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Der BVB und Schalke prägen das Ruhrgebiet nicht nur fußballersich, sondern auch in der Außendarstellung. Die Fans der Revierrivalen sind erbitterte Gegner, für ihre Region wären weitere sportliche Aushängeschilder hilfreich.

Dortmund

, 26.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Trotz aller Unterschiede bilden BVB und S04 „eine gemeinsame Dachmarke“ für den Fußball im Ruhrgebiet - mit mindestens bundesweiter Ausstrahlung, sagt der Dortmunder Stadt- und Regionalplaner Ralf Ebert. Die beiden Großklubs prägen für viele in Deutschland das Bild der Region weiterhin mehr als alle anderen Kultur- und Freizeitangebote. Ein Gespräch über die Mobilisierung der Fans, trennscharfe Einzugsgebiete und fehlende andere Sportarten im Revier.



Herr Ebert, wie sind Sie darauf gekommen, das Ruhrgebiet in Schwarzgelb und Blau-Weiß aufzuteilen?

Meine Perspektive ist nicht die Sicht der Fußballvereine, sondern der Blick auf die Entwicklung des gesamten Ruhrgebiets. Dabei spielt der Fußball auch ökonomisch eine große Rolle! Deshalb haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Einzugsbereiche der Zuschauer bei diesen Großveranstaltungen zu ermitteln.


Nun gibt es zwei Ruhrgebiete: Ein Teil ist BVB-Gebiet, ein Teil Schalker Land.

Sieht man vom VfL Bochum, dem MSV Duisburg und anderen Vereinen ab, dann ist das so. Gerne hätten wir das ganze Feld als Flickenteppich dargestellt. Doch dazu braucht man Daten. So haben wir uns auf die beiden dominierenden Fußballklubs im Ruhrgebiet beschränkt, die in ganz Deutschland ihre Fanbastionen haben. Deren Zuspruch beschränkt sich nicht auf diese Region: Ein Drittel der Anhänger kommt von außerhalb. Dies lässt sich mit den beiden Vereinsfarben auch gut visualisieren.


Woher stammen die Daten?

Wir haben Daten von den Vereinen bekommen: die Dauerkartenbesitzer und deren jeweilige Postleitzahl. Daraus sind unsere Grafiken entstanden. Wenn eine Dauerkarte auf einen Großvater in Bayern ausgestellt ist, aber der Sohn in Dortmund sie nutzt, gäbe es eine Ungenauigkeit. Aber das kann man aufgrund der Größe der Zahlen wohl eher vernachlässigen.

Wie der BVB und Schalke das Image des Ruhrgebiets beeinflussen

Klare Trennlinie: Die Revierrivalen können sich auf eine starke Gefolgschaft in ihrer unmittelbaren Umgebung verlassen. Die Zahl der Fans im fußballerischen „Feindesland“ ist gering. © Grafik: Klose

Was sagt der Nord-Süd-Meridian im Ruhrgebiet aus?

Einerseits, dass es eine starke Ortsbindung gibt. Das ist ja nicht verwunderlich, dass die Fans von Borussia Dortmund aus Dortmund kommen und die Schalker Fans aus Gelsenkirchen. Dazu gibt es dann die Einzugsbereiche beider Klubs. Das hat auch etwas mit der Erreichbarkeit zu tun, etwa mit den Autobahnen. Das Dortmunder Hoheitsgebiet umfasst im Kern das östliche Ruhrgebiet und die Region östlich und südöstlich davon. Die Schalker finden sich eher westlich oder nördlich von Gelsenkirchen. Beide Einzugsbereiche überschneiden sich ausgesprochen wenig.


Das ist ein interessanter Aspekt. Auf so engem Raum eine so klar aufgeteilte Verbreitung zu finden, ist etwas Besonderes, oder?

Das fanden wir auch spannend. Die Grenze verläuft ja fast trennscharf, etwa entlang der Städte Waltrop, Castrop-Rauxel, Herne bis Hattingen. Außerdem gibt es in Dortmund nahezu keinen Schalke-Fan, und andersherum auch nicht. Auf beiden Seiten dürfte die Anzahl der Fans „im Exil“ sehr gering sein.


