Watzke und Tuchel: Es brodelt schon seit Monaten

Chronologie eines Zerwürfnisses

Es knirscht im Gebälk bei Borussia Dortmund. Ungeachtet der sportlich akzeptablen Situation brodelt es hinter den Kulissen, das Vertrauensverhältnis zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel ist nicht erst seit einigen Aussagen Watzkes in einem Interview am Wochenende massiv beschädigt. Der Konflikt schwelt schon seit Monaten. Ein Rückblick.

DORTMUND

, 08.05.2017, 17:33 Uhr / Lesedauer: 2 min
Watzke und Tuchel: Es brodelt schon seit Monaten

Geschäftsführer Watzke, Trainer Tuchel: Zwischen beiden passt längst viel mehr als das berühmte Blatt Papier.

Die Chronologie des Zerwürfnisses führt zunächst zurück in die Zeit großer Erfolge. Borussia Dortmund hat am Ende der ersten zwölf Monate des neuen Trainers das deutsche Pokalfinale erreicht. Fast noch bemerkenswerter: Der BVB hat im ersten Jahr nach dem Ende der Ära Jürgen Klopp seine nach Punkten zweitbeste Saison in der Bundesliga-Historie gespielt. Dass der BVB die Saison nur als Tabellenzweiter abschließt, ist kein Makel des neuen Mannes, und selbst Skeptiker staunen über den fußballerischen Wandel, den Borussia Dortmund unter Thomas Tuchel vollzogen hat.

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Vor dem Endspiel in Berlin aber verweigert Tuchel dem damals verletzten Neven Subotic, Joo-Ho Park, der nicht im Kader steht, und auch einem der Physiotherapeuten den Zugang zum Teamhotel. Das löst ein Stirnrunzeln in der obersten Vereinsetage aus, das noch kräftiger ausfällt, als Tuchel nach der Niederlage gegen die Bayern auf deutliche Distanz zu seinen Spielern geht und speziell Mats Hummels als Sündenbock an den Pranger stellt.

Mkhitaryans Wechsel

In der folgenden Sommerpause bildet sich der Konflikt endgültig aus. Dortmund muss Henrikh Mkhitaryan ziehen lassen, den erklärten Schlüsselspieler Tuchels. Den massiven Umbruch mit gleich acht neuen Spielern nennt der Trainer während der Vorbereitung „riskant“. Hans-Joachim Watzke kontert nur einen Tag später. Der Umbruch sei „ambitioniert“. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Während die sportlichen Qualitäten Tuchels unumstritten sind trotz einiger merkwürdiger taktischer und personeller Rochaden im Laufe dieser Saison, sorgt seine distanzierte und bisweilen schroffe Art der Führung immer öfter für Kopfschütteln. So darf Chefscout Sven Mislintat nach einem Zwist mit Tuchel seit über einem Jahr das Trainingsgelände nicht mehr betreten. Sie offenbart sich auch in der legendären Pressekonferenz nach dem 1:2 in Frankfurt („Ein einziges Defizit“).

"Vielleicht sind wir genau so"

Im Frühjahr nach einer ähnlich schwachen Leistung beim 1:2 in Darmstadt sagt der 43-Jährige: „Die Leute sagen, das heute gegen Darmstadt, das seid ihr nicht. Aber vielleicht sind wir genau so. Ich plädiere seit Saisonbeginn, sich das einzugestehen. Vielleicht hilft die Niederlage, dass es bei allen durchsickert. Auch intern.“ Intern aber ist man weiter der Meinung, die Saisonziele nicht verändern zu müssen.

„Kommunikation und Vertrauen“ nennt Hans-Joachim Watzke schon im Februar im Interview mit dieser Redaktion als Eckpunkte der Bewertung der Zusammenarbeit und auch als mitentscheidend für eine Vertragsverlängerung mit dem hoch ambitionierten Trainer. Gerade auf diesem Feld aber werden die Risse im Verhältnis im Laufe der Wochen und Monate immer deutlicher. Es scheint bisweilen, als ob Vereinsführung und Trainer in verschiedenen Sprachen miteinander kommunizieren, nachzulesen auch bei der Verwirrung um den Transfer von Alexander Isak im Winter.

Sauberer Schnitt nicht unwahrscheinlich

Das Verhältnis zwischen der sportlichen Führung mit Watzke als Kopf an der Spitze und dem Trainer hat jetzt einen Tiefpunkt erreicht. Wenn die Beteiligten in drei Wochen in die Saisonanalyse gehen, wird es nicht mehr um eine Vertragsverlängerung gehen. Höchstens noch darum, ob ein Modell wie in München mit Pep Guardiola realistisch ist und man mit Tuchel das letzte Vertragsjahr ordentlich abwickeln kann.

Dazu allerdings müssten sich beide Seiten massiv aufeinander zubewegen. Nicht unwahrscheinlich ist daher sogar ein sauberer Schnitt, auch wenn Dr. Olaf Meinking, der Berater Tuchels, bei Sport 1 erklärte: „Mir ist sehr daran gelegen, dass wir den sogenannten ,Dissens‘ ausräumen. Unser Ziel ist es, dass Thomas beim BVB bleibt und dass sich alles wieder beruhigt.“

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