Selbstvertrauen fehlt: Nico Schulz muss sich beim BVB durchbeißen

rnBorussia Dortmund

Viele Positionen im BVB-Kader sind luxuriös besetzt. Eine Schwachstelle findet man aber hinten links. Dass Nico Schulz dort für Halt und Stabilität sorgen kann, daran sind Zweifel erlaubt.

Dortmund

, 27.08.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach vier von sechs bislang geplanten Testspielen lässt sich eine Tendenz für eine mögliche Wunschelf von BVB-Trainer Lucien Favre erkennen. Wir beleuchten in einer kleinen Serie die Positionen, auf denen der Konkurrenzkampf um die Plätze besonders intensiv geführt wird. Im dritten Teil beschäftgen wir uns mit den Linksverteidigern.


In den 90er-Jahren und auch zu Beginn dieses Jahrtausends galt eine alte Faustformel: Jede Position im Kader, proklamierten die modernen Trainer damals, müsse doppelt besetzt sein. Dann galt ein Kader als ausgewogen, dann galt er auch als für alle Beanspruchungen gerüstet. Diese Zeiten aber sind längst überholt. Bis zu 50 Pflichtspiele absolvieren die Top-Mannschaften der Liga in immer engeren Taktungen - das verlangt viel Fingerspitzengefühl bei der Kader-Planung. Sportdirektoren und Trainer setzen vermehrt auf „polyvalente“ Spieler, sprich Profis, die gleich auf mehreren Positionen zu Hause sind und eine Flexibilität für jede personelle Problemlage bieten.

Linke BVB-Abwehrseite ist ein Spielfeld der Spezialisten

Auch Borussia Dortmund hat seinen Kader nach diesen Kriterien zusammengestellt. Julian Brandt, Thorgan Hazard, Jude Bellingham - das sind allesamt Spieler, die auf dem Feld mehrere Positionen bekleiden können. Die linke defensive Abwehrseite aber war schon immer ein Spielfeld der Spezialisten. Begehrt waren diese Spieler und rar gesät auf dem Transfermarkt, wenn man in der Spitze unterwegs ist.

Auch dem BVB drohte auf dieser Planstelle ein Vakuum, das man mit der Verpflichtung von Nico Schulz vermieden zu haben glaubte. Man war dann dort gut aufgestellt, erst recht, nachdem Raphael Guerreiro im Herbst 2019 überraschend auch noch seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag verlängerte. Schulz, Guerreiro, dazu Marcel Schmelzer, dessen Abschied sich nun ja noch auf das Ende der kommenden Saison verschiebt. Drei Spieler. Das schien zu passen.

Raphael Guerreiro fühlt sich in der BVB-Offensive wohler

Die nüchterne Realität sieht gut zwei Wochen vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison weniger rosig aus. Schmelzer ist verletzt und fehlt noch bis weit in den Herbst hinein, Guerreiro hat in der vergangenen Saison erneut bewiesen, dass er eigentlich etwas weiter vorne auf der Seite seine Fähigkeiten weitaus besser zur Geltung bringen kann. In allen bisherigen Tests aber musste der in Frankreich aufgewachsene Portugiese wieder nach hinten rücken.

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Und Schulz? Sein erstes BVB-Jahr verlief katastrophal. „Schuuuulz“ haben sie in Dortmund zu Beginn ngerufen, als noch Fans in die Stadien durften und in Anlehnung an den beim BVB-Anhang äußerst beliebten Michael Schulz. Doch diese Rufe verstummten schnell. Im Herbst verletzte sich Nico Schulz bei der Nationalmannschaft, gefühlt kam er danach nie mehr in Tritt.

Nico Schulz erlebt beim BVB eine verkorkste Saison

Bitter vor allem die Wochen nach der Winterpause. Bis zur Corona-Unterbrechung kam er nur einmal zum Einsatz, das war beim Pokal-Aus in Bremen. Alle anderen Partien sah er von der Bank aus. Vor dem Re-Start im Mai verletzte er sich erneut und verpasste die ersten fünf Spiele. Drei Einsätze am Ende mit insgesamt 29 Minuten Spielzeit waren nicht dazu angetan, die Bilanz einer verkorksten ersten BVB-Saison aufzuhübschen.

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25 Millionen Euro ließ sich der BVB den Nationalmannschafts-Linksverteidiger kosten. Eine Stange Geld, vor Corona für einen „Spezialisten“ (starker linker Fuß) allerdings ein damals marktüblicher Preis. Doch auch nach der Dortmunder Umstellung auf ein System mit Dreier-/Fünferkette, das Schulz aus Hoffenheim bestens verinnerlicht hatte und in dem er Nationalspieler geworden war, fremdelte der Neuzugang von 1899 Hoffenheim mit seinem Spiel und seinem neuen Klub.

Nico Schulz wirkt nicht frei in seinem Spiel

Die Sommerpause sollte einen Neuanfang markieren. Schulz schien zunächst sogar ein Abwanderungskandidat zu sein, nachdem er in der vergangenen Saison insgesamt nur auf 17 Pflichtspiele (ein Tor) gekommen war. Die spezielle Situation auf dem Transfermarkt durch die Corona-Pandemie, vielleicht ja auch der Ehrgeiz, sich zeigen und nicht nach nur einem Jahr wieder aus dem Staub machen zu wollen, ließen so manchen leise aufkeimenden Traum von Flucht schnell wieder platzen.

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Dass Schulz sich durchbeißen will, vernahmen die BVB-Bosse mit Wohlwollen. Doch irgendetwas fehlt seinem Spiel auch weiterhin. Die bisherigen Tests vermitteln nicht das Gefühl, da könnte einer so richtig durchstarten. Schulz wirkt nicht frei in seinem Spiel, er vermeidet Risiken und macht dennoch zu leichte taktische und technische Fehler. Das zeigt, dass der 27-Jährige nicht vor Selbstvertrauen strotzt.

Guerreiro hat die Nase auf der linken BVB-Seite klar vorn

Dazu ist Guerreiro weiterhin ein übermächtiger Positionskonkurrent. Spielzeiten wird sich Nico Schulz also vornehmlich über Kurzeinsätze verdienen müssen. Und er muss darauf hoffen, wegen der vielen Englischen Wochen ein Nutznießer der von Favre schon angekündigten verstärkten Rotation werden zu können.

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Vielleicht kann sich Nico Schulz neues Selbstvertrauen in der kommenden Woche holen. Trotz seines sehr durchwachsenen Premieren-Jahres in Dortmund hat ihm Bundestrainer Joachim Löw weiter die Stange gehalten und für die Länderspiele in Stuttgart gegen Spanien und in der Schweiz nominiert. Ein Vertrauensvorschuss, den Schulz zurückzahlen muss, wenn er auch im kommenden Mai auf Löws Zettel stehen will. Ein zweites Jahr beim BVB ohne regelmäßige Einsatzzeiten würden seine Chancen sicher nicht verbessern.

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