Von der Diva zum Zauberer: Die bemerkenswerte Wandlung des Jadon Sancho beim BVB

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Jadon Sancho scheint nach schwierigen Wochen und einigen Verfehlungen im BVB-Trikot wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Die Gründe für die Kurskorrektur sind vielfältig. Eine Spurensuche.

Dortmund

, 09.12.2019, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es gibt dieses Foto aus Barcelona. Hans-Joachim Watzke hat den Arm um Jadon Sanchos Schulter gelegt. Der BVB-Boss und der BVB-Star, in diesem Moment sicherlich auch Sorgenkind, sie stehen mit dem Rücken zur Kamera auf dem Rasen im Camp Nou, der mächtigen Spielstätte des großen FC Barcelona. Ihre Gesichter sind nicht zu sehen, aber es wirkt fast ein bisschen väterlich, wie Watzke dort steht, den jungen Engländer an sich herangezogen hat und mit ihm spricht. Sancho neigt den Kopf leicht in Richtung des BVB-Bosses. Er hat einen Kopfhörer im Ohr, aber das Bild suggeriert trotzdem, dass Sancho Watzke in diesem Moment gut zuhört.

Gespräch zwischen Watzke und Sancho

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Was Watzke dem jungen Engländer in diesem Moment sagt, ist nicht bekannt, beide behalten den Inhalt dieses kurzen Gesprächs lieber für sich. Bekannt ist nur der genaue Zeitpunkt des Dialogs. Es ist 19.47 Uhr, als der Fotograf auf den Auslöser seiner Kamera drückt und das Bild von Watzke und Sancho einfängt.

Ein Gespräch im Camp Nou: Hans-Joachim Watzke (l.) und Jadon Sancho.

Ein Gespräch im Camp Nou: Hans-Joachim Watzke (l.) und Jadon Sancho. © Kirchner-Media/Christopher Neundorf

19.47 Uhr heißt in diesem Fall: eine Stunde und 13 Minuten vor dem Anpfiff des Champions-League-Spiels des FC Barcelona gegen Borussia Dortmund. Die Partie wird mit einem 3:1-Sieg für die Spanier enden, Jadon Sancho wird nicht in der Startelf des BVB stehen, aber er wird zur zweiten Hälfte eingewechselt werden und einen traumhaft schönen, wenngleich wertlosen Treffer erzielen. Außerdem wird Sancho noch ein weiteres Mal gefährlich auf das Tor der Katalanen zielen, aber der deutsche Torhüter Marc-Andre ter Stegen wird den Abschluss mit einer starken Parade an die Latte lenken und letztendlich entschärfen.

Favre und Hummels mit klaren Aussagen

All das wird am nächsten Tag nicht mehr als eine Randnotiz sein. Es wird um Jadon Sancho gehen, aber in erster Linie nicht um seine sportlich gute Leistung, die er nach seiner Einwechslung gezeigt hat. Das liegt vor allem daran, dass BVB-Trainer Lucien Favre bereits vor dem Anpfiff in Barcelona auf die Frage, warum Sancho nicht in der Dortmunder Startelf stehe, erklärt hat, er brauche auf dem Platz Spieler, die „fokussiert und bereit“ seien. Mats Hummels sagt nach der Partie, er wolle das Thema eigentlich gar nicht kommentieren, aber Sancho habe nach seiner Einwechslung eine „gute Reaktion“ gezeigt. So müsse das sein.

Über die Gründe für die Notwendigkeit dieser Reaktion gibt es auch knapp zwei Wochen nach dem Spiel des BVB im Camp Nou noch immer unterschiedliche Auffassungen. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) bleibt bis heute bei seiner Darstellung, Sancho habe am Spieltag sowohl das gemeinsame Frühstück am Morgen als auch das Anschwitzen am Mittag sowie die Abschlussbesprechung am Nachmittag unentschuldigt verpasst.

Sancho hat entscheidenden Anteil am BVB-Aufschwung

Der BVB stellt den Sachverhalt hinter vorgehaltener Hand anders da. Beim Frühstück gebe es Gleitzeiten, es werde nicht kontrolliert, welcher Spieler wann genau frühstücke. Zudem sei Sancho beim Anschwitzen dabei gewesen und sei lediglich verspätet zur Abschlussbesprechung erschienen. Michael Zorc, der Dortmunder Sportdirektor, hat die Vorwürfe des WDR auf der Pressekonferenz vor dem BVB-Auswärtsspiel in Berlin öffentlich mit den Worten kommentiert: „Das stimmt so nicht ganz.“ Mehr wollte Zorc nicht sagen, schob aber hinterher, dass dieses Thema „abgehakt und erledigt“ sei. „Wir haben das intern schon längst besprochen, mit Jadon persönlich und mit der Mannschaft.“

„Wir haben das intern schon längst besprochen, mit Jadon persönlich und mit der Mannschaft.“
Michael Zorc

Nun ist bei Borussia Dortmund viel gesprochen worden in den zurückliegenden Wochen, im Verein ganz allgemein, mit Sancho ganz speziell. Watzke äußerte nach dem ernüchternden 3:3 gegen den SC Paderborn (22. November) auf der Mitgliederversammlung zwei Tage später den Verdacht, dass in der Mannschaft „etwas passiert“ sei. Spätestens seit dem 5:0-Erfolg gegen Fortuna Düsseldorf am vergangenen Samstag lässt sich sehr deutlich erahnen, was er damit gemeint hat. Der BVB hat nach dem 2:1-Arbeitssieg in Berlin und der Gala gegen Düsseldorf fürs Erste zurück in die Erfolgsspur gefunden - und ausgerechnet Sancho, bei dem auch etwas passiert sein muss, trägt daran einen ganz entscheidenden Anteil.

