Abstimmung übers schönste Rathaus: Ex-Mitarbeiter schimpft über „Euphorie“

rnNRW-Wettbewerb

Dass der Castrop-Rauxeler Rathaus-Komplex zum schönsten in NRW gewählt werden soll: für manch einen ein Witz. Nicht nur Kommentatoren bei Facebook lästern - auch ein ehemaliger Mitarbeiter.

Castrop-Rauxel

, 09.03.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schönstes Rathaus in NRW: Hier stimmt man für Castrop-Rauxels Architekten-Meisterwerk - das war die Überschrift über einen Artikel aus unserer Redaktion. Wir schrieben auch: „Das Castrop-Rauxeler Rathaus von Architekt Arne Jacobsen ist zumindest eines: besonders.“ Das hat für Reaktionen gesorgt.

Im Internet gab es zahlreiche Kommentare dazu. „Voll hässlich!“, meinte einer. „Seit wann macht ihr Satire?“, meinte eine andere. „Besonders Kacke“, schrieb ein Dritter. Malte Fercke hatte das vor Wochen anders gesehen: Der SPD-Ratsherr hatte den Vorschlag bei der Wahl des NRW-Heimatministerium eingebracht - und schon war das Rathaus des dänischen Architekten Arne Jacobsen aus den 60er- und 70er-Jahren im Wettbewerb dabei.

Aber die Lästereien gehen weiter: „Die Euphorie kann ich als ehemaliger Nutzer des Rathauskomplexes leider nicht teilen“, sagt uns Winfried Hetzel. Der war jahrelang Leiter des Bereichs Sport und Bäder, ist inzwischen im Ruhestand, aber kennt die Hintergründe genau. Er findet das, „was der Architekt uns mit der jetzigen Europahalle eingebrockt hat“, unerhört.

Hetzel meckert: „Erst, als die Halle stand...“

Wer das Rathaus in Castrop-Rauxel betrachtet, muss den Gesamtkomplex mit dem Forum, also der Stadthalle und der Europahalle sowie den Ratssaal mit einbeziehen. Und da fängt für Hetzel das Unheil an: „Die Europahalle war als Vierfach-Halle für die Gesamtschule geplant. 60 mal 27 Meter sollte sie groß sein. Aber erst, als das Gebäude stand, wurde gefragt, was in eine Sporthalle reingehört.“

Auf dem Oberrang sei eine Tartanbahn zu Trainingszwecken für die Leichtathleten geplant gewesen. Die Halle habe als Stützpunkt für Fechter dienen sollen. An den Stirnseiten sollten ein Kleinkaliber-Schießstand errichtet und Krafträume eingerichtet werden. All das geschah nie.

Hetzel weiter: „Selbst für normalen Schulsport war die Halle nicht zu gebrauchen: Wie sollte man hier Trennvorhänge anbringen? Basketballkörbe hätten an der mobilen Decke gewackelt, wegen des hohen Wasserstandes konnten auch keine Recks zum Versenken eingebaut werden. Und so weiter“, so der Experte. „Damit war die Halle für den Schulsport leider nicht zu gebrauchen. Außerdem wurde sie als viel zu teuer für eine Schulsporthalle empfunden.“

Zig Millionen Euro Sanierungsstau

Zur Wahrheit gehört auch, dass seit Jahren an einem schlüssigen Sanierungskonzept für das Rathaus fehlt. Oder besser: die Phantasie, wie man das bezahlen soll. Es wird von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag gesprochen, wenn es um die Kosten geht, die zur Instandsetzung eigentlich notwendig sind.

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