Der Name führt ins Aus. Außenverteidiger - als ob verteidigen genügt, und als ob es nur um die Außenbahn ginge. Das Anforderungsprofil ist komplex. Das bekommt auch der BVB zu spüren.

Dortmund

, 13.03.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aktuell soll Marius Wolf (23) bei Borussia Dortmund aushelfen. Ein Mittelfeldspieler, dessen eingebauter Kompass grundsätzlich in Richtung gegnerisches Tor zeigt. Doch die Personalnot auf der rechten Seite machte Trainer Lucien Favre erfinderisch, er schult den Neuzugang aus Frankfurt seit dem Trainingslager in Marbella im Januar als Rechtsverteidiger um.

In der Defensive fehlt es an Erfahrung

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Noch macht Wolf auf der unbekannten Position Höhen und Tiefen durch. Sein Vorwärtsdrang, seine physische und läuferische Stärke kommen dort gut zum Tragen. Defensiv fehlt es an Erfahrung (Foul vor dem 1:1 von Stuttgart am Samstag, Beinahe-Strafstoß gegen Son gegen Tottenham), offensiv mangelt es gerade in engeren Räumen bislang an der nötigen Präzision.

„Ich denke, das Spiel war ganz ordentlich“, sagte Wolf am Samstag. Stimmt. Doch das Anforderungsprofil an einen Flügelspieler moderner Prägung beinhaltet einen umfangreichen Katalog des Könnens. Der Fußball heutzutage benötigt auf dieser Position Spezialisten, die (fast) alles können müssen.

„Die besten und schnellsten Spieler des Gegners“

Joshua Kimmich, Deutschlands wohl bester rechter Verteidiger, erklärte die Herausforderung so: „Man hat als Außenverteidiger zwar die Linie als Orientierung und Begrenzung, aber man hat viel mehr intensive Läufe, viel mehr wichtige Defensivzweikämpfe, und auf dem Flügel trifft man heute meistens auf die besten und schnellsten Spieler des Gegners und somit der Welt. Und am Offensivspiel sollte man sich im Idealfall auch noch beteiligen.“


1.) Das Laufspiel:

Als Lukasz Piszczek, kurioserweise eben von Trainer Lucien Favre zu Berliner Zeiten vom Stürmer zum rechten Außenbahner umfunktioniert, in Dortmund loslegte, rieben sich Gegner und Zuschauer die Augen. Der damals noch junge Pole marschierte die Linie rauf und runter, als ob er für jeden zurückgelegten Meter extra bezahlt würde. Piszczek erklärte im Gespräch mit dieser Redaktion: „Bei Jürgen Klopp musste ich hoch und runter laufen. Die ganze Zeit. Das war damals das Beste für mich. Ich war jung, ich habe es hinten sowieso nicht ausgehalten.“

Eine besondere Laufstärke gehört zu den Grundtugenden. Außenstürmer ziehen mehr Sprints an, Mittelfeldspieler spulen mehr Kilometer ab. Bei der Anzahl der intensiven Läufe, mit hoher Geschwindigkeit und über längere Strecken absolviert, führen oft die Außenverteidiger. Auch die Grundschnelligkeit darf nicht fehlen, meist treten die spurtstärksten Spieler des Gegners auf dem offensiven Flügel an. Dort Stand zu halten, ist unabdinglich.


2.) Das Passspiel:

Nochmal das Beispiel Piszczek: In bisher 1510 Bundesliga-Minuten verzeichnet der Pole 1339 Ballkontakte. Im Schnitt ist er also fast in jeder Spielminute am Ball. Als sichere Anspielstation auf der Seite beim Spielaufbau, als Antreiber jenseits der Mittellinie, als Mann für Zuspiele und Hereingaben im vordersten Drittel des Feldes.

Einwandfreie Technik im Umgang mit dem Spielgerät und ausgeprägtes Spielverständnis gehören zum Basispaket. Ballverluste auf den Flügeln, gerade in Angriffssituationen, entblößen die eigenen Flanken. Es bleibt ein permanentes Abwägen zwischen Risiko und Sicherheit. Bei Marcel Schmelzer, über Jahre Stammkraft auf der linken Dortmunder Seite, überwiegten meist die Entscheidungen gegen das Wagnis. Sein Mitspieler Achraf Hakimi wagt sich noch zu oft in Husarenstücke.


