Die Zahlen blieben nur Ausdruck einer scheinbaren Dortmunder Kontrolle über die Partie in Madrid. Auf dem Rasen war Atletico dem BVB in drei zentralen Bereichen haushoch überlegen.

Madrid

, 07.11.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahlen lügen nicht. Aber sie trügen. Fast doppelt so viel Zeit im Ballbesitz (40 zu 23 Minuten) und mehr als doppelt so viele gespielte Pässe (753 zu 341). Der BVB war Atletico auf dem Feld trotzdem unterlegen. Das hat Gründe.

Der BVB stößt an seine Grenzen

Das 0:4 aus dem Hinspiel dürfte tiefe Verstimmungen im notorisch heiseren Diego Simeone verursacht haben. Atletico Madrids Trainer tüftelte intensiv an einer Mixtur, mit der er den bis zum Dienstag unbesiegten BVB matt setzen konnte. Er fand sie. Die Spanier stellten die bessere Verteidigung hin, den zielstrebigeren Angriff und die temperamentvollere Mannschaft. Gegen die individuell und mannschaftlich stärkeren Madrilenen stießen die Borussen diesmal an ihre Grenzen.



1. Die geschicktere Verteidigung

„Atlético war in der Defensive sehr, sehr gut“, lobte BVB-Trainer Lucien Favre den Gegner. Das Verteidigen des eigenen Strafraums beherrschen die Spanier wie wenige andere Mannschaften in Europa, das Hinspiel bestätigt als Ausnahme diese Regel. Im kompakten 4:4:2-Block verdichtete Atletico das Zentrum, staffelte permanent mindestens zehn Spieler hinter dem Ball, besetzte die Außenbahnen doppelt und verriegelte damit nicht nur den Sechzehner, sondern ließ für den BVB gar keine Kombinationen in den gefährlichen Halbräumen zu.

So knackte Atletico Madrid als erste Mannschaft den BVB

„Wir waren höchstens bis zum gegnerischen Strafraum gut“, bemerkte Torhüter Roman Bürki. © dpa

Mehr gestatteten die Hausherren nicht, die mit Disziplin und (fairer) Härte den Dortmundern den Zahn zogen. „Sie waren sehr robust in vielen Zweikämpfen, vielleicht haben wir uns davon ein Stück weit beeinflussen lassen“, fand Sebastian Kehl, Borussias Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Auch die eigene Defensive stand nicht sattelfest. Über die rechte Flanke rollten reihenweise gefährlich Angriffe Atleticos nach vorne, in der Innenverteidigung fehlte sowohl Ömer Toprak als auch Manuel Akanji nach ihren längeren Verletzungspausen der Rhythmus. 16 Torschüsse gestattete der BVB, zwei waren drin, einer ging ans Alu, einen Strafstoß hätten die Spanier auch zugesprochen bekommen müssen (Piszczek an Saul). Bei ähnlicher Effektivität wie sie die Dortmunder im Hinspiel gezeigt haben, hätte Madrid auch höher gewinnen können.

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Die RN-Analyse zum 0:2 des BVB bei Atletico Madrid

„Atletico hat den Sieg sicher verdient gehabt“, sagte Bürki. „Sie hatten mehr und die zwingenderen Chancen.“ Den Grund dafür sah Bürki mehr bei „einem Gegner, der sehr gut eingestellt war“, als bei eigenen Defiziten. Kehl unterstützte diese These. „Wir müssen auch das Niveau von Atletico berücksichtigen. Die haben sowohl individuell als auch mannschaftlich große Erfahrung und große Klasse. Dass es auch mal Phasen gibt in einem Spiel, wo man mal 20 Minuten ins Schwimmen gerät, das darf man unserer Mannschaft zugestehen.“



2. Die zielstrebigere Offensive

Ganze vier Torschüsse notierten die Statistiker für die deutsche Mannschaft, zwei davon verfehlten das Ziel, die anderen beiden wurden geblockt. Beides sind Tiefstwerte für den BVB seit Aufzeichnung der Daten im Jahr 2003. Sebastian Kehl betonte: „Obwohl wir so viel Ballbesitz hatten, waren wir in den gefährlichen Räumen nicht effektiv, wir haben uns kaum Tormöglichkeiten herausgespielt insgesamt im Offensivbereich.“

