Im Mittelpunkt der BVB-Kritik: Schiedsrichter Felix Zwayer (M.). © imago / Uwe Kraft
Borussia Dortmund

Turbulentes Topspiel: BVB-Frust wegen Zwayer – aber auch zu viele eigene Fehler

Dortmund liefert dem FC Bayern einen Fight - und steht doch wieder mit leeren Händen da. Der BVB-Frust richtet sich nach dem 2:3 gegen Schiedsrichter Zwayer. Aber auch eigene Fehler bringen die Borussia auf die Verliererstraße.

Nach der Szene, die ein heißblütiges Spitzenspiel aus Dortmunder Sicht in die falsche Richtung kippen ließ, gab es Redebedarf. Mats Hummels, Verursacher des entscheidenden Strafstoßes, diskutierte ebenso wie die Co-Trainer Rene Maric und Alexander Zickler nach dem Abpfiff an der Mittellinie mit Schiedsrichter Felix Zwayer. Ohnehin nicht wohl gelitten in Dortmund, war Zwayer der Buhmann für Fans, Spieler und Bank des BVB.

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Hummels‘ Handspiel nach Intervention des Video-Referees Tobias Welz zu pfeifen, war eine harte Entscheidung von Zwayer, auch vor dem Hintergrund, dass er einen energischen Körpereinsatz von Lucas Hernandez gegen Marco Reus zuvor nicht geahndet hatte.

BVB-Profis enttäuscht: Elfmeter bringt Bayern den Sieg

So hätte ein Remis in einem immer spannenden, spektakulären und begeisternden Gipfeltreffen trotz Chancenplus für die Gäste eher dem Spielverlauf entsprochen, „es ist schade“, meinte BVB-Profi Emre Can, „dass so ein Scheiß-Elfmeter dieses tolle Spiel entscheidet. Wir haben einen Video-Schiedsrichter, da darf sowas nicht passieren.“ BVB-Kapitän Marco Reus haderte: „Es war aus meiner Sicht ein Elfmeter, er hätte sich zumindest die Szene auch anschauen müssen.“ Nach den 100 superintensiven Minuten hockten die Dortmunder konsterniert, total erschöpft und enttäuscht auf dem Rasen.

71 Treffer hatten die beiden derzeit besten Mannschaften Deutschlands in den 13 Partien zuvor zusammen erzielt, es war fast zu erwarten, dass sie sich auch beim 105. Aufeinandertreffen nicht mit langen Vorreden aufhalten würden.

BVB gegen Bayern München bietet wenig Zeit zum Luft holen

Schiedsrichter Felix Zwayer hatte die Partie gerade angepfiffen, da entwickelte sich schon ein Spiel, das kaum Zeit zum Luft holen bot, ohne taktisches Vorgeplänkel ging es auf beiden Seiten mit Vollgas Richtung gegnerisches Tor – unterstützt auch von einigen groben Fehlern, die die Offensivfraktion beider Teams reihenweise zu hochkarätigen Vorstößen einluden.

Es ging wild hin und her. Früh war erkennbar, wie der BVB Bayerns anfälliges Rückzugsverhalten für sich ausnutzen wollte: Mit dem Ballgewinn ging es blitzschnell nach vorne, immer auf den lauernden Erling Haaland, der sich packende Duelle mit Dayot Upamecano liefern sollte.

BVB gegen Bayern München: Brandt gehört die erste klare Aktion

Die erste klare Aktion gehörte allerdings Julian Brandt, und der Dortmunder mit der immer länger werdenden blonden Mähne zeigte in der fünften Minute eindrucksvoll, welch Klasse-Fußballer in ihm schlummert. Jude Bellingham hatte aus dem Mittelfeld die Lücke in der Bayern-Zentrale erspäht und Brandt perfekt angespielt. Eine Drehung um den übereifrigen Alphonso Davis, auch beim Abschluss vor Manuel Neuer blieb Brandt dann eiskalt – es war ein wunderbares Tor, das die 15.000 im dennoch stimmungsvollen Signal Iduna Park förmlich aus den Sitzen hob.

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Bundesliga, 14. Spieltag: BVB – FC Bayern München 2:3 (1:1)

Doch es sollte nicht lange bis zum ersten kleinen Stimmungskiller dauern: Neunte Minute, ein dicker Bock von BVB-Verteidiger Mats Hummels, der einen langen Ball schlagen wollte, dabei aber Thomas Müller anschoss. Das eröffnete den Gästen eine Zwei-gegen-Eins-Situation, Müller setzte Robert Lewandowski in Szene, der einmal mehr gegen seinen Ex-Klub traf.

Borussia Dortmund und Bayern München verteidigen sehr offen

Selten sieht man in Bundesliga-Stadien so offene Abwehrreihen, es war ein Manko im sehr mutigen und konzentrierten Spiel der Borussia, dass sie die vielen Möglichkeiten, die die weit aufrückenden Bayern ihnen boten, nicht konsequenter ausnutzten. Dortmunds Direktspiel riss riesengroße Löcher in die Bayern-Defensive, bei der vor allem Davies seine Defensivaufgaben sträflich vernachlässigte.

