800 Jahre alte Funde am Castrop-Rauxeler Markt

Bei Bauarbeiten entdeckt

Bei Bauarbeiten am Castrop-Rauxeler Markt wurden Holz- und Keramikteile freigelegt, die von Archäologen auf die Zeit zwischen 1800 und 1900 datiert werden. Tiefer in der Erde liegen sogar noch ältere Relikte, zum Teil aus dem 13. Jahrundert. Fast hätte die Funde aber niemand zu Gesicht bekommen: Ein Teil wurde versehentlich entsorgt.

CASTROP-RAUXEL

, 04.08.2016, 12:19 Uhr / Lesedauer: 3 min
800 Jahre alte Funde am Castrop-Rauxeler Markt

Der Marktplatz in Castrop-Rauxel ist derzeit nicht nur eine Baustelle, sondern auch eine archäologische Ausgrabungsstätte.

Bevor die Arbeiten am Marktplatz begonnen haben, hat mit diesem Fund hat niemand gerechnet: Historisches Baumaterial, das laut Archäologen aus den vergangenen 800 Jahren stammen soll, wurde in Castrop-Rauxel gefunden. Darunter sind zum Beispiel Keramikstücke, ein Sockel aus Sandstein und eine Wasserleitung aus Holz.

Die ersten Funde an historischem Baumaterial wurden versehentlich entsorgt, da die von der Stadt beauftragte Firma sich über dessen Ursprung nicht sicher war. Erst später hat die Firma den Stadtbetrieb Castrop-Rauxel (EUV) informiert. Dieser hat wiederum Archäologie-Experten vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ins Boot geholt. Ein Teil der entsorgten Funde konnte noch gesichert und analysiert werden. "Wir möchten uns dafür entschuldigen, dass die ersten Teile der Ausgrabungen entsorgt wurden", sagt Thorsten Werth-von Kampen, Ressort Umwelt beim EUV.

Scherben aus dem 13. Jahrhundert

Die ältesten Funde am Castrop-Rauxeler Marktplatz sind mehrere Scherben, von Dr. Christoph Grünewald, Leiter der Abteilung Archäologie für Westfalen im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), auf das 13. Jahrhundert datiert. "Anhand mehrerer Merkmale können wir das Alter von Scherben mit einer möglichen Abweichung von etwa 100 Jahren bestimmen", sagt Grünewald. Archäologen benutzen zur Analyse von Scherben Bestimmungslisten. "Brandhärte, Form des Gefäßes und die Art der Herstellung - mit einer Drehscheibe oder von Hand - geben uns Aufschluss über die Herkunft solcher Funde."

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Auch eine mehrere hundert Jahre alte Abwasserleitung aus Holz wurde freigelegt. Ihr Alter kann noch nicht geschätzt werden: "Wir müssen erst eine brauchbare Probe von dem Material entnehmen." Holz lasse sich aufgrund seiner Beschaffenheit genauer datieren als zum Beispiel Keramik oder Ton. "Das Holz ist nicht verfault, weil es von der Luft abgeschlossen war", sagt Dr. Christop Grünewald. Bakterien haben das Holz so nicht zersetzen können. "Einen Teil der Wasserleitung müssen wir zur Analyse entnehmen, den Rest lassen wir im Boden."

Hoffnung auf neue Methoden

Grünewald und seine Kollegen lassen den großen Teil der Wasserleitung aus zwei Gründen im Boden, wenn sie eine Probe entnommen haben: "Erstens müssen wir einen Kompromiss eingehen, da der Marktplatz-Umbau aufgrund unserer archäologischen Arbeiten nicht Ewigkeiten dauern soll." Zweitens wollen die Archäologen auch noch etwas für ihre Kollegen in der Zukunft übrig lassen. "Unsere Aufgabe ist nicht nur die archäologische Ausgrabung, sondern auch der Denkmalschutz. Das Holz können wir nicht lagern, ohne dass es zerfällt. Wenn Archäologen es in zum Beispiel 100 Jahren beim nächsten Marktplatzumbau nochmal finden, gibt es vielleicht neue Methoden, mit denen mehr über diese Wasserleitung herausgefunden werden kann."

Wenn die Untersuchungen beendet sind, wird die Holzleitung mit einem sogenannten Geotextil - ein Baustoff für geotechnische Sicherungsarbeiten - bedeckt. So sollte auch mit dem ebenfalls gefundenen Boden eines Holzfasses vorgegangen werden. Er wurde in dieser Woche aber doch vollständig aus dem Boden gehoben: Die Archäologen sehen ihn als forschungswürdig an. "Wäre der Fassboden in der Erde geblieben, hätte er beschädigt werden können", sagt Thorsten Werth-von Kampen vom EUV.

Datierung von Sandstein ist schwierig

Außerdem hat das Team des LWL bei Ausgrabungen einen Sockel aus Sandstein gefunden. Ob dies das Fundament eines Gebäudes ist, wissen die Archäologen noch nicht: "Die Datierung von Sandstein ist deutlich schwerer, anhand der Beschaffenheit des Materials lässt sich nicht rausfinden, ob es 500 oder 5000 Jahre alt ist", erklärt der Experte vom LWL. Daher müssten historische Dokumente durchgesehen werden, die einen Hinweis auf die Herkunft des Sockels geben können.

Ein Tipp zu dem möglichen Ursprung des Sockels kam von einem Leser: Der alte Marktplatz-Kiosk wurde 1908 bei der Umgestaltung der Nord- und Westseiten des Platzes abgerissen. Zu sehen sei das auf einer historischen Postkarte. Weitere historische Fotografien zeigen, dass im Jahr 1912 kein Kiosk mehr auf dem Marktplatz stand.

Auch Knochen befanden sich an der Ausgrabungsstelle: "Das sind für gewöhnlich Reste von Schlachtabfällen", so Grünewald. Auch das könne er aber noch nicht bestätigen.

Idee: Begehbarer Archäologiepark

Bert Wagener, Fraktionschef der Grünen in Castrop-Rauxel, hat bereits eine Idee, wie die zufällig entdeckten historischen Funden tourismuswirksam vermarktet werden könnten: Er schlägt vor, den Marktplatz zum "begehbaren archäologischen Schaukasten" zu machen. Ein solcher Archäologiepark könne ein zusätzlicher Anziehungspunkt für Besucher sein. Dafür wären aber nicht nur zusätzliche Gelder, sondern auch die Zustimmung der Politik nötig.

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Sorgfältig, aber schnell graben

Durch die historischen Funde hat sich der Zeitplan für den Marktplatzumbau schon geändert. Die Grabungen und der Aspekt des Denkmalschutzes haben höhere Priorität als der Baufortschritt der Marktneugestaltung.

"Die wissenschaftliche Analyse der Funde dauert etwas", erklärt LWL-Archäologe Grünewald. Die Arbeit mit der Stadt laufe jedoch hervorragend. Er ist sich bewusst, dass viele Anwohner die Verzögerung beim Umbau des Marktplatzes stört: "Wir versuchen mit der notwendigen Sorgfalt, aber auch so schnell wie möglich zu graben. Am liebsten würden wir uns noch mehr Zeit nehmen, aber wir verstehen auch, dass die Geschäfte vor Ort vom Marktplatz abhängig sind. Wir müssen daher einen Kompromiss eingehen."

 

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