Zorc über den neuen Kader: "Macht Lust auf mehr"

BVB-Sportdirektor im Interview

Michael Zorc geht in seine 19. Saison als Sportdirektor von Borussia Dortmund. Aber von Routine ist keine Spur. Nach einem arbeitsreichen Sommer mit bisher vier Abgängen und acht Neuverpflichtungen wachsen Anspannung und Vorfreude bei ihm. Zorc hat mit Dirk Krampe und Jürgen Koers über Chancen und Risiken des Umbruchs, absurde Summen im Profifußball und seinen eigenen Wert auf dem Transfermarkt gesprochen.

BAD RAGAZ

, 11.08.2016, 09:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Zorc über den neuen Kader: "Macht Lust auf mehr"

BVB-Sportdirektor Michael Zorc blickt zuversichtlich in die Zukunft seines Klubs.

Acht Tage Trainingslager in der Schweiz sind zu Ende, die Mannschaft ist bis auf die Olympiafahrer endlich komplett. Welchen Eindruck macht der neue Kader auf Sie?

Einen sehr guten Eindruck, auch wenn wir gegen Sunderland und Bilbao unsere Trainingsleistung nicht auf den Platz gebracht haben. Das muss man kritisch anmerken. Aber grundsätzlich sieht es gut aus, die Gruppe harmoniert, auch außerhalb des Platzes, beim Essen, bei Terminen. Wir konnten hier auf hohem Niveau trainieren mit der Qualität, die vorher schon da war und den Spielern, die wir dazubekommen haben. So hatten wir uns das erhofft. Es ist auch wichtig, dass wir fast verletzungsfrei bis hierhin durchgekommen sind. Es entwickelt sich gut.

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Rückkehr des BVB aus Bad Ragaz

Rückkehr des BVB aus Bad Ragaz - hier gibt's die Bilder vom Dortmund Airport.
10.08.2016
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Bilder der BVB-Rückkehr aus Bad Ragaz.© Foto: Groeger
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Schlagworte BVB , Borussia Dortmund

Der Umbruch ist ja größer ausgefallen als geplant. Wie weit ist die Mannschaft in ihrem Entwicklungsprozess?

Sie haben vollkommen Recht, in diesem Ausmaß war das so nicht geplant. Wir haben viel unternommen, um die drei Jungs (Hummels, Mkhitaryan, Gündogan, Anm. d. Red.) dazu zu bewegen, ihre Verträge zu verlängern. Das hat nicht geklappt, aber ich glaube, wir haben das gut kompensiert. Auf der einen Seite mit jungen, extrem talentierten Spielern, aber auch mit deutschen Nationalspielern und gestandenen Bundesliga-Profis, die für uns sehr verlässliche Größen darstellen. Wir haben eine gute Mischung gefunden. Es macht Spaß und Lust auf mehr, und die Jungs haben alle schon gezeigt, warum wir sie zum BVB geholt haben.

 

Sie haben annähernd exakt dieselbe Summe in acht Spieler investiert, die Manchester United jetzt im Fall Paul Pogba für einen Spieler ausgegeben hat …

Ein anderer Punkt ist entscheidend, und das macht den Unterschied sofort deutlich: Es geht um die Nettobilanz. Wir haben in etwa das ausgegeben, was wir auf der anderen Seite auch eingenommen haben. Manchester United dagegen hat circa 200 Millionen investiert und keinen Euro eingenommen, wenn ich das richtig gelesen habe.  

.@DirkKrampe-s Fazit des #BVB-Trainingslagers in #BadRagaz: pic.twitter.com/TDhQlpRAHT

— Ruhr Nachrichten BVB (@RNBVB)

Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?

Man muss das trennen. Wir können über Fußball reden, über die Marktgesetze des Fußballs. Oder wir machen eine philosophische Betrachtung und fragen, ist ein Fußballer das wert? Fakt ist, dass der Geldfluss im Fußball immer weiter zugenommen hat. Nicht zuletzt durch die Fernsehverträge in England, die noch einmal einen extremen Sprung bedeuten. Das Geld wird einfach reinvestiert. Das kann man gut finden oder schlecht, es ist aber einfach eine Folge von Angebot und Nachfrage.

