Anzeige


Thomas Tuchel gilt als großes Talent - und als schwierig

Kommender BVB-Trainer im Portrait

Überraschend schnell präsentierte Borussia Dortmund Thomas Tuchel als Nachfolger von Jürgen Klopp. Weil der BVB den ehemaligen Mainzer Trainer bereits lange auf dem Zettel hatte. Warum? Und wer ist dieser Mann, den in Dortmund hohe Erwartungen, Neugier und auch Skepsis erwarten? Eine Annäherung in sechs Schritten.

DORTMUND

, 21.04.2015, 07:46 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der kommende BVB-Trainer Thomas Tuchel gilt als großes Talent - und als schwierig.

Der kommende BVB-Trainer Thomas Tuchel gilt als großes Talent - und als schwierig.

Der Fußball-Freak

Sein Sabbatjahr hat Tuchel nach eigener Aussage erfrischt. Doch jetzt jucke es ihn wieder, er vermisse „die Kabine. Meine Spieler, mein Trainerteam, das Training, den Geruch des Rasens, den Kick am Wochenende – alles!“, gestand er vor vier Wochen in einem Zeit-Interview. Was er nicht vermisst haben wird, sind Niederlagen.

Die kann Tuchel nicht ausstehen. „Ich habe mich schon immer für Niederlagen mehr verantwortlich gefühlt als für Siege“, sagt er. Also stürzt er sich mit Ehrgeiz und Passion fast selbstvergessen in die Arbeit. Pedantisch, sagen manche. Immer voll auf Fußball fokussiert.

Der Bundesliga-Trainer

Er habe noch keine großen Erfolge vorzuweisen, lautet einer der Vorbehalte gegenüber Tuchel. Das ist bedingt korrekt. In Mainz entwickelte Manager Christian Heidel seinerzeit die „Tuchel-Tabelle“ – in dessen Amtszeit beim FSV holten nur die Bayern, der BVB, Leverkusen und Schalke mehr Punkte. Im Schnitt sammelte er 1,41 Zähler pro Partie (Klopp in Mainz: 1,13). 2010 erhielt er den Trainerpreis des Deutschen Fußball-Bundes. Allerdings fehlen in seiner Vita Titel. Auch im Umgang mit Stars hat er keine Erfahrungen gesammelt.

Der Taktikfuchs

Ohne Rücksicht auf Personen stellt Tuchel seine Mannschaften auf und ein. Am Gegner orientiert, aber immer mit der Maxime, sich mit Pressing und Gegenpressing durchzusetzen. „Ein sehr schnell nach vorne und offensiv ausgerichteter Fußball. Ich stehe für eine aktive Spielweise, für mutiges Verteidigen, schnelles Spiel in die Spitze“, sagt Tuchel. Er etablierte das Wort „Matchplan“ in der Bundesliga, leuchtendes Vorbild ist Pep Guardiola aus der Barcelona-Ära.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die Vorgänger des künftigen BVB-Trainers Thomas Tuchel

Thomas Tuchel folgt bei Borussia Dortmund am 1. Juli auf den langjährigen Coach Jürgen Klopp. Damit wird der 41-Jährige der erst elfte Trainer beim BVB seit Juli 1991.
20.04.2015
/
Ottmar Hitzfeld - Amtszeit: 2191 Tage. Nach dem Verschleiß von 23 Trainern in 28 Jahren prägt Hitzfeld von Juli 1991 an eine Sechs-Jahre-Ära: Vizemeister 1992, UEFA-Cup-Finalist 1993, deutscher Meister 1995 und 1996, Champions-League-Sieger 1997. Hitzfeld tritt schließlich vom Trainerposten zurück, wird kurzzeitig BVB-Sportdirektor.© Foto: dpa
Nevio Scala - Amtszeit: 364 Tage. Der Italiener unterschreibt beim BVB im Juni 1997 einen Zweijahresvertrag - ein knappes Jahr später kündigt er schon wieder seinen Rücktritt an. Der harte, aber faire Arbeiter gewinnt mit dem BVB zwar den Weltpokal, am Ende der Saison steht aber ein enttäuschender Platz zehn.© Foto: dpa
Michael Skibbe - Amtszeit: 583 Tage. Im Mai 1998 präsentiert der damalige Weltpokalsieger Borussia Dortmund den neuen Chef. Die Verpflichtung des Trainer-Neulings löst Diskussionen aus, dennoch qualifiziert sich der BVB für die Champions League. Trotz dortigem Erstrunden-Aus und Liga-Mittelmaß wird der Vertrag im November 1999 bis 2002 verlängert - drei Monate scheitert Skibbe aber am Erwartungsdruck des Publikums.© Foto: dpa
Bernd Krauss - Amtszeit: 67 Tage. Skibbes Nachfolger Krauss rutscht mit der Mannschaft, die er auf Platz sechs mitten in der Saison 1999/2000 übernommen hat, dramatisch in den Tabellenkeller. In größter Abstiegsgefahr wird der gebürtige Dortmunder im April geschasst.© Foto: dpa
Udo Lattek - Amtszeit: 75 Tage. Völlig überraschend gibt Trainer-Legende Lattek im April 2000 zusammen mit Ex-Profi Matthias Sammer sein Comeback und rettet den Ex-Champions-League-Sieger in höchster Not vor dem Abstieg.© Foto: dpa
Matthias Sammer - Amtszeit: 1460 Tage. Als alleiniger Coach gelingt Sammer 2000 ein starker Einstand: Der Beinahe-Absteiger qualifiziert sich für die Königsklasse, 2002 wird der BVB deutscher Meister und UEFA-Cup-Finalist. In den darauffolgenden beiden Spielzeiten verpasst das teure Starensemble aber die direkte Qualifikation für die Champions League: der Anfang des wirtschaftlichen Desasters. Sammer zieht den Schlussstrich und wechselt zum VfB Stuttgart. © Foto: dpa
Bert van Marwijk - Amtszeit: 900 Tage. Der Niederländer setzt beim BVB, der 2004 mitten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, auf die Jugend - mit Erfolg. Dortmund erreicht die Qualifikation für den UI-Cup. Nach einem spielerisch durchwachsenen Herbst 2006 kommt es wegen unterschiedlicher Auffassungen zum Bruch zwischen Verein und Trainer. Van Marwijk kündigt seinen Abschied zum Saisonende an, wird dann aber schon kurz vor Weihnachten beurlaubt.© Foto: dpa
Jürgen Röber - Amtszeit: 83 Tage. Der Berliner Kult-Coach erhält im Dezember 2006 einen Vertrag bis zum Saisonende, muss aber nach sechs Niederlagen in acht Spielen schon im März gehen.© Foto: dpa
Thomas Doll - Amtszeit: 433 Tage. Zunächst mit einem Einjahres-Vertrag ausgestattet erhält Thomas Doll trotz einer durchwachsenen Hinrunde schon im Januar 2008 einen neuen Kontrakt bis 30. Juni 2010. Sein Rücktrittsgesuch nach dem ernüchternden Saisonabschneiden auf Rang 13 und der Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern nehmen die BVB-Verantwortlichen dann aber an.© Foto: dpa
Jürgen Klopp - Amtszeit: 2555 Tage. 2011 deutscher Meister, 2012 Double-Sieger, 2013 Vize-Meister, Supercup-Sieger und Champions-League-Finalist, 2014 Vize-Meister, Supercup-Sieger und DFB-Pokalfinalist: Unter schwierigen finanziellen Bedingungen beim Amtsantritt 2008 leitet Jürgen Klopp einen beispiellosen Umbruch ein. Die Arbeit des nahbaren Trainers kommt an. Klopp mausert sich in sieben Jahren beim BVB zu einem der gefragtesten deutschen Fußball-Lehrer. © Foto: dpa
Schlagworte Borussia Dortmund,

