Bauernhof im Stadt-Besitz vergammelte wegen Nießbrauchrechts

rnGammelhäuser

Am Kanal zwischen Pöppinghausen und Habinghorst liegt gut versteckt ein echtes Gammelhaus. Das gehört offenbar der Stadt Castrop-Rauxel. Die Stadtverwaltung äußert sich jetzt dazu.

Castrop-Rauxel

, 04.08.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Besser verstecken kann man ein Gammelhaus kaum. Außer dem einen oder anderen Landwirt oder Jäger und den Bogenschützen der Schützengilde Habinghorst dürfte das Gebäuse-Ensemble, dass da bald einzustürzen droht, kaum ein Mensch kennen.

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Ein Obercastroper hat uns hier hingeführt, an die Kanalstraße, von der aus man direkt neben dem Kanal über einen nur halbwegs befestigten Weg den Bogenplatz der Gilde erreicht. Und hier steht, völlig zugewuchert, gesichert durch Bauzäune, ein alter Resthof, der seine besten Jahre tatsächlich hinter sich hat, der mühelos als Gammelhaus durchgeht.

„Lotterpaar“ wurde in den 70er-Jahren verfrachtet

Der Obercastroper, der lieber hier nicht genannt werden möchte, kennt auch die Geschichte des Resthofes, zumindest seiner letzten Jahre. „In Obercastrop“, so weiß er zu berichten, „lebte, nein hauste Anfang der 70er-Jahre ein Paar in einem Haus nahe der Reitanlage.“ Das habe manchem Obercastroper nicht gefallen.

Auch einem, der zufällig damals einen hohen Posten bei der Stadt gehabt habe. Der nun, so erzählt unser Informant, habe etwa um das Jahr 1974 herum dafür gesorgt, dass das „Lotterpaar“ an den Kanal verfrachtet wurde.

Das Gelände ist mit Zäunen umgeben. Die Kette mit Schloss wirkt neu. Am Zaun warnt die Schüzengilde Habinghorst: „Betreten verboten“.

Das Gelände ist mit Zäunen umgeben. Die Kette mit Schloss wirkt neu. Am Zaun warnt die Schüzengilde Habinghorst: „Betreten verboten“. © Thomas Schroeter

„Der Hof hier war irgendwann mit den Ländereien von der Stadt gekauft worden und stand leer. Dem Paar hat man das hier mit lebenslangem Wohnrecht schmackhaft gemacht und ist es so in Obercastrop los geworden“, so der Obercastroper.

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Das Paar habe am Kanal aber so weiter gemacht wie in Obercastrop, habe auch hier mehr gehaust als gewohnt. Und so sei das Gebäudeensemble nach und nach immer weiter verkommen, ohne dass sich die Stadt dafür interessiert habe.

Landwirt informierte den Bürgermeister

„Das kann man den heutigen Mitarbeitern oder dem heutigen Bürgermeister wohl auch gar nicht anlasten“, meint unser Informant. Ein benachbarter Landwirt aber, das wisse er genau, habe Rajko Kravanja vor etwa einem Jahr auf den eigentlich unhaltbaren Zustand an der Kanalstraße angesprochen. Der habe sich überrascht gezeigt, habe sich aber schlau machen und kümmern wollen.

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Der erbarmungswürdige Zustand des Geländes verrät nicht, ob aus dieser Kümmerei etwas geworden ist. Was unseren Informanten an der gesamten Geschichte besonders stört, ist die Tatsache, dass die Stadt Castrop-Rauxel da in der „Pampa von Castrop-Rauxel“ eine Immobilie wissentlich oder unwissentlich komplett habe herunter wirtschaften lassen. „Hier ist doch öffentliches Geld vernichtet worden“, meint unser Obercastroper Erzähler.

Das Gelände ist mit Zäunen umgeben. Die Kette mit Schloss wirkt neu. Am Zaun warnt die Schüzengilde Habinghorst: „Betreten verboten“.

Das Gelände ist mit Zäunen umgeben. Die Kette mit Schloss wirkt neu. Am Zaun warnt die Schüzengilde Habinghorst: „Betreten verboten“. © Thomas Schroeter

An den Zäunen, die rings um den Gammel-Hof aufgestellt sind, hat die Schützengilde Habinghorst übrigens Warnungen angebracht mit der Botschaft „Betreten verboten“. Wie kommt es dazu, wollten wir von der Gilde wissen. Am Montag konnten wir Axel Bleck, den Vorsitzenden der Schützengilde erreichen.

Schützengilde bestätigt: Stadteigentum

Der bestätigte uns zunächst einmal, dass das Gebäude-Ensemble tatsächlich der Stadt Castrop-Rauxel gehört. „Wir haben von der Stadt das nebenan gelegene Gelände für unsere Bogenschützen gepachtet. Um da gefährliche Vorfälle zu verhindern, haben wir die Verbots-Schilder am Zaun angebracht“, erzählte Axel Bleck unserer Redaktion.

Die Stadt, der das Gelände tatsächlich gehört, so erläuterte uns jetzt Stadtsprecherin Nicole Fulgenzi, beschäftige sich seit 2011 mit dem Zustands des Grundstückes/Hofes.

Fulgenzi: „Das Grundstück war mit einem Nießbrauchrecht versehen, das erst nach dem Tod des Nießbrauchseigentümers beendet werden konnte. Zwischenzeitliche Klagen zur Aufhebung des Nießbrauchs, die die Stadt wegen des Zustandes angestrebt hatte, wurden vom Gericht zurückgewiesen.“

Nießbrauchrecht verhinderte Stadt-Maßnahmen

Man habe mehrere Pfändungsbeschlüsse herbeigeführt, das notarielle Nießbrauchrechtsvertrag habe aber erst Ende 2018 aufgehoben werden können.

Seitdem könne die Stadt nach den hierzu notwendigen Verfahren wieder über das Grundstück verfügen. Nicole Fulgenzi: „Zunächst wurden Sicherungsmaßnahmen durchgeführt. Derzeit befindet sich die Stadtverwaltung in Gesprächen über eine nachhaltige Nachnutzung des Komplexes.“

Ob es zu dem Nießbrauchrecht gekommen ist, wie es der Obercastroper Informant schildert, bleibt auch nach der Stadt-Antwort ungeklärt.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes fehlte noch die Antwort der Stadt. Wir hatten am Mittwoch, 28.7., Fragen zum Gelände gestellt, erhielten die Antworten aber erst am Montag, 4.8., um 16.45 Uhr.

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