 

Wir nehmen dennoch an, dass Sie zuversichtlich sind, den besseren Deal gemacht zu haben …

Ich will das gar nicht bewerten. Es gab doch schon vor zehn Jahren ein Aufschrei bei Transfers von 20 Millionen Euro, dann kamen Ronaldo und Bale mit über 90. Die Dinge entwickeln sich einfach so. Man muss aber auch festhalten, dass die Größenordnung wie nun bei Pogba noch immer ein Sonderfall ist.

Wobei die Sprünge gerade bei der breiten Masse von Spielern doch ziemlich groß sind …

Sobald ein englischer Klub involviert ist, erreichen die Summen  schon eine andere Größenordnung, das ist richtig. Mit für alle Marktteilnehmer mittelbaren Folgen, wenn zum Beispiel Juve die Ablöse für Pogba wieder fast vollständig in Gonzalo Higuain reinvestiert hat. Genauso wäre es noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen, dass wir für drei Spieler mit noch je einem Jahr Restvertragslaufzeit rund 100 Millionen Euro einnehmen.

 

Und doch auch in dem Sinne, dass auch Sie mehr investieren müssen. Robert Lewandowski hat seinerzeit 4,5 Millionen Euro gekostet, ein Ousmane Dembélé jetzt mehr als das Doppelte …

Allgemein haben sich insbesondere für junge, talentierte Spieler die Preise nach oben entwickelt. Das beste Beispiel dafür ist Leroy Sané…

 

Gestandene Profis einerseits, junge Talente auf der anderen Seite. Wird dieser „Mischweg“ auch künftig der Weg des BVB bleiben?

Er war es immer und wird es auch bleiben. Zu diesem Weg gehören auch Jungs, die wir selber entwickeln wie Christian Pulisic, Felix Passlack und Dzenis Burnic. Gerade vor dem Hintergrund, dass eine Handvoll großer Klubs noch immer eine andere Umsatz- und damit auch Gehaltsgröße hat als wir, wird es immer ein wichtiges Thema bei Borussia Dortmund sein, junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu fördern. Wir wollen im Konzert der ganz Großen mitmischen. Wir wollen in der Champions League nicht nur dabei sein, sondern eine gute Figur abgeben. Deshalb kann es für uns nur diesen etwas anderen Weg geben. Und das haben wir in den vergangenen Jahren auch ganz gut hinbekommen.

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Für Ihr Scouting bekommen Sie seit Jahren gute Rückmeldungen. Ohne jetzt Betriebsgeheimnisse zu verraten: Wie gehen Sie da vor, wie frühzeitig beobachten Sie Spieler?

Intensives Scouting ist eine Notwendigkeit, die sich aus dem, was ich eben sagte, ergibt. Wir müssen schneller sein, wir müssen kreativer sein. Wir müssen sehr früh an den Spielern dran sein und sie sehr früh überzeugen. Ousmane Dembélé und Raphael Guerreiro sind da gute Beispiele. Wären wir bei Guerreiro erst nach der EM aktiv geworden, oder bei Emre Mor, hätten wir beide wohl kaum noch verpflichten können. 

 

Ist die Art und Weise, wie Borussia Dortmund Fußball spielt, dabei ein Argument?

Auf jeden Fall. Das Gesamtpaket ist entscheidend. Ich möchte es mal so sagen: Nicht alle Transfers werden nur auf der monetären Grundlage entschieden. Da geht es aber auch um die Stadt, das Stadion, und eben den Fußball, den man spielt. Unser Fußball wird als extrem attraktiv wahrgenommen. Ballbesitz und ein attackierender Stil sind schon ein Plus in den Gesprächen.