Der englische Nationalspieler hat seit seinem kurzen Gespräch mit Watzke im Camp Nou in zweieinhalb Fußballspielen fünf Torbeteiligungen gesammelt. Vier Tore geschossen, eins aufgelegt – Sanchos gute Reaktion auf die Vorkommnisse im Mannschaftshotel in Barcelona hält mittlerweile seit 225 Minuten an. In Berlin traf er zum wichtigen 1:0 und arbeitete in Durchgang zwei entschlossen für den mannschaftlichen Erfolg mit, gegen Düsseldorf spielte er seine Gegenspieler ins Schleudertrauma, kombinierte mit Marco Reus wie in den besten Phasen der Vorsaison und war an drei Toren direkt beteiligt.

Zorc schließt Sancho-Wechsel im Winter aus

Wie groß Watzkes Mitschuld an Sanchos jüngster Leistungsexplosion ist und welche Rolle das Gespräch in Barcelona dabei spielt, lässt sich nicht seriös beantworten. Sancho jedenfalls, über den Borussia Dortmunds Kaderplaner Zorc am Samstag sagte, dass er kein Szenario sehe, in dem der begehrte Youngster den BVB bereits im Winter verlasse, scheint nach einigen Wochen auf Abwegen wieder in die Spur gefunden zu haben.

Der 19-jährige arbeitet seit der Dienstreise nach Barcelona daran, dass wieder von seiner fußballerischen Genialität geschwärmt - und nicht über sein teilweise zu jugendliches Disziplin-Verständnis geschimpft wird. Eine Kader-Streichung gegen Mönchengladbach, eine leistungsbedingte Auswechslung nach 36 Minuten in München und eine Startelf-Streichung in der Königsklasse sollen und müssen dann auch mal reichen für eine Halbserie. Mindestens ein gutes halbes Jahr hat er in Dortmund aller Voraussicht nach noch vor sich. Vermutlich nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Systemumstellung ermöglicht Sancho mehr Möglichkeiten

Die Gründe für die sich abzeichnende und aus Dortmunder Sicht erfreuliche Kurskorrektur Sanchos, der sich vor einigen Wochen laut „The Athletic“ noch darüber beschwerte, dass er sich beim BVB gedemütigt fühle und in Dortmund als Sündenbock hingestellt werde, liegen einerseits in Favres Systemumstellung auf ein 3-4-2-1-System, in dem Sancho als einer von zwei Spielern hinter der Spitze und neben Reus noch mehr offensive Freiheiten besitzt als im 4-2-3-1-System, an dem Favre lange festhielt und in dem Sancho auf dem Flügel zuletzt zu oft unter seinen Möglichkeiten blieb. Andererseits haben auch die Mitspieler entschlossen auf ihn eingewirkt. Kapitän Reus und Vizekapitän Lukasz Piszczek hätten ihm geholfen, „wieder in Form zu kommen“, hat Sancho am Wochenende erzählt.

Beim Spiel in München wurde Sancho bereits nach 36 Minuten ausgewechselt.

Beim Spiel in München wurde Sancho bereits nach 36 Minuten ausgewechselt. © Kirchner-Media/Christopher Neundorf

Außerdem - auch das dürfte ein gewichtiger Grund sein - haben sich Borussia Dortmunds Bosse und auch Lucien Favre spätestens seit der Rückkehr aus Barcelona sehr viel Mühe gegeben, Sancho in der Öffentlichkeit zu schützen. Sancho sei, so der Tenor, wohin man auch hört, ein „guter Junge“, der sportlich immer helfe, aber halt ab und an einen etwas freizügigen Umgang mit Terminen und Uhrzeiten pflege. Er schlampe nicht aus böser Absicht oder gar, weil er einen zeitnahen Abgang vom BVB provozieren wolle, sondern eher, weil er wohl das sei, was heutzutage am liebsten mit „verpeilt“ beschrieben wird.

Ein klärendes Gespräch - von Diva zu Diva

Sancho bedankt sich für die großzügige und diplomatische Wortwahl seiner Vorgesetzten seit zwei Wochen mit starken Darbietungen auf dem Fußballplatz. Aus der lustlosen Diva ist innerhalb weniger Tage wieder ein williger Zauberer geworden. Und zumindest in diesem Punkt ist Sancho seinem obersten Boss Watzke einen entscheidenden Schritt voraus. Der 60-jährige Sauerländer sagte noch vergangene Woche - übrigens ausgerechnet bei einem Talk im WDR: „Auf dem Platz war ich eine Diva.“ Auch deswegen habe es nicht für eine große Karriere als Fußballer gereicht.

Aber vielleicht hat es ja gereicht, um Jadon Sancho wieder auf den richtigen Weg als Fußballer zu führen. Wer weiß das schon so genau? Es geht schließlich nicht viel über ein klärendes Gespräch - so von Diva zu Diva.

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