Was sagt diese Tatsache über die Entwicklungsmöglichkeiten in Sachen Kultur und Freizeit für das Ruhrgebiet?

Der Fußball besitzt für die Entwicklung des Images des Ruhrgebiets eine ganz besondere Bedeutung. Jede Woche gehen 60.000 oder 80.000 Leute in ein Fußballstadion. Das ist sehr viel. Enorm viel, wenn man das mit anderen großen Kulturangeboten vergleicht. Fußball ist ein wesentlicher Frequenzerzeugungsfaktor und Teil der zu wenig im Ruhrgebiet beachteten Sportwirtschaft, zu der auch etwa der in der Region bedeutende Pferdesport zählt.


Mit welchen Erkenntnissen?

Wir haben unsere Befunde für das Ruhrgebiet vor einigen Jahren zum Beispiel mit dem Ballungsraum Berlin verglichen. Unsere These lautet, dass noch mehr für die Entwicklung des Sports im Ruhrgebiet getan werden sollte. Im Unterschied zu Berlin wird im Ruhrgebiet kaum noch eine andere größere Sportart auf Bundesliga-Niveau betrieben. Nicht im Basketball, nicht im Volleyball, auch nicht im Handball.

Wie der BVB und Schalke das Image des Ruhrgebiets beeinflussen
„Der Einzugsbereich des Fußballs im Ruhrgebiet ist riesig.“
Ralf Ebert

Einspruch: Borussia Dortmunds Handballerinnen spielen in der 1. Bundesliga.

Richtig, das ist auch gut so. Im Handball gab es früher noch den TuSEM Essen in der nationalen Spitze, das ist aber leider schon lange her. Auch Dortmund war mal eine Handball-Hochburg.


Der Vergleich mit Berlin dürfte also schlecht ausfallen.

In der Hauptstadt gibt es Fußball in der 1. und 2. Bundesliga, dazu Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball in der höchsten Spielklasse. Da müsste man, so unsere Meinung, eine Strategie entwickeln, um auch andere Sportarten im Ruhrgebiet in die ersten Ligen zu hieven. Um gerade als Attraktionspunkt und Reiseziel noch eine breitere Aufmerksamkeit zu erfahren.


Gäbe es mehr Fremdenverkehr und eine Aufwertung durch andere Sportarten?

Was die Quantität der Besucher angeht, ist das zwiespältig. Volleyball lockt keine Massen an. Grundsätzlich plädiere ich aber für eine größere Diversifizierung. Aus der Entwicklungsperspektive sollte man auch andere Sportarten stärker unterstützen, damit man auch neue Zielgruppen ansprechen kann. Traditionell ist der Fußball im Revier dominant: Er ist historisch sehr stark verankert im Ruhrgebiet und ein wesentlicher Identifikationspunkt für die Menschen. Außerdem gibt es rund 700 Fußballvereine.


Wie groß ist denn die Attraktivität und Wirtschaftskraft durch Fußball?

Es gibt da kein Ranking. Wie die Karte zeigt, ist der Einzugsbereich des Fußballs im Ruhrgebiet riesig, er erstreckt sich bundesweit und darüber hinaus. Während andere Kultureinrichtungen und -veranstaltungen einen Einzugsbereich von 100 bis 150 Kilometern aufweisen, ist dies beim Spitzenfußball deutlich größer. Vermutlich gilt dies generell für den Sport. Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung, da beide Sparten in der Regel eine andere Klientel ansprechen. Beide braucht man, um eine Region wie das Ruhrgebiet weiter voranzutreiben.


Und der Wirtschaftsfaktor?

BVB und Schalke schaffen gemeinsam weit mehr als 1.000 Arbeitsplätze. Und an Spieltagen werden Millionen umgesetzt. Das hat selbstverständlich positive Auswirkungen in den beiden Städten.

