Der Vertrag von BVB-Sportdirektor Michael Zorc (l.) läuft im Sommer 2022 aus. © imago / RHR-Foto
Borussia Dortmund

Zorc-Erbe: Kehl in der Pole-Position? BVB lotet weitere Optionen aus

Sebastian Kehl gilt bei Borussia Dortmund als logischer Nachfolger von Sportdirektor Michael Zorc. Doch der BVB prüft weitere Möglichkeiten.

Sebastian Kehl leitet seit 2018 den Lizenzspielerbereich bei Borussia Dortmund. Der langjährige BVB-Kapitän, der 2015 seine Karriere als aktiver Spieler beendete, trat seinen erneuten Dienst in Dortmund vor gut zweieinhalb Jahren mit dem Ziel an, perspektivisch BVB-Sportdirektor Michael Zorc beerben zu können. Am 6. Januar dieses Jahres untermauerte der 41-Jährige seine Ambitionen öffentlich: „Insgesamt traue ich mir die Aufgabe natürlich zu und bin davon überzeugt, dass ich das gut regeln kann.“ Er sei seit längerer Zeit zurück im Verein, sagte Kehl, „ich wachse mehr und mehr in die Dinge hinein, mitverantworte sie und gestalte sie zum Teil sogar allein“. Er habe ja schon mehrfach betont, „dass ich hier mehr Verantwortung übernehmen möchte“.

Im vergangenen Herbst verlängerte Kehl seinen eigentlich im Sommer 2021 auslaufenden Vertrag bei Borussia Dortmund um ein weiteres Jahr bis zum 30. Juni 2022. Dann endet auch der Kontrakt von Zorc, der dann nach 44 Jahren im Verein, darunter 24 Jahren als Sportdirektor, Platz für einen Nachfolger macht.

Borussia Dortmund stellt die Weichen für die Zukunft

Dass dieser Nachfolger Sebastian Kehl heißt, gilt weiterhin als naheliegende Lösung. Diese Personalie ist aber nicht so fix, wie es auf den ersten Blick anzunehmen ist. Nach Informationen der Ruhr Nachrichten loten die BVB-Verantwortlichen um Hans-Joachim Watzke derzeit vor allem eine weitere Option aus: Sven Mislintat. Mit dem gebürtigen Dortmunder, der bis Ende November 2017 erst als Scout, dann als Chefscout und schließlich als Direktor Profifußball und Scouting für Borussia Dortmund arbeitete, ist nach Informationen der Ruhr Nachrichten im März ein Treffen vereinbart, um sich über eine mögliche Zusammenarbeit ab Sommer 2022 auszutauschen. Für den BVB gilt es, nach Marco Roses Verpflichtung für die Trainerposition ab Juli 2021 die nächste wichtige sportliche Zukunftsweiche zu stellen.

Sven Mislintat steht beim VfB Stuttgart noch bis 2023 unter Vertrag. © imago / Sportfoto Rudel © imago / Sportfoto Rudel

Mislintat ist nach einem gut einjährigen Gastspiel als Chefscout beim FC Arsenal in London seit April 2019 als Sportdirektor beim VfB Stuttgart tätig. In der vergangenen Saison gelang der von Mislintat zusammengestellten Mannschaft der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga, aktuell rangieren die Schwaben nur sieben Punkte hinter dem BVB auf Platz zehn der Tabelle. Das sportlich dickste Ausrufezeichen der Spielzeit setzte der VfB ausgerechnet in Dortmund: Am elften Spieltag zerlegte der Aufsteiger den BVB beim 5:1-Triumphzug durch den Signal Iduna Park in seine Einzelteile.

Mislintat steht beim VfB Stuttgart noch bis 2023 unter Vertrag

Lucien Favre musste danach die Dortmunder Trainerbank räumen – und der 48-jährige Mislintat, der seinen Vertrag in Stuttgart erst am 17. Dezember des vergangenen Jahres bis zum 30. Juni 2023 verlängert hat, hinterlegte bei den BVB-Bossen unverhofft ein beeindruckendes Bewerbungsschreiben für eine Rückkehr zu Borussia Dortmund.

