Quambusch über die Tennisball-Würfe in Stuttgart

"Kein Zwanni" polarisiert

Erst ein Stimmungs-Boykott, dann der Wurf von Dutzenden Tennisbällen - das Bündnis „Kein Zwanni - Fußball muss bezahlbar sein“ hat am Dienstagabend beim DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Stuttgart und Dortmund (1:3) international Aufmerksamkeit erregt. Wir haben mit dem Mitbegründer des Bündnisses, Marc Quambusch, gesprochen.

DORTMUND

, 12.02.2016, 07:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
Quambusch über die Tennisball-Würfe in Stuttgart

Bilder der Partie Stuttgart gegen Dortmund.

Wie zufrieden sind Sie mit der „Kein Zwanni“-Protestaktion in Stuttgart, die sich gegen die Preispolitik des VfB richtete?

Wir sind sehr zufrieden. Natürlich gibt es auch Stimmen, die das nicht gut fanden, was wir dort gemacht haben. Aber das positive Echo überwiegt deutlich. Mit Kritik muss man leben, wenn man zu dem Mittel des „zivilen Ungehorsams“ greift, wie wir es mit dem Tennisball-Wurf getan haben. Wir denken, dass gerade diese Aktion hauptverantwortlich war für die große mediale Aufmerksamkeit des Protests. Selbst in England oder Argentinien wurde darüber berichtet.

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Der 20-minütige Boykott außerhalb des Gästeblocks hat im Vorfeld großes Echo hervorgerufen, bekam am Abend viel positiv besetzte Aufmerksamkeit bei Sky und in der ARD. Hätte das nicht gereicht? Warum dann noch die Aktion mit den Tennisbällen?

Das ist eine berechtigte Frage. Aus England haben wir viel Zuspruch dafür bekommen, dort hieß es, es sei eine geile PR-Aktion gewesen. Ich denke, wir hätten insgesamt nicht diese Breitenwirkung erzielt, wenn wir auf die Tennisbälle verzichtet hätten. Natürlich haben wir uns damit ein Stück weit angreifbar gemacht. Aber in einer Demokratie muss man diskutieren und auch mal anderer Meinung sein können. Es ist doch so: Es waren weiche Bälle, nichts ist passiert - außer dass das Spiel kurz unterbrochen war.

 

Welche Idee steckte hinter den Tennisbällen?

Wir wollen kein Tennispublikum, dass nur in den Spielpausen fröhlich applaudiert. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Tennis ist ein schöner Sport. Aber ein Tennispublikum beim Fußball? Abgesehen davon sollte es eine ironische Ansage sein: Die Preispolitik der Stuttgarter war „großes Tennis“.

Aber ist der Wurf von Dutzenden Tennisbällen auf das Spielfeld das richtige Mittel, um dagegen zu protestieren? Die Bälle flogen ja sogar auf den eigenen Spieler Henrikh Mkhitaryan, als dieser gerade eine Ecke ausführen wollte …

Um es klar zu sagen: Die Würfe auf Mkhitaryan waren kein Teil des Protests. Das war eine Quatsch-Aktion eines Einzelnen, die wir nicht gutheißen können. Der kollektive Wurf nach 25 Minuten hat niemanden getroffen.

Der DFB hat aufgrund der Tennisball-Würfe aus dem BVB-Fanblock am Dienstag ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Borussia Dortmund muss nun Stellung nehmen zu dem Vorfall, anschließend wird das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bunds über das Strafmaß entscheiden, das von einer Geldstrafe bis zu einem Teilausschluss der Fans reichen könnte. Die BVB-Fans gelten aufgrund mehrerer Verfehlungen als „Wiederholungstäter“.

 

Dennoch: Haben Sie sich mit der Aktion nicht ins eigene Fleisch geschnitten und der grundsätzlich positiv gesehenen Protestaktion einen negativen Anstrich gegeben?

Noch einmal: Kritik an dieser Aktion ist für uns völlig okay. Aber wir sind nach wie vor von dieser Aktionsform überzeugt. Die Medienaufmerksamkeit wäre ohne den Wurf nicht annähernd so groß ausgefallen.

 

Provokant gefragt: Liefern Sie mit einer solchen Aktion, die eine Geldstrafe des DFB nach sich ziehen wird, den Klubs nicht einen Vorwand, die Preise weiter zu erhöhen?

Gemessen am Gesamtumsatz der Klubs fallen die Strafen des DFB kaum ins Gewicht. Sie sind lächerlich gering, wenn man das mal in Relation setzt. Meiner Meinung nach sollte der DFB lieber überlegen, wie er faire Preise in seinem Wettbewerb DFB-Pokal garantieren kann als über eine Geldstrafe für den BVB nachzudenken.

Selbst in der noch stärker durchkommerzialisierten Premier League hat ein stiller Protest beim FC Liverpool jüngst zu einem Umdenken des Klubs geführt. Zeigt das nicht, dass man auch ohne geworfene Tennisbälle Erfolg haben kann?

Ich würde das nur ungern gegeneinanderstellen. Wir hatten in den vergangenen Tagen regelmäßig Kontakt mit den Liverpooler Fans. Wir fanden ihre Aktion gut, sie unsere. Und wir finden es toll, dass sie damit Erfolg hatten. Es bewegt sich etwas. Schalke-Manager Horst Heldt hat jetzt gesagt, die Preise müssten für alle bezahlbar sein. Ich interpretiere das so, dass auch der S04 künftig sensibler mit der Preispolitik umgeht. Entscheidend ist doch eine Sache.

 

Welche?

Wir sitzen letztlich alle im gleichen Boot: Fans, Vereine, Verbände. Niemand möchte - wie am Dienstag in Stuttgart - in einem Pokal-Viertelfinale auf Tribünen schauen, auf denen Tausende Plätze unbesetzt sind. Wir alle wollen doch schönen Fußball in vollen Stadien erleben.

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