Dazu blieb der BVB defensiv weiter nicht ohne dicke Fehler. Bei Emre Cans Querpass, der im eigenen Strafraum in den Füßen von Sane landete, hatte Dortmund großes Glück (23.). Immer wenn die Gäste schnell kombinierten, legten sie offen, dass der BVB im Positionsspiel nicht immer auf der Höhe war. Mehrere Überzahl-Situationen der Bayern hätten das 1:2 bringen können, auch beim Rekordmeister misslang allerdings der letzte genaue Pass.

BVB-Stürmer Haaland lässt das Stadion gegen Bayern erbeben

Es war Erling Haaland, der das Stadion erneut erbeben ließ: Von Marco Reus perfekt auf die Reise geschickt, behauptete sich Haaland gegen Upamecano, zog mit links ab. Neuer wäre chancenlos gewesen, die Kugel strich aber hauchdünn am Pfosten vorbei (29.).

Vor allem über die Seite von Raphael Guerreiro kamen die Gäste immer wieder in Überzahl-Situationen. Und konnten sich auch beim 1:2 auf Dortmunder Mithilfe verlassen. Guerreiro traf beim Klärungsversuch im eigenen Strafraum Hummels, von ihm prallte die Kugel vor die Füße von Coman. Marco Reus fälschte den Schuss des Franzosen auch noch unglücklich ab, ein echtes Gurkentor brachte die Bayern in Führung (44.).

Dortmund gegen Bayern hat das Etikett Topspiel verdient

Unglaubliches Tempo, viele Torraumszenen – das Spitzenspiel hatte bis zur Pause alles gehalten, was man sich versprochen hatte. Und es sollte unvermindert spektakulär weitergehen. Fehler Upamecano, schöner Hackentrick von Bellingham auf Haaland, noch schönerer Schlenzer an Neuer vorbei – 2:2 (48.).

Längst hielt es niemanden mehr auf den Sitzen, erst recht nicht, als Hernandez im Strafraum Reus mit enormem Körpereinsatz über die Auslinie schickte. Zwayer ließ laufen, auch der VAR griff nicht ein, möglicherweise wegen einer Abseitsposition von Reus (53.). BVB-Trainer Marco Rose ließ sich dennoch nicht beruhigen, Gelb für den Dortmunder Trainer. Dortmund wollte mehr, Bayern konterte: Comans Schuss zwang Kobel im unteren Eck zu einer Glanzparade (58.).

Heftiger Zusammenprall: BVB bangt um Julian Brandt

Minuten später rollte eine Schockwelle durch den Signal Iduna Park. Julian Brandt und Münchens Upamecano waren beim Kopfballduell böse zusammengeprallt, wild gestikulierend forderten Spieler beider Klubs medizinische Hilfe an. Es war schnell klar, dass es für Brandt nicht weitergehen würde. Bange fünf Minuten dauerte es, bis er mit einer Trage abtransportiert werden konnte, immerhin war er wach und ansprechbar (66.).

Spektakel und Drama sollten jedoch noch ihren Höhepunkt erreichen: Nach einer abgewehrten Ecke der Borussia meldete sich der Video-Assist bei Schiedsrichter Zwayer, im weiten Rund machte sich Ratlosigkeit breit. Die Zeitlupe offenbarte, dass Hummels beim Abwehrversuch der Ball an den Ellenbogen gesprungen war, Zwayer zögerte nicht mit dem Elfmeterpfiff – was die gesamte Dortmunder Bank auf den Rasen trieb, nachdem Lewandowski mit etwas Glück den Strafstoß versenkt hatte. Kobel lag im richtigen Eck, kam jedoch nicht mehr an die Kugel (78.). Und für BVB-Trainer Rose gab es obendrein die Gelb-Rote Karte.

BVB gegen Bayern München in der Schlussphase ohne Haaland

Der Treffer zeigte Wirkung, zumal Dortmund auch noch den erschöpften Haaland auswechseln musste. Sehr zerfahren gestaltete sich die Schlussphase, was nur zu Lasten der Borussia ging, deren Spielfluss nicht mehr in Gang kam. Aber zehn (!) Minuten sollte es obendrauf geben, in der Nachspielzeit hatte Thomas Meunier nach Upamecanos Schnitzer die nächste Gelegenheit (90.+6).

Längst hatte sich Hummels als zusätzlicher Stürmer nach vorn begeben. Als Dortmund eine Ecke zugesprochen bekam, ging auch Kobel mit. Die Ecke von Reus kam zu kurz, Tolisso setzte aus 40 Metern den Ball neben das Tor. Es sollte die letzte Szene gewesen sein.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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