„In solchen Spielen musst du Geduld haben, darfst keine unnötigen Bälle verlieren und musst Konter unbedingt vermeiden. Wir hätten mit Geduld und Schnelligkeit spielen müssen.“
Lucien Favre

Das, was den BVB in den vergangenen Wochen ausgezeichnet hatte, schlug fehl. Auf den Außenbahnen blieben die Tempodribbler Jadon Sancho und Christian Pulisic blass, im zentralen offensiven Bereich nahm Atletico Marco Reus und Paco Alcacer komplett aus der Partie. „Im Spiel nach vorne“, meinte Kehl milde gestimmt, „haben wir schon besser ausgesehen.“

Doch es hakte nicht nur bei den nominell offensiven Spielern, sondern schon in der Zone davor. Die Dortmunder Schwungräder Axel Witsel und Thomas Delaney blockierte Madrid konsequent, Borussias Reihen fanden keine Verbindung zueinander. Bezeichnend: Die mit Abstand höchsten Zuspiel-Werte verzeichneten die Dortmunder Abwehrmänner Toprak, Akanji und Piszczek. Eine absurd hohe Zahl an Querpässen in der hintersten Reihe unterstrich mehr die Ideenlosigkeit als eine scheinbare Spielkontrolle.

Reife und Cleverness konnte der BVB diesmal nicht hinterlegen. Auch Kapitän Marco Reus erkannte ernüchtert: „Nach dem Gegentor war unser Spiel wie abgeschnitten, wir haben es nicht mehr kontrolliert und den Faden verloren.“ Und weiter: „Wir müssen kontrollierter und zielstrebiger spielen, dann verlieren wir so ein Spiel nicht.“

Beispielhaft fiel so das 0:2 aus Dortmunder Sicht: Ein übermotivierter Pass an die Strafraumkante landete bei Delaney, der konnte den Ball nicht festmachen und Sekunden später landete der Ball im eigenen Netz. Ausgekontert, Code geknackt.



3. Die bessere Mentalität

Oft und mit Recht wurde die BVB-Elf von Favre für ihren Einsatzwillen, den Glauben an sich selbst und ihre große Arbeitsmoral gelobt. Am Dienstag aber übertrumpften die vom Hinspiel-Resultat angestachelten Madrilenen die Schwarzgelben. Giftiger und griffiger in den Zweikämpfen, leidenschaftlicher und mannschaftlich geschlossener spielten die Spanier. Man habe sich doch den Schneid abkaufen lassen, gestand Kehl. „In einigen Bereichen haben wir Lehrgeld bezahlt.“

Wie Atletico zu Werke ging, kam nicht überraschend für die jungen Borussen. Entgegensetzen konnten sie diesmal nicht viel. Gut möglich, dass es auch an der letzten Verbissenheit fehlte, weil der BVB nach drei Siegen in der Champions League auch mit einer Niederlage in Madrid eine komfortable Ausgangsposition besitzt.

So knackte Atletico Madrid als erste Mannschaft den BVB

„Gegen Atletico zu verlieren, geht schon in Ordnung. Wir müssen schauen, was wir nicht gut gemacht haben.“ - Manuel Akanji © imago

Was Manuel Akanji sagt, klingt nach kalkuliertem Betriebsunfall, der keinen großen Schaden anrichtet. „Atletico war die bessere Mannschaft und ist ein Team, wo es keine Schande ist, wenn man dort auswärts verliert“, bemerkte auch Bürki. Kehl konnte mit der Niederlage „gut leben“, es sei erwartbar gewesen, dass man auch mal verliere.



Fazit:

Die Spanier standen unter deutlich größerem Druck und spielten mit Disziplin, Effektivität und Aggressivität ihre stärksten Karten aus. Für den BVB ist die erste Saisonpleite kein Beinbruch, wenn er die richtigen Lehren daraus zieht und sich nicht verunsichern lässt. Schon das Bundesliga-Spitzenspiel gegen den FC Bayern am Samstag dürfte von der Spielanlage her gänzlich anders verlaufen.

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