 

Wurmt es Sie umso mehr, wenn Sie trotz guter Argumente und sehr ordentlicher Bezahlung dann Spieler wie Henrikh Mkhitaryan nicht halten können?

Um ehrlich zu sein: Da bin ich eher Pragmatiker als Romantiker. Das hat es leider in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, damit mussten wir immer umgehen und haben das in allen Fällen gut kompensiert. Wir müssen festhalten, dass ein paar Klubs auch im Gesamtpaket noch eine etwas größere Attraktivität besitzen. Das sind sicher Barcelona und Real Madrid, das ist der ein oder andere Engländer, und das ist auch Bayern München, wo aufgrund der Größe des Klubs und der Erfolge die Titelwahrscheinlichkeit etwas größer ist. Das kann man gut finden oder nicht, es ist aber so, und ich halte mich an die Realitäten. Ich freue mich auf die neue Saison, trotz einiger Fragezeichen bei uns. Ich betrachte diese Fragezeichen aber eher als spannend, denn als beunruhigend.

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Sie haben viel Talent verpflichtet, Spieler, die noch nicht fertig ausgebildet sind. Andererseits bleiben die Erwartungen sehr hoch. Wie lange können Sie den Spielern Zeit geben?

Ein guter Fußballer findet sich relativ schnell zurecht. Es geht mehr darum, sich auf unsere besonderen Prinzipien, unsere Art des Fußballs einzulassen. Jeder Spieler bekommt bei uns die Zeit, die er benötigt. Es ist ja auch nicht so, dass die Mannschaft auseinandergefallen ist. Ja, wir haben drei wichtige Spieler verloren. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das - mit der notwendigen Geduld - kompensieren können. Gerade im Offensivbereich haben wir auch und gerade jetzt sehr viele Möglichkeiten, da können wir viel variieren.

 

Mkhitaryan hatte 55 Torbeteiligungen in der vergangenen Saison. Ist dennoch Hummels der größte Verlust?

Mats war schon ein Fixpunkt in der Mannschaft, er war der Kapitän und als Nationalspieler ein Führungsspieler. Sein Weggang wird die Hierarchie ein Stück weit neu sortieren, aber das kann auch für neue Impulse und Reize sorgen und damit belebend wirken auf den gesamten Kader.

 

Auf Seite 2 lesen Sie, was Michael Zorc zu den Zielen in der Bundesliga und der Champions League sagt. 

Die erste Saison unter Thomas Tuchel war herausragend gut. Am Ende hat Bayern Münchens Thomas Müller sogar gesagt, die Dortmunder hätten genervt, weil sie einfach nicht locker gelassen haben. Kann das mit der neu formierten Mannschaft wieder gelingen?

Wir haben hungrige Spieler dazubekommen, davon verspreche ich mir sehr viel. Aber wir müssen uns erst wieder finden. Die Hierarchie in der Mannschaft ist aufgebrochen, da entwickelt sich etwas Neues. Wir müssen erreichen, dass sich die neuen Spieler an unsere Abläufe und Prinzipien gewöhnen. Das geht nicht von heute auf morgen. Viele bringen große individuelle Klasse mit, aber etwas anders gelagert. Gleichzeitig sind viele Spieler vielleicht auch ein Stück wachsamer, weil neue Konkurrenten hinzugekommen sind. Manche Plätze sind nicht mehr so vergeben, wie sie es vielleicht mal waren. Dieser Anpassungsprozess wird uns gelingen, wie schnell das geht, ist schwer zu prognostizieren. Wir hören forsche Töne aus Leverkusen, dass man diesen Umbruch bei uns nutzen will. Gladbach ist da, Schalke ist da, neu aufgestellt und sehr ambitioniert auftretend. Ich sage: Wir waren immer dann besonders gut, wenn wir nach außen nicht so lautsprecherisch aufgetreten sind.

 

Hinter den Bayern kämpft eine größere Gruppe um die Champions-League-Plätze, oder?

