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Perfektionist Lucien Favre hofft auf den zweiten Titel-Anlauf beim BVB

rnBorussia Dortmund

Lucien Favre hat den BVB in der Saison 18/19 wieder zum Leben erweckt und auf Platz zwei geführt, die Meisterschaft aber hauchdünn verpasst. Eine herausragende Leistung - doch es gibt auch Kritik.

Dortmund

, 24.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Jugendliche 61 Jahre ist der Mann aus der Schweiz mittlerweile. Er gehört zu der Gruppe der renommierten Trainer im Fußballgeschäft. Favre mache seine Mannschaften besser, er mache jeden Spieler besser, heißt es. Diesen Ruf hat er sich in der Bundesliga erworben, als er das No-Name-Team aus Berlin gleich zwei Mal ins internationale Geschäft führte. Aus Gladbach, seinerzeit ein Team, das sich in der Abstiegsrelegation gerettet hatte, machte er einen Champions-League-Anwärter. Auch in Nizza gelang es ihm, aus bescheidenen Mitteln großen Ertrag zu generieren.

Favres Erfolge sind auch in Dortmund messbar. Aber es gibt einen Unterschied. Am Borsigplatz ist alles mindestens zwei Nummern größer als in Nizza, Berlin oder seinerzeit Gladbach. Beim BVB hatte er gleich in seinem ersten Jahr die große Chance auf die Deutsche Meisterschaft. Unerwartet, ja. Aber sie war mit den Händen greifbar. Es wäre auch sein erster Titel in einer der großen europäischen Ligen gewesen.

Richtig zufrieden war Favre eigentlich nie

Dass dies am Ende nicht gelang, wird der pragmatisch denkende Trainer vielleicht sogar als erwartbares Resultat beschreiben. Favre sah immer reichlich Verbesserungspotenzial bei seiner Mannschaft, auch wenn sie, wie beim 7:0 gegen Nürnberg, ein beinahe perfektes Spiel hingelegt hatte. Richtig zufrieden war Favre eigentlich nie.

„Er sieht die kleinsten Kleinigkeiten, er findet Details, die nur ihm auffallen.“
Hans-Joachim WatzkE

An den fachlichen Qualitäten des Mannes aus Saint-Barthélemy in der Schweiz, der vom Typ her eher Professor als Pädagoge ist, gibt es wenig Zweifel. Favre hat Borussia Dortmund einen klar erkennbaren fußballerischen Anstrich verpasst. Er liebt es, seine Mannschaft bis ins kleinste Detail vorzubereiten. „Er steht mit dem Gedanken an Fußball auf und geht abends mit den Gedanken an Fußball ins Bett“, sagt sein Berater Reza Fazeli. Eventualitäten auszuschließen oder zumindest bestmöglich auf sie vorbereitet zu sein, das sieht er als wichtigen Teil seiner Aufgabe an.

Favre ist jemand, für den Fußball ein Lebenselixier ist, ein Treibstoff. Rastlos tüftelt er an Taktik, Aufstellung und Trainingsplänen. „Er sieht die kleinsten Kleinigkeiten, er findet Details, die nur ihm auffallen“, sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. Schon vor dem finalen Showdown am Wochenende sang er das große Loblied auf den Trainer. Für die Leistung dieser Saison, sagte Watzke, gebühre allen „ein riesengroßes Kompliment“. Und Favre war der Architekt, der mit präzisen Plänen den Grundstein legte.

Pressekonfernzen unterliegen nicht der Vergnügungssteuer

Der Ruf, kompliziert und schrullig zu sein, eilte ihm voraus, er hat ihn in seinem ersten BVB-Jahr befeuert. Pressekonferenzen mit Favre unterliegen nicht der Vergnügungssteuer. Eigentlich redet er gern über Fußball – wenn er nicht über das Team reden muss, das er gerade trainiert. Er macht sich 24 Stunden am Tag Gedanken darüber, was seine Mannschaft verbessern muss. Aber die Erkenntnisse behält er dann lieber für sich.

Perfektionist Lucien Favre hofft auf den zweiten Titel-Anlauf beim BVB

Vorbei ist die Zeit, in der in der BVB-Kabine ein vergiftetes Klima herrschte. Lucien Favre hat Borussia Dortmund nicht nur sportlich vorangetrieben. © imago

Lucien Favre hat Borussia Dortmund zu einer besser Fußball spielenden Mannschaft geformt. Ebenso wichtig war die Arbeit, die er im Verborgenen geleistet hat: Favre hat das vergiftete Klima gereinigt nach einer Saison, in der die Mannschaft keine Mannschaft war, in der Störfeuer an der Tagesordnung waren. Völlig untypisch für Dortmund. Mit dem obersten Gebot des respektablen Umgangs im täglichen Miteinander hat er ein Leistungsbewusstsein geschaffen, das in dem neu entstandenen Wohlfühlklima prächtig gedeihen konnte.

Favre ist kein Motivater wie Klopp oder Tuchel

Doch in seiner ersten Saison ist Favre auch an Grenzen gestoßen. Die Zweifel, dass er seine Mannschaften auch auf einer anderen Ebene als der fachlich-analytischen motivieren kann, erhielten Nahrung, als im Titel-Endspurt die Nerven blank lagen. Die Spieler nicht nur mit dem taktischen Rüstzeug auszustatten, sondern sie auch emotional zu packen, kann ein paar Extra-Prozent herauskitzeln. Nicht wenige vermissten in der nervlich hoch fordernden Endphase daher an der Linie einen Motivator a la Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel.

Doch mit 61 Jahren wird aus Favre kein anderer Trainertyp mehr werden. „Wir wussten, was wir bekommen“, hat Watzke mal erklärt. Grundsätzliche Bedenken sind auch nicht erwachsen, als der Mannschaft in Spielen wie im Derby oder in Bremen die Kontrolle entglitt.

Große Chance verpasst - gibt es eine neue?

Und nach der zweiten Investitions-Offensive - angefangen mit Nico Schulz, Thorgan Hazard und Julian Brandt - wird ihm zum Saisonstart ein Kader zur Verfügung stehen, der ihm theoretisch einen zweiten Anlauf auf den Titel mit dem BVB ermöglichen wird. Ob die Gelegenheit tatsächlich noch einmal kommt, steht auf einem anderen Blatt angesichts der erwarteten Groß-Offensive des FC Bayern auf dem Transfermarkt. Favre weiß, dass er in diesem Jahr eine riesengroße Chance verpasst hat.

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