Dazu gehört auch, mit Ballbesitz produktiv umzugehen. Sein Wille, dass die Mannschaft taktisch jederzeit flexibel sein muss, erkennt er selbst als „ein sehr hohes Anspruchsdenken“. Man müsse ein Universitäts-Professor sein, um Tuchels Trainingseinheiten in Gänze zu verstehen, meinte sein Ex-Schützling Andreas Ivanschitz.

Der Nachwuchs-Förderer

Mainz etablierte sich unter Tuchel als Top-Adresse für den Nachwuchs. 2009 feierte der FSV (mit André Schürrle, Jan Kirchhoff) die Deutsche Meisterschaft in der A-Jugend, bereits 2005 gelang Tuchel in Stuttgart das gleiche als Co-Trainer. „50 Prozent des Kaders muss aus dem eigenen Internat kommen.

Egal, wer gerade Trainer ist“, staunte er einst über das Konzept des FC Barcelona. Sein Ideal. Keine Frage: Der 41-Jährige kann junge Spieler entwickeln, viele besser machen. Das wird von ihm beim BVB auch gefordert sein. Neu für ihn ist, dass es keine Anlaufzeit gibt, Erfolge müssen sich sofort einstellen.

Der Temperamentvolle

Ein Menschenfänger wie Jürgen Klopp wird Tuchel im Leben nicht. Der Trainer habe „seine Ecken und Kanten“, beschrieb Mainz-Manager Heidel. Die Ehe zwischen dem FSV und Tuchel endete dann jämmerlich. In Mainz war der teils asketisch lebende Fußballlehrer im sportlichen Bereich Alleinherrscher. Er gilt als psychologisch bewandert, Ex-Spieler preisen seine Ansprachen in der Kabine. An der Seitenlinie geriet der aufbrausende und hochemotionale Tuchel öfter mit den Unparteiischen aneinander. Nicht selten sah er nach Platzverweisen das Spielende von der Tribüne.

Der Privatmensch

Der gebürtige Schwabe musste seine aktive Karriere (Stuttgarter Kickers, SSV Ulm) wegen einer Knorpelverletzung mit 24 Jahren beenden, schloss dann ein Studium als Diplom-Betriebswirt ab. Parallel kellnerte er in einer Stuttgarter Bar. Doch der Weg zurück in den Fußball war vorgezeichnet. Hermann Badstuber und Ralf Rangnick gelten als seine Ziehväter.

Jetzt lesen

Verheiratet ist Tuchel seit Mai 2009 mit Sissi (arbeitete früher bei der Süddeutschen Zeitung), das Paar hat zwei Töchter und zieht aktuell nach München um, wo die Familie unabhängig von Tuchels Arbeitsort heimisch werden will. „Wenn man im Fußball-Business arbeitet, lebt man in einer Art Parallelwelt. Dem muss man sich stellen“, sagte Tuchel einmal. Er liebt den Fußball. Die dazugehörige Öffentlichkeit nimmt er dafür in Kauf.

Der RN-BVB-Podcast

Der BVB-Podcast der Ruhr Nachrichten - einmal in der Woche Experten-Talk zum BVB. Jetzt hier, bei Spotify oder bei Apple Podcasts hören.

BVB-Newsletter

Täglich um 18 Uhr berichtet unser Team über die wichtigsten schwarzgelben Neuigkeiten des Tages.

Lesen Sie jetzt