Unsere Zielsetzung ändert sich nicht, wir wollen uns direkt für die Champions League qualifizieren, das ist unser Anspruch. Wir wollen auch in der Champions League eine gute Rolle spielen. Und im Pokal so weit kommen, wie es geht. Das ändert sich nicht. Unser Auftrag ist, mit unseren Möglichkeiten das Bestmögliche zu erreichen. Es wäre aber schön, wenn einige Vereine nicht schon in vorauseilendem Gehorsam die Punkte in München aliefern - wie es in den vergangenen Jahren häufig zu beobachten war.

Was bedeutet die Bühne Champions League? Was sind dort Ihre Ziele?

Wir warten mal die Auslosung ab. Als Deutscher Vizemeister muss es das Ziel sein, die Gruppenphase zu überstehen.

 

Der Modus der Auslosung hat sich geändert. Wie bewerten Sie das?

Das stimmt, es werden nicht mehr die im UEFA-Ranking führenden Nationen als Gruppenköpfe gesetzt, sondern die sieben Meister der besten Nationen, plus der Titelverteidiger. Wenn ich mir die ganze Liste anschaue, hätte ich auch diesmal nichts gegen den englischen Meister einzuwenden (lacht).

 

Die Exoten haben in der Europa League doch auch ihren Reiz ausgeübt. Sonst spielt man ja nicht gegen Odds BK.

Ich glaube, alle freuen sich wieder auf die Champions League.

Vorher steht noch ein anderer Wettbewerb im Kalender, der Supercup am Sonntag. Wie schätzen Sie diesen Event ein?

Er liegt halt mitten in der Vorbereitung. Insbesondere, wenn in dem Sommer auch noch ein großes Turnier stattgefunden hat, ist es so, dass die Topspieler oft noch nicht in bester Verfassung waren oder gar nicht spielen konnten. Das liegt an der Terminierung. Nichtsdestotrotz übt ein Spiel gegen Bayern München einen besonderen Reiz aus. Diesmal auch angesichts der Tatsache, dass Mats Hummels von uns zum FC Bayern gewechselt ist und wir Mario Götze und Sebastian Rode aus München verpflichten haben. Das macht es noch einmal emotionaler. Es ist ein erster Saisonhöhepunkt.

 

In anderen Ländern hat dieser Wettbewerb einen anderen Stellenwert.

Ich habe mir das englische Pendant angesehen, Manchester United gegen Leicester City. Da ging es schon sehr ernsthaft zur Sache. In Deutschland können wir alle noch dazu beitragen, dass dieser Supercup ein wenig aufgewertet wird. International ist der Stellenwert noch größer als national.

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Wann kommt Marco Reus zurück?

Es hat sich nichts an dem Plan geändert, dass er Mitte August zurückkehrt ins Mannschaftstraining. Es war sinnvoll, dass er individuell weiter in Dortmund trainiert hat, wo er bestmögliche Voraussetzungen für seine individuelle Reha-Arbeit vorgefunden hat.

 

Moritz Leitner steht vor dem Absprung zu Lazio Rom.

Wir stehen in der Realisierungsphase. Es kann aber noch ein wenig dauern.

 

Der Kader ist dennoch groß. Soll er noch verkleinert werden?

Der Kader ist sicherlich nicht zu klein. Wir haben ihn bewusst etwas größer und die Leistungsdichte höher gehalten, weil die Rotation in der Champions League eine andere ist als in der Europa League. Wir wollen die Qualität sehr hoch halten und trotzdem die Belastung gut verteilen, ohne einen großen Qualitätseinbruch zu riskieren.

 

Abschlussfrage an den Sportdirektor Michael Zorc: Wir sprachen über die Ablösesummen. Was würde der Spieler Michael Zorc heute kosten?

Unbezahlbar! (lacht laut)

Sicher?

Da ich in meiner Karriere als Spieler nie gewechselt bin, ist das ja eine rein rhetorische Frage. Aber in aller Bescheidenheit: Wahrscheinlich wäre ich etwas zu langsam für den heutigen Fußball.

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