Rouven Schröders Karriere ist filmreif: Von der Honorarkraft in Nürnberg zum Sportvorstand in Mainz. Im Interview spricht er über seinen Aufstieg, Nischen auf dem Transfermarkt und den BVB.

Dortmund

, 23.11.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der gebürtige Arnsberger Rouven Schröder, der früher unter anderem für den VfL Bochum und den MSV Duisburg spielte, hat sich als Manager einen Namen im Profifußball gemacht. Tobias Jöhren hat sich vor dem BVB-Gastspiel in Mainz mit dem 43-Jährigen unterhalten.



Sie haben zu Saisonbeginn gesagt: „Wir sind nicht mehr die kleinen Mainzer.“ Was steckt dahinter?

Wir bleiben demütig, bodenständig, respektvoll und freuen uns, dass wir in der Bundesliga spielen, aber wir spielen jetzt eben auch schon im zehnten Jahr nacheinander in der ersten Liga. Es ist wichtig, dass wir uns nicht kleiner machen, als wir sind. Wir haben auch etwas zu bieten. Natürlich ist uns dennoch bewusst, dass wir in der Budget-Tabelle unter den letzten fünf Teams rangieren und dass Bundesliga-Fußball hier keine Selbstverständlichkeit ist. Man muss sich ja nur ansehen, welche Traditionsvereine mittlerweile nicht mehr in der Bundesliga spielen. Trotzdem: Wir arbeiten hier jeden Tag sehr hart um unsere Ziele zu erreichen.



Am Samstag ist der BVB aber trotzdem ziemlich groß und Mainz 05 ziemlich klein, oder?

Der BVB ist in bestechender Form, hat aus der Vorsaison die richtigen Schlüsse gezogen und sich auf dem Transfermarkt sehr gut verstärkt. Dass Borussia Dortmund richtig stark ist, können wir schon einordnen. Der BVB ist der klare Favorit, das ist Fakt – und das hat in diesem Fall auch nichts mit klein machen zu tun. Von einem aussichtslosen Duell David gegen Goliath müssen wir aber auch nicht sprechen. Wir rechnen uns bei diesem Heimspiel schon etwas aus – zumal wir schon häufig bewiesen haben, dass wir auch als vermeintlicher Herausforderer mit unseren Fans im Rücken gegen große Namen punkten können.

Rouven Schröder vor dem Duell mit dem BVB: Mainz hat auch etwas zu bieten

Bislang ist der BVB in der Liga noch ohne Niederlage. Was spricht dafür, dass Mainz 05 daran etwas ändern kann?

Wir haben zu Hause bislang sehr gute Spiele abgeliefert. Das Stadion ist ausverkauft, es wird ein emotionales Spiel – und ich bin überzeugt, dass wir diese Emotionalität auch auf den Platz bringen werden. Es muss natürlich vieles passen. Wir brauchen einen perfekten Tag und der BVB braucht einen weniger perfekten Tag. Dann haben wir eine Chance.



In der vergangenen Saison haben Sie ausgerechnet in Dortmund mit einem 2:1-Auswärtssieg den Klassenerhalt perfekt gemacht. Spielt das für die Partie am Samstag noch irgendeine Rolle?

Man kann die Situation nicht mehr vergleichen. Der BVB bringt auch wegen seiner guten Transferpolitik im Sommer eine ganz andere Mannschaft auf den Platz und befindet sich in einer ganz anderen Phase als damals. Trotzdem ist es für uns gutes Anschauungsmaterial, das uns noch einmal zeigt, dass wir an einem guten Tag auch den BVB ärgern können. Für den Kopf ist das sicherlich positiv.

Zur Person

Rouven Schröder

Rouven Schröder vor dem Duell mit dem BVB: Mainz hat auch etwas zu bieten

© dpa

Rouven Schröder (43) schaffte es als Spieler bis in die Bundesliga. Für den VfL Bochum lief er in der Spielzeit 2000/2001 acht Mal im Fußball-Oberhaus auf. Dazu kommen 48 Zweitligapartien und 152 Einsätze in der Regionalliga. Beim VfL agierte er nach seiner aktiven Laufbahn (unter anderem: MSV Duisburg und VfB Lübeck) zunächst als Co-Trainer, später wurde er Videoanalyst und Scout beim 1. FC Nürnberg. Als Sportdirektor machte er bei Greuther Fürth seine ersten Schritte. Über Werder Bremen landete er beim FSV Mainz 05.

Wenn wir über die Neuzugänge beim BVB reden, müssen wir auch über Abdou Diallo sprechen. Ihr ehemaliger Spieler kommt am Samstag mal wieder in Mainz vorbei. Sie haben Diallo 2017 für fünf Millionen Euro von der AS Monaco gekauft und 2018 für über 25 Millionen Euro nach Dortmund verkauft – Ihr bester Deal in Ihrer bisherigen Karriere als Bundesliga-Funktionär?

(lacht) Abdou ist herzlich willkommen. Wirtschaftlich war das für uns ein gutes Geschäft. Auf der anderen Seite ist es aber auch bitter, wenn du so einen wichtigen und guten Spieler nach nur einem Jahr wieder verlierst. Wir hätten ihn schon gerne mindestens noch ein Jahr länger gehabt. Am Ende war es aber so, dass Abdou unbedingt zu diesem großen Verein wollte – und wir sind dafür finanziell entlohnt worden. Es war meine Aufgabe als Sportvorstand, das Bestmögliche für Mainz 05 rauszuholen. Beide Seiten können unter dem Strich mit dem Deal sehr gut leben. Abdou wird seinen Weg in Dortmund gehen. Er kann in der Innenverteidigung und hinten links spielen. Das ist ein hohes Gut. Er ist im besten Alter und wird mit ziemlicher Sicherheit A-Nationalspieler Frankreichs werden. Für uns war der Transfer wirtschaftlich ein wichtiger Schritt – und der BVB wird noch viel Freude an Abdou haben.