Wie der BVB und Schalke das Image des Ruhrgebiets beeinflussen

BVB- und Schalke-Fans fiebern dem Derby am Samstag entgegen. © dpa

So gewaltig werden die Zahlen bei anderen Sportarten nicht ausfallen. Warum also statt eines dritten Fußball-Bundesligisten aus dem Ruhrgebiet lieber zwei Bundesligisten in anderen Sportarten?

Wie im Kulturbereich plädiere ich auch im Sport für Vielfalt. Gebraucht werden privatwirtschaftliche Sponsoring-Initiativen auch in den anderen besucherintensiven Sportarten. Und im Idealfall auch internationale Großveranstaltungen.


Dazu benötigt man eine Infrastruktur, wie etwa Hallen.

Das käme in zweiter Reihe. Erstmal braucht es sportlichen Erfolg und damit die Notwendigkeit für moderne Multifunktionsarenen. Dann ergibt sich daraus meist auch die Möglichkeit, solche Hallen vorzuhalten. Das wird vergleichsweise schnell realisiert, wenn der Druck da ist. Dann kann man auch politisch leichter argumentieren, als wenn ein Drittligist große Ansprüche stellt, aber keine Notwendigkeit vorweist.


Wo wäre denn noch Bedarf im Ruhrgebiet?

Mit Blick auf die Region müsste man schauen, wo es erfolgversprechende Ansätze und Initiativen gibt. Im Handball ist dies derzeitig neben TuSEM Essen etwa der ASV Hamm-Westfalen. Da wäre ich dann eher auch Regionalpatriot als Lokalpatriot. Es müsste da einen übergeordneten Blick geben und eine lokale Verankerung. Ich wünschte, der Fußball wäre nicht ganz so dominierend.


Hält das Ruhrgebiet ansonsten genug Freizeitmöglichkeiten vor?

Es gibt viel! Manchmal scheint es, als machten sich die Städte gegenseitig Konkurrenz. Gleichzeitig gibt es auch brachliegendes Potenzial. Den gesamten Freizeitbereich kann man auch weiterdenken, in größeren Dimensionen für die gesamte Region. Mit besonderen Schwerpunkten an speziellen Orten.


Ich halte dagegen: Im Ruhrpott elektrisiert nur Fußball!

Ja und nein! Es können ja nicht alle Leute an jedem Wochenende ins Stadion gehen. Freizeitaktivitäten gibt es ja auch über Fußball und den Sport hinaus. Eine größere Angebotsvielfalt mit attraktiven Anlagen würde der Anziehungskraft des Ruhrgebiets durchaus gut tun.

Die Studie zur Struktur im Sport
  • Laut der Studie „Die Fußballszene - ein zu wenig beachteter Aufmerksamkeits- und Wirtschaftsfaktor“ prägt der Fußball das Ruhrgebiet aufgrund seines herausragenden Stellenwerts auf vielfältige Weise und ist als ökonomischer und als Aufmerksamkeitsfaktor relevant.
  • Die Region ist demnach die Fußballmetropole Deutschlands, „wenn auch auf ganz andere Weise als in den 1930er-Jahren und der Frühzeit der Bundesliga“. In der Saison 1969/79 stammten mit dem BVB, Schalke, MSV Duisburg, RW Essen und Rot-Weiß Oberhausen fünf von 18 Bundesliga-Klubs aus dem „Pott“. Bochum hatte mit dem VfL und der SG Wattenscheid 09 zeitweise zwei Bundesligisten.
  • Stadionbesuche von Fans, aber auch von politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Repräsentanten steigern demnach das auf das Ruhrgebiet bezogene Selbstwertgefühl und das Image nach außen.
  • Die Karte und die Zitate stammen aus „(Er-)Lebensquaität steigern - Szeneschichten der Region und ihrer Städte“, von Ebert, Ralf; van Ooy, Uwe; Feirer, Martina; erschienen in Raumstrategien Ruhr 2035+, Konzepte zur Entwicklung der Agglomeration Ruhr, Dortmund von Jan Polivka/Christa Reicher/Christoph Zöpel (Hg.)
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