3.) Das Positionsspiel:

Lucien Favre wähnte sich falsch wahrgenommen. Er spiele doch immer offensiv, seit er in Dortmund im Amt sei. Vier Stürmer schicke er jedes Mal mindestens auf den Platz, und dann sind da ja auch noch die Außenverteidiger. „Sie stehen sehr hoch“, sagt Favre. In Borussias Grundordnung schieben die Flügel-Facharbeiter bis weit in die gegnerische Hälfte vor bei eigenem Ballbesitz, bis hin zu den Stürmern. Da ist im Vorteil, wer selber mal Offensivkraft war. Wie Piszczek, wie mal ein Erik Durm oder jetzt Marius Wolf. Piszczeks Erinnerung an die Berliner Zeit mit Favre: „Ich habe ihm gesagt, dass ich nächste Saison wieder vorne spielen will.“ Favre sagte: „Wir werden sehen!“ Es kam anders.

Kritisch wird es, wenn die Allrounder Fehler begehen. Wie sie den Dortmundern in den vergangenen Wochen (zu) häufig unterlaufen sind. Die Außenverteidiger müssen einrücken und auf die ballnahe Seite verschieben, immer mit einem peripheren Blick für den Gegenspieler. Sie müssen die Linie der Viererkette halten und dabei Diagonalbälle unterbinden.


Breite in der Offensive, Kompaktheit in der Defensive werden verlangt. Dazu strategisches Geschick. Piszczek über seine Entwicklung: „Ich wurde älter und es kam Trainer Tuchel. Er hat taktisch einiges umgestellt. Es gab Spiele, da sollte ich maximal bis zur Mittellinie nach vorne gehen und vor allem verteidigen, weil wir mit Dreierkette gespielt haben. Da habe ich auch noch einmal viel gelernt. Und mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen, wann ich nach vorne gehen kann und wann ich besser hinten bleibe.“

Spitze gegen Schmelzer

Einen Außenverteidiger zu formen, benötigt Zeit. Unvergessen die unverschämt formulierte, aber inhaltlich begründete Kritik von Bundestrainer Joachim Löw zu seinen Optionen für die Seiten: „In der Bundesliga gibt es gerade außen links ganz, ganz wenige Alternativen, und ich kann sie mir auch nicht schnitzen.“ Das galt 2012 als Spitze gegen Marcel Schmelzer, die generelle Bemäkelung hat Bestand.

„Ich kann sie mir auch nicht schnitzen.“
Joachim Löw

Deutschland muss sich behelfen mit Jonas Hector, Nico Schulz oder Marcel Halstenberg, bei allem Respekt ist keiner von ihnen Weltklasse. Bei der WM 2014 spielte in Benedikt Höwedes ein gelernter Innenverteidiger auf dieser Position. Die Bundesligisten, vor allem diejenigen mit hohen Ansprüchen, müssen oft im Ausland nach Alternativen suchen.

So wird es auch Borussia Dortmund beim Scouting angehen müssen. Denn es besteht Bedarf. Lukasz Piszczeks Karriere geht im übernächsten Sommer zu Ende, Marcel Schmelzer kämpft um Anschluss und Einsatzzeiten. Achraf Hakimis Arbeit auf der Außenbahn ist vorne teils spektakulär, hinten aber leider auch. Außerdem ist er nur bis zum Sommer 2020 ausgeliehen. Abdou Diallo verteidigt innen besser als außen. Von den ausgeliehenen Jeremy Toljan (Celtic Glasgow) und Felix Passlack (Norwich City) sollte man keine Wunderdinge erwarten.

Zorc und seine Fahnder sind gefordert

Die Außenverteidiger-Position liegt am Rand des Spielfelds. Wie zentral sie wirkt, zeigt sich bei der schwierigen Suche nach dem passenden Personal. BVB-Sportdirektor Michael Zorc und seine Fahnder sind gefordert.

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