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Marcel Schmelzer bestreitet gegen Hannover 96 sein 249. Bundesliga-Spiel für Borussia Dortmund - und ein Teil der Fans pfeift, als der ehemalige Kapitän den Platz betritt. Warum eigentlich?

Dortmund

, 29.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Jubel ist groß in dieser 67. Minute. Raphael Guerreiro hat soeben für den BVB zum 4:0 gegen Hannover 96 getroffen. Die Pflichtaufgabe ist zum Schützenfest geworden, der Tabellenführer hat mal wieder verlässlicher geliefert als jeder Pizza-Service des Vertrauens. Gute Laune im Signal Iduna Park, Borussia Dortmund steht mit 48 Punkten nach 19 Spieltagen so gut da wie noch nie zu diesem Zeitpunkt der Saison. Alles prima.

Als der Jubelschrei über Guerreiros Tor verhallt ist, mischen sich allerdings auf einmal Pfiffe unter die schwarzgelbe Glückseligkeit. BVB-Trainer Lucien Favre wechselt zum zweiten Mal aus an diesem Nachmittag. Lukasz Piszczek, der Vize-Kapitän, hat seine Arbeit getan und verlässt den Platz nach 70 Minuten, Marcel Schmelzer, der Ex-Kapitän, betritt das Feld.

Pfiffe richten sich gegen Schmelzer

Dafür gibt es viel Applaus von den Rängen, der eine BVB-Veteran macht Platz für den anderen, in diesem Moment steckt eigentlich viel zu viel Fußballromantik für Unmutsbekundungen - und doch gibt es eben auch Pfiffe. Sie richten sich nicht gegen Piszczek, den Piszczu, bei dem ist ja alles prima, sie richten sich gegen Schmelzer, den Schmelle, bei dem eigentlich alles prima sein sollte, es aber scheinbar nicht ist.

Es ist nur ein sehr kleiner Teil der Fans, der am Samstag pfeift, als Schmelzer auf den Rasen läuft, aber dieser Teil ist nicht zu überhören - und er ist nicht wirklich zu verstehen. Denn die Frage, die sich unweigerlich aufdrängt, sie lautet: Was hat der Schmelle denn bitte schön verbrochen?

Immer fleißig alles rausgehauen

Zunächst einmal hat der Schmelle gar nichts verbrochen, er hat eigentlich immer fleißig alles rausgehauen, wie es unter Jürgen Klopp in Dortmund einst hieß. Die Partie gegen Hannover war Schmelzers 249. Bundesliga-Einsatz für den BVB, insgesamt stehen 356 Pflichtspiele für die erste Mannschaft von Borussia Dortmund in seiner Vita, dazu kommen 45 Pflichtspiele für die U19 und 38 für den BVB II.

Der gebürtige Magdeburger, seit vergangenem Dienstag 31 Jahre alt, kickt seit 2005 beim BVB, ist mindestens ein halber Dortmunder Junge, ist zweimal Deutscher Meister geworden und hat zweimal den Pokal gewonnen. Eine ganze Profi-Karriere und ein halbes Leben in Schwarz und Gelb - und dann wird gepfiffen. Was hat der Schmelle denn bitte schön verbrochen?

Was hat BVB-Profi Marcel Schmelzer eigentlich verbrochen?

2017 setzte sich Marcel Schmelzer für Nuri Sahin ein. © dpa

Im Mai 2017 hat er sich als Kapitän mal öffentlich auf die Seite von Nuri Sahin geschlagen, als der damalige Trainer Thomas Tuchel seinen Mannschaftskameraden und Freund überraschend aus dem Kader für das DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt strich. Schmelzer war bei Weitem nicht der einzige, der diese Entscheidung nicht verstehen konnte, aber er sprach es offen aus.

„Wir stehen komplett hinter Nuri“, hat Schmelzer damals gesagt. Vielleicht nehmen ihm die Pfeifhälse und Tuchel-Liebhaber diese Worte bis heute krumm, auch wenn Schmelzer mit Sicherheit nicht der Grund dafür war, warum Tuchel beim BVB nach dem Pokalerfolg 2017 entlassen wurde.

In der Saison 2017/2018 hat er dann als Kapitän häufig öffentlich erklären müssen, warum beim BVB erst unter Peter Bosz und später unter Peter Stöger gar nichts prima war. Schmelzer stand Rede und Antwort, als es eigentlich keine Antworten gab und andere schwiegen. Dabei lief es nicht nur für Borussia Dortmund schlecht, sondern auch für den Linksverteidiger selbst. Rückblickend hat Schmelzer, der immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte, die vergangene Saison mal als seine schlechteste beim BVB bezeichnet.

Derby gerät zum negativen Höhepunkt

Negativer Höhepunkt war sein Patzer beim 0:2 auf Schalke Mitte April. Danach saß Schmelzer nur noch auf der Bank, legte das Kapitänsamt zum Saisonende nieder und reichte die Binde an Marco Reus weiter. Vielleicht wird ihm die vergangene Saison von einem Teil der Fans noch immer angekreidet, auch wenn es wahrlich größere Problemfälle gab als Schmelzer. Pierre-Emerick Aubameyang zum Beispiel. Oder Ousmane Dembele.

Im Januar 2019 hat Schmelzer seinen Stammplatz beim BVB vorerst verloren. Piszczek und Achraf Hakimi haben die Nase auf den Außenverteidiger-Positionen vorne. Es ist Wasser auf die Mühlen der Schmelzer-Kritiker, die bei allem Gepolter auf der Tribüne oder in Fanforen häufig vergessen, dass Schmelzer in den vergangenen zehn Jahren eigentlich immer gesetzt war - egal unter welchem Trainer.

Was hat BVB-Profi Marcel Schmelzer eigentlich verbrochen?

Auch unter Peter Bosz war Marcel Schmelzer eine feste Größe beim BVB. © dpa

Klopp, Tuchel, Bosz, Stöger, Favre: Sie alle setzten auf Schmelzer, dessen Namen Fans andernorts allein wegen seiner Identifikation mit dem Verein vermutlich bei jedem Heimspiel mit dem Zusatz Fußballgott versehen würden, sobald die Mannschaftsaufstellungen vorgelesen werden. In Mönchengladbach beispielsweise wird einem Tony Jantschke diese Ehre jeden zweiten Samstag zuteil, in Leverkusen riefen es die Fans bis vergangenen Sommer für Stefan Kießling. Alles keine Virtuosen an der Kugel - und doch irgendwie Fußballgötter.

In Dortmund hat vergangenen Samstag bei Marcel Schmelzers Einwechslung niemand Fußballgott gerufen, stattdessen wurde teilweise gepfiffen. Und die Frage bleibt: Was hat der Schmelle nur verbrochen?

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