Gut zwei Monate später werden die Gedankenspiele um eine Rückholaktion konkreter, auch wenn das auf Anfrage der Ruhr Nachrichten weder Hans-Joachim Watzke noch Sven Mislintat öffentlich kommentieren oder bestätigen wollten. „Diamantenauge“, wie Mislintat in Dortmund wegen seines geschulten Blicks für talentierte Fußballer (u.a. Shinji Kagawa, Robert Lewandowski, Ousmane Dembele, Pierre-Emerick Aubameyang, Raphael Guerreiro oder Jadon Sancho) noch immer von vielen genannt wird, besitzt nach Informationen der Ruhr Nachrichten eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag, die einen Wechsel nach Dortmund im Sommer 2022 ermöglichen würde, wenngleich Mislintat die Existenz einer solchen Klausel auf Nachfrage dementierte.

BVB will Zorc-Nachfolge „im ersten Halbjahr 2021“ klären

Angesprochen auf eine etwaige Rückkehr nach Dortmund sagte Mislintat bereits am 17. Januar dieses Jahres im „Sport1-Doppelpass“: „Es ist eine spannende Frage, weil ich in Dortmund geboren bin. Aber wenn ich mir diese Gruppe (die Mannschaft des VfB Stuttgart, Anm. d. Red.) aktuell so anschaue, das hat schon Ähnlichkeiten mit dem, was in Dortmund passiert ist. Dann fühle ich mich in diesem Klub, mit allen politischen Dissonanzen, die so stattfinden, so wohl, dass das keine Alternative ist.“

Vielleicht wird es zeitnah ja doch noch eine. Hans-Joachim Watzke jedenfalls möchte Zorcs Nachfolge beim BVB laut eigener Aussage „im ersten Halbjahr 2021“ geklärt wissen. Bis zum Saisonende im Mai soll eine Entscheidung fallen. Die Borussen würden sich zutrauen, auch andere erfolgreiche Bundesligamanager wie etwa Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt) nach Dortmund zu locken. Sven Mislintat mit seiner BVB-DNA in die sportliche und private Heimat zurückzuholen, wäre fachlich ein Gewinn und käme bei den Fans garantiert gut an.

BVB-Boss Watzke zum Sportdirektor-Job: Du brauchst ein Netzwerk

Anfang des Jahres sagte Watzke im Interview mit dem „Kicker“ auf die Frage, was Sebastian Kehl noch lernen müsse, um im Juli 2022 zu Borussia Dortmunds Sportdirektor aufsteigen zu können: „Wir sind ja nicht in der Schule, deshalb geht es auch nicht primär ums Lernen. Du brauchst Erfahrung, du brauchst ein Netzwerk. Das Prozedere um die Mannschaft herum, das hat Sebastian alles drauf. Er war lange unser Kapitän, hat sich unter Jürgen Klopp, als er noch Spieler war, unheimlich viel abgeschaut. Auch von Michael Zorc. Am Ende des Tages benötige ich eine klare Sicht darauf, ob Sebastian ab 2022 das komplette Geschäft abbilden kann. Die Abwicklung von Transfers beispielsweise ist ein wichtiges und großes Feld. Aber er ist da dran, er ist ja auch extrem ehrgeizig. Ich glaube, dass er sich sehr stark reinfuchsen wird, alles andere würde mich überraschen.“

Wer damals ein wenig zwischen den Zeilen las, konnte durchaus den Eindruck erlangen, dass Kehl die oft zitierte „Pole-Position“ im Kampf um den Sportdirektor-Posten nicht als Garantie für den Aufstieg zum Sportdirektor werten sollte, zumindest nicht als alleiniger Zorc-Erbe. Eine Doppellösung mit Kehl plus Mislintat gilt am Rheinlanddamm als ein reizvolles Gedankenspiel, weil deren Profile sich inhaltlich sehr gut ergänzen würden.

Eine BVB-Doppellösung gilt intern als reizvolles Gedankenspiel

Kehl selbst reagierte auf Watzkes öffentlich formulierten Vorbehalt am 6. Januar damit, dass ihn die Aussagen des Vorsitzenden der BVB-Geschäftsführung „überhaupt nicht gewundert“ hätten, weil er mit Watzke „in einem regelmäßigen Austausch“ stehe. Bei Watzkes Treffen mit Mislintat im März wird er nach Informationen der Ruhr Nachrichten allerdings nicht dabei sein.

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Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe
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Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers