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"Wir sollten uns kein Limit setzen"

Hummels im Interview

STEGERSBACH Das von Deutschlands „Goldenen Azubis“ versprühte WM-Adrenalin ist noch nicht ganz verflogen, da wird auch schon ein neuer Schub Jungstars erwartet, der in die Nationalmannschaft drängt.

von Von Sascha Fligge

, 20.07.2010, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
"Wir sollten uns kein Limit setzen"

Mats Hummels hat mit dem BVB ehrgeizige Ziele.

Borussia Dortmunds Mats Hummels (21) steht im Rennen um die Gunst des Bundestrainers auf der Pole Position. Ein Gespräch über Entwicklungsschritte und Spieler, die besonders sein wollen. Herr Hummels, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat unter anderem Sie kürzlich als potenziellen neuen deutschen Top-Star gehandelt. Wollen Sie das – ein Star sein? Mats Hummels: Wenn Star sein bedeutet, dass man außerhalb des Platzes ständig auffällt, dann ein klares Nein. Wenn es aber bedeutet, dass man auf dem Rasen aus dem Durchschnitt herausragt, dann ist es das, was ich erreichen möchte.

Sammer fordert auch „ein Ende der Gleichmacherei“ im deutschen Fußball. Der „Teamgedanke habe zu lange im Vordergrund gestanden“, neue „Individualisten müssten her“. Wie individuell sind Sie? Hummels: Ich bin jemand, der zeigen möchte, dass er dafür lebt, auf dem Platz eine etwas exponiertere Rolle einzunehmen. Einer, der sich viel abverlangt und vielleicht auch ein wenig mehr von sich selbst erwartet als andere. Sind Sie unbequem? Hummels: Was diese Frage angeht, habe ich meinen genauen Weg noch nicht gefunden. Manche Trainer fordern das ein, wollen, dass ein zwei Spieler vorweg marschieren. Andere möchten, dass jeder exakt denselben Beitrag leistet. Und ich hatte ja nicht erst einen Trainer…

Zeugt es von Charakterstärke, von Mut, als intelligenter junger Mann kurz vor Ultimo die Schule zu schmeißen? Hummels: Es war zweifellos ein Risiko, dass ich mitten in der Abitur-Vorbereitung gegangen bin. Ich wollte unbedingt Profi werden und hatte die Chance. Während der Abi-Feier meines Bruders habe ich mit vielen Lehrern darüber gesprochen. Es war im Nachhinein der richtige Schritt für mich.

Im Gegensatz zu Ihren U21-Europameister-Kollegen Neuer, Boateng, Khedira und Özil waren Sie bei der WM in Südafrika nicht dabei. Wie schwer fällt es, in der Enttäuschung Haltung bewahren zu müssen? Hummels: Nicht schwer! Die Mannschaft und der Trainer haben gezeigt, dass sie im Prinzip alles richtig gemacht haben. Deutschland war die spielstärkste Mannschaft der WM. Ich habe der Chance nicht mehr allzu lange nachgetrauert.  Konnten Sie während des Turniers Fan sein? Hummels: Ich war ehrlich gesagt deutlich neutraler als noch vor vier Jahren. 2006 bin ich ständig beim Public Viewing gewesen, habe das Achtelfinale sogar live im Stadion gesehen. Natürlich habe ich mich über die deutschen Tore in Südafrika gefreut. Allerdings habe ich diesmal nicht ganz so mitgefiebert. Vielleicht liegt es daran, dass ich ja weiß: die Chance, selbst dabei zu sein, sie war da.

Kommt nach der WM in der Nationalmannschaft die Zeit des Mats Hummels? Hummels: Das liegt nicht in meinen Händen. Ich bringe ein gewisses Selbstvertrauen mit, will das aber auf dem Platz zeigen und in der Öffentlichkeit keine großen Reden schwingen! Ich kann nur sagen, dass ich fest daran glaube.

Sie haben dem BVB in der Spielgestaltung „Nachholbedarf“ attestiert. Ecken Sie mit dieser Selbstkritik intern an? Hummels: Nein. Wir reden in der Mannschaft darüber und sind alle derselben Meinung. In der Gestaltung haben wir das größte Steigerungspotenzial. Es geht schon jetzt in der Vorbereitung darum, dass wir dominanter, vor allem aber sehr viel konzentrierter agieren müssen, wenn wir in Ballbesitz sind.

Deshalb das Training im Hochpulsbereich? Hummels: Genau. Es ist wichtig, noch eine Idee zu haben und den Überblick zu bewahren, obwohl man gerade mit 180er-Puls durch die Gegend läuft.

Ist es das Ziel, die Ballbesitz-Zeiten zu erhöhen? Hummels: Ja. Zwar nicht exzessiv, denn dafür bräuchten wir dann Xavi und Iniesta. Aber es geht unter anderem darum, nicht gleich den Pass in die Spitze zu suchen, wenn der Gegner Druck macht – denn dann ist der Ball häufig ganz schnell wieder weg. Und wir bekommen Probleme.

Im Trainingslager fällt der 18-Jährige Mario Götze besonders auf, wenn man an fast spielerische Ballkontrolle denkt. Er wird vom Verein in Watte gepackt, soll keine Interviews geben. Ist es der Schutzschild für ein besonderes Talent? Hummels: Es sind sich alle einig, dass er ein überragender Kicker ist. Wenn Mario ein paar Monate am Stück trainieren kann, ohne die kleinen körperlichen Aussetzer, die er zuletzt leider hatte; wenn er physisch auf das Erwachsenen-Niveau kommt, dann ist er ein unglaublich Guter, der jeder Mannschaft weiterhelfen kann.

Auf den BVB kommt eine Dreifachbelastung aus Europa League, Bundesliga und DFB-Pokal zu. Ein Alibi für schwankende Leistungen? Hummels: Nein. Es ist mir lieber zu spielen als zu trainieren. Es würde mich schwer wundern, wenn ich mich in dieser Saison irgendwann über die Dreifachbelastung beschweren sollte. Falls ich es doch tue, lassen Sie es mich bitte wissen.

Trainer Jürgen Klopp hat für Mitte August den „High Noon“ angekündigt. Die Mannschaft müsse wie Gary Cooper in „Zwölf Uhr mittags“ breitbeinig dastehen, die Pistole im Anschlag. Nur sollte sie dann tunlichst auch treffen. 2009/2010 wurden zwei Drittel der Chancen vergeben… Hummels: Wir haben durch Neuzugänge wie Kagawa und Lewandowski neue Optionen dazubekommen. In unserem Kader stehen immer mehr Spieler, die geil sind auf Tore. Ich gehe davon aus, dass sich dies auch in Zahlen bemerkbar machen wird.

Wo liegt das Limit dieser BVB-Mannschaft? Hummels: Man sollte sich nach oben nie ein Limit setzen! Es gibt 102 Punkte zu holen. Die will ich, auch wenn es unrealistisch ist.

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