32-Jähriger tötete die Mutter seines Schulfreunds im Vollrausch

rnTatort Castrop-Rauxel

Im Vollrausch tötete Hans Jürgen Struß 1975 eine Frau. Nachdem er zuvor für ein ähnliches Delikt im Gefängnis gesessen hatte. Der Gutachter diagnostizierte damals „leichten Schwachsinn“.

Castrop-Rauxel

, 03.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Maria Katzensteiner (68) und ihr Sohn Wilfried hatten 1975 einen alten Schulfreund des Sohnes in ihr Ickerner Haus eingeladen. Es wurde wohl ein ziemliches Trinkgelage. Als der Sohn zu Bett gegangen war, erwürgte der Kumpel die Rentnerin.

Bereits am Tag nach der Tat nahm die Polizei den 32-jährigen Hans Jürgen Struß fest. Er soll Maria Katzensteiner am 10. Januar 1975 erwürgt haben.

Angeklagter ist vermindert schuldfähig

Der Prozess gegen den damals 32-Jährigen begann ein Jahr später, am 27. Januar 1976, vor dem Dortmunder Schwurgericht. Sechs Prozesstage waren zunächst vorgesehen, dem Angeklagten wurde verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen. „Ich war wohl zu Besuch da, alles andere entzieht sich meiner Kenntnis“, sagte er zum Prozessauftakt.

„Wer die Schilderungen des Angeklagten zu seinem Elternhaus, seiner Jugend, verfolgt, kann Mitleid mit dem kleinen Mann im blauen Anzug bekommen, der untersetzt und stämmig ein wohlverpacktes Kraftbündel zu sein scheint“, schrieb unsere Zeitung 1976.

„Ich habe Not und Elend kennengelernt.“
Hans Jürgen Struß über seine Jugend

Nach nur vier Jahren verließ der Akkordarbeiter die Sonderschule. Sein IQ soll bei 67 gelegen haben, normal ist etwas um die 100. Weil die Ehe seiner Eltern nicht gut war, hatten er und seine Geschwister ständig Hunger gelitten. „Ich habe Apfelkippen und rohe Kartoffeln aus dem Rinnstein gegessen“, erzählte er vor Gericht

Die Tat in Castrop-Rauxel war nicht seine erste: Wegen eines ähnlichen Delikts war Struß 1968 schon einmal in Bremen zu einer viereinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er erdrosselte dort die 36-jährige Magdalene Jung mit ihrem Nachthemd.

Vier Jahre und sechs Monate saß er dafür in Haft - wegen fahrlässiger Tötung. Nur 20 Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis würgte er Irene Halle (damals 35) in Bremerhaven. Wieder musste er sich vor Gericht verantworten, bekam diesmal 18 Monate wegen vorsätzlicher Körperverletzung.

Tat hätte verhindert werden können

Auch das reichte nicht aus, um den Mann zu bremsen. Denn wiederum drei Monate nach Haftentlassung tötete er Maria Katzensteiner in Castrop-Rauxel. „Maria Katzensteiner hätte noch leben können, wenn man in Bremen die Gefährlichkeit des Angeklagten erkannt hätte“, sagte der zuständige Staatsanwalt damals.

„Wir mussten die Fingernagelproben der Toten in Alkohol legen. Erst nach Stunden löste sich der Schmutz auf.“
Gutachterin Dr. Dagmar Neubert-Kirfel

Mit Frauen hatte Struß keine guten Erfahrungen gemacht. Seine Ehefrau habe ihn noch am Hochzeitstag betrogen, heißt es. Außerdem soll sie ihn regelmäßig als „Gartenzwerg“ beschimpft haben. Wegen seiner Minderwertigkeitskomplexe lernte er Karate, ließ sich auf seinem Arm Zigaretten ausdrücken, um sich abzuhärten.

Spuren der Getöteten am Hemd des Angeklagten

Ein Gutachten belastete den Schweißtechniker nach der Tat in Castrop-Rauxel vor Gericht schwer, auch wenn Verteidiger Erich Bäckerling von der Unschuld seines Mandanten ausging. An seinem roten Herrenhemd befanden sich Spuren von Strümpfen, BH und Hüfthalter der Toten. Ein Zeichen, dass das Opfer sich gegen den Mörder gestemmt hatte.

Im Prozess kamen weitere ekelige Details zu Tage. So fanden die Beamten der Spurensicherung Kot unter dem Teppich und Beschmierungen an fast allen Kleidungsstücken der Toten.

Nach dem Mord an der Rentnerin nahm sich Struß ein Taxi in eine Gaststätte. Dort habe er sich auffällig verhalten. „Der hat gesponnen. Der warf mit Geld umher und wollte für 30.000 DM das ganze Lokal kaufen“, so die Kellnerin Rosemarie R. damals vor Gericht. Er kehrte noch in zwei weiteren Kneipen ein.

„Der sprang irre vor der Theke rum. So etwas kann ich nicht leiden.“
Kneipenwirt Heinrich J.

Am dritten Verhandlungstag sagte der Sohn der Getöteten aus. Er konnte als Täter schnell ausgeschlossen werden. 10 Mark habe er Struß gegeben, damit der neues Bier holt. Als dieser nicht zurückkam, sei er zu Bett gegangen. Er dachte, Struß sei mit dem Geld durchgebrannt.

Von der Tat habe er nichts mitbekommen, weil er Schlaftabletten genommen habe. Als er am nächsten Morgen ins Wohnzimmer kam, sah er seine Mutter auf dem Sofa liegen. „Ich fühlte die Beine meiner Mutter. Sie waren eiskalt. Da rief ich: Mama, Mama. Sie war tot.“

„Nur eine Kastration hilft“

Gutachter Dr. Friedrich Jahn bescheinigte Struß „leichten Schwachsinn“, so hieß es damals in der Zeitung. „Er ist für die Umwelt ein gefährlicher Mann, da sein sexueller Antrieb mit Gewalt zu verbinden ist. Nur eine Kastration hilft.“ Ob es dazu je gekommen ist, ist nicht überliefert.

Das Gericht verurteilte Hans Jürgen Struß letztendlich zu fünf Jahren Freiheitsstrafe - nicht wegen Mordes, sondern wegen Tötung im Vollrausch. Außerdem ordnete es seine Einweisung in die Psychiatrie auf unbestimmte Zeit an, weil er ein gemeingefährlicher Triebtäter sei, vor dem die Öffentlichkeit geschützt werden müsse.

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