1968: Das ist die Geschichte hinter diesem Foto

Überschwemmung in Ickern

Ein Junge sitzt auf einem Kissen mitten im überschwemmten Ickern. Das Bild stammt aus dem Jahr 1968 und ist Teil einer Fotoausstellung. Wir wollten wissen, wer der Junge auf dem Foto ist - und haben ihn gefunden. Die Geschichte einer Kindheit in Ickern der 60er-Jahre.

ICKERN

, 15.05.2017, 12:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Unsere Castrop-Rauxeler Lokalredaktion hatten mit der JVA Meisenhof und „Mein Ickern“ Leser aufgerufen, Fotos von Menschen aus Ickern zuzusenden. Und das mit Erfolg: Es kamen mehr als 100 Einsendungen.

Ende März tagte eine Jury, die die besten Bilder auswählte. Diese werden im Frühsommer unter dem Titel "Gemeinsam leben in Ickern" in Geschäften und Schaufenstern Ickerns ausgestellt. 19 Themen standen am Ende der Jurysitzung, in der Marc Frese und seine beiden Mitstreiter Pario Pallasch und Uwe Frisch von Mein Ickern, JVA-Chef Julius Wandelt und Redaktionsleiter Tobias Weckenbrock heiß diskutierten: Welches Bild bebildert das Motto am Besten?

Foto der Überschwemmung von 1968

Ein Bild gefiel uns besonders gut. Es zeigt die Ickerner Überschwemmung am 17. Juni 1968. Im Vordergrund der Aufnahme sitzt ein Junge auf einem Kissen, planscht mit den Gummistiefeln im knöchelhohen Wasser, das auf der Straße steht. Im Hintergrund steht ein Magirus Deutz von der Feuerwehr. Männer in kurzen Hosen laufen vorweg.

Wir fragten den Fotografen des Bildes Dieter Krieger, ob er den Jungen von dem Foto kenne. „Leider nicht“, so Krieger – „ich könnte mir aber vorstellen, dass in der Ruprechtstraße oder der näheren Umgebung noch Leute wohnen, die ihn kennen oder sich selbst erkennen.“

Markus Baron ist der Junge auf dem Foto - inzwischen ist er 55

Durch einen Aufruf in der Zeitung konnten wir ihn ausfindig machen. Markus Baron, heute 55 Jahre alt, ist der Junge auf unserem Foto. Seiner Schwester Jutta Mader (53), die mit ihrer Familie immer noch an der Ruprechtstraße, gegenüber des Elternhauses Hausnummer 10, wohnt, fiel das Foto in der Zeitung auf. Sie rief ihren Bruder Markus, der mit seiner Frau und vier Kindern in Herne wohnt, an: „Du bist in der Zeitung“, sagte sie.

Dass es sich dabei um ein Foto aus seinen Kindheitstagen handelte, das war ihm da noch nicht klar. Beim Ortstermin am Mittwoch überreichen wir ihm das Foto im Großformat – 50 mal 50 Zentimeter, gedruckt in der JVA Meisenhof für die angedachte Fotoausstellung. Er rollt es aus und staunt: „Ja, das war genau hier.“ Er geht mitten auf die ausladende Kreuzung mit der Heinestraße im Wohngebiet, seine Schwester Jutta neben ihm. „Guck, hier, das Haus sieht noch genauso aus. Und hier, der Kamin.“ Er deutet mit dem Finger auf die Details im Bild. „Ja, hier hab ich damals gesessen.“

"Jungs und Mädels von hier"

Dann kommt Armin Baron um die Ecke: Er ist 57, der Bruder der beiden. 30 Jahre auf dem Pütt gearbeitet, sein Bruder Markus 15. Jungs von hier. „Das war ein Erlebnis für uns“, sagt Markus, bezogen auf den Tag, an dem Ickern unweit der Emscher überflutet wurde. „Es war zwar eine Katastrophe für die Anwohner, aber wir als Kinder fanden das spannend.“

Die Keller: vollgelaufen bis zur Decke, Kartoffeln-, Kohlenlager und eingemachte Lebensmittel inklusive. „Passt auf, Kinder“, habe ihre Mutter ihnen zugerufen, erinnert sich Armin, „die Gullydeckel sind hochgedrückt.“ Dann zogen sie los, und Armin tapste angesichts des Hochwassers tatsächlich in einen herein. „Aber ich hab mir nix getan“, sagt er. „Wir wollten rüber, denn wir hatten gehört, dass sieben oder acht Jungs um die Ecke mit Floß oder Schlauchboot auf der Straße unterwegs waren“, erinnert sich Markus. Toten Mäusen, Igeln, Ratten seien sie begegnet.

„Wir waren immer draußen unterwegs“, sagt Jutta. „Die Nachbarn hielten zusammen.“ Markus meint: „Diese Gemeinschaft gibt es heute nicht mehr so. Die Zäune sind höher geworden.“ Jutta, die in diesen 15 Minuten achtmal von vorbeifahrenden Passanten gegrüßt wird, ergänzt: „Mich kennt hier immer noch jeder.“ Markus zog der Liebe wegen nach Herne, als der Vater 1987 starb. 1991 verließ er die Zeche Ickern 3. Heute arbeitet er bei Isaflex, einer Hydraulikfirma aus Castrop. Markus Baron, der Junge auf unserem Foto: Vielleicht erzählt er im Zuge der Ausstellung die Geschichte von damals, als Ickern unter Wasser stand, noch mal neu. 

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