Das klingt so, als seien Sie nicht überrascht, dass sich Diallo beim BVB auf Anhieb durchgesetzt hat.

Nein, bin ich nicht. Für mich war es klar, dass er auch in Dortmund Stammspieler werden würde. Die Planungen des BVB mit Abdou waren schon in den Verhandlungen deutlich zu erkennen. Und am Ende gibt auch Borussia Dortmund nicht so viel Geld für einen Spieler aus, damit er auf der Bank sitzt. Er war ein Wunschspieler von Lucien Favre – und Abdou bringt viele gute Voraussetzungen mit. Der BVB ist für ihn das perfekte Umfeld für den vielleicht ganz großen Schritt.

Rouven Schröder vor dem Duell mit dem BVB: Mainz hat auch etwas zu bieten

Rouven Schröder (r.) holte Abdou Diallo nach Mainz. Mittlerweile spielt der Franzose beim BVB - und die 05er wurden fürstlich entohnt. © imago

Am vergangenen Spieltag hat Ihr Klub 3:1 in Freiburg gewonnen. Christian Streich hat Sie danach geadelt und gesagt, dass die Mainzer Neuzugänge „eine unglaublich hohe Qualität“ hätten. Sie dürfen sich für Ihre Sommertransfers also ebenfalls auf die Schulter klopfen. Wie und wo buddeln Sie die Jungs aus?

Das ist ein fortwährender Prozess und gute Arbeit unserer Scouts. Es ist ja nicht so, dass plötzlich eine Transferperiode kommt und wir gucken, was wir am Ende im Sack haben. Wir sammeln das ganze Jahr über Informationen, scouten mit viel Herzblut live in den Stadien und vor dem Bildschirm. Als Mainz 05 bedienen wir im gewissen Sinne eine Nische: Wir wissen, dass wir Spieler nicht mit Geld überzeugen können, sondern vielleicht eher mit der guten Perspektive, die wir bieten können. Mittlerweile haben wir uns auf dem Markt einen guten Ruf erarbeitet und die Spieler wissen, dass sie bei uns auch in jungen Jahren zum Einsatz kommen und sich in einem guten Umfeld und in einer Top-Liga weiterentwickeln können. So etwas spricht sich schon rum.

Wie sehr profitieren Sie dabei von Ihrer eigenen Vergangenheit als Scout?

Ich habe den Job von der Pike auf gelernt. Ich habe als Honorarkraft beim 1. FC Nürnberg angefangen und mir ein Netzwerk aufgebaut. Und ich glaube, dass man vieles zurückbekommt, wenn man viel investiert und seriöse Arbeit abliefert. Es hilft, wenn man selbst weiß, wie es einem Scout so ergeht. Viele Kilometer auf der Autobahn, wenige Nächte im eigenen Zuhause. Ich habe es selbst durchgemacht. Da muss man schon eine echte Leidenschaft für den Job haben.

Das hat ein bisschen was von Hollywood. Von der Honorarkraft zum Sportvorstand in der Bundesliga.

Mein Werdegang ist sicherlich nicht auf dem Reißbrett vorgezeichnet worden. Ich bin erst mit 23 Jahren Fußballprofi geworden. Das ist heute ja fast undenkbar. Da kannst du ja mittlerweile mit 23 eigentlich schon die letzte Runde einläuten (lacht). Aber so konnte ich mein Abitur, mein kaufmännisches Abitur plus eine Lehre zum Industriekaufmann absolvieren. Ich war auch kein wirklich besonders talentierter Kicker in der Bundesliga und zweiten Liga. Mir war immer klar, dass ich damit nicht so viel Geld verdienen würde, dass ich später nicht mehr arbeiten muss. Ich bin immer mit offenen Augen durch die Welt gelaufen und habe versucht, fleißig zu sein, alles mit viel Leidenschaft und Überzeugung zu machen. Und ich habe natürlich auch das nötige Glück gehabt, dass sich alles so gefügt hat und dass mein Umfeld mir immer das Vertrauen geschenkt hat. Ich kann das richtig einordnen und weiß, dass ich mich glücklich schätzen darf, in diesem Job zu arbeiten.

Sie haben in Mainz 2016 die Nachfolge von Christian Heidel angetreten, der 24 Jahre lang im Amt war. Das ist ungefähr so, als würde man beim BVB Michael Zorc beerben. Wie schwierig ist beziehungsweise war das?

Es war eine Herausforderung. Und eine Chance. Wenn ich 20 Leute gefragt habe, ob ich es machen soll, haben 19 gesagt: ‚Lass es sein, das kann nur in die Hose gehen.‘ Trotzdem wollte ich die Herausforderung lieber annehmen, als hinterher sagen zu müssen, dass zwar eine Chance da war, ich sie aber nicht wahrgenommen habe. Angst vorm Scheitern bringt dich nicht weiter und ich hatte auch keine. Für mich war auch klar, dass ich gar nicht erst versuchen wollte, in Christian Heidels Fußstapfen zu treten. Christian ist in Mainz eine Legende und wird es auch bleiben. Ich kann nur versuchen, meine Fußstapfen nach seinen zu hinterlassen. Wichtig ist, dass man sich selbst treu bleibt und seinen eigenen Weg findet. Das versuche ich jeden Tag.

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