wenn sie ehrgeizig ist, wenn sie ein positives Auftreten hat und auch neben dem Platz ein gutes Team ist, wenn also alle im Land spüren: Hey, diese Mannschaft gibt alles für Deutschland - dann gäbe mir das schon mal eine große Zufriedenheit.

von dpa

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