Amtsrichter spricht süchtigen Internetkäufer frei

rnGerichtsprozess

Immer wieder kaufte er im Internet ein. Dabei ging es dem 58-Jährigen aber nicht um die Ware, sondern den Bestellvorgang. Wegen nicht bezahlter Kissen landete er nun vor dem Amtsrichter.

Castrop-Rauxel

, 15.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Die Verlesung der Vorstrafen zeigte eindeutig: Der Angeklagte hat eine ausgeprägte Kaufsucht. So wurden mit einer Freiheitsstrafe gleich 33 Betrugsdelikte geahndet, ein anderes Mal wurden acht Betrügereien zugleich abgeurteilt. Stets Einkäufe im Internet, bei denen der 58-Jährige seine Personalien gern immer etwas variierte. Die Einkäufe aber teilweise nicht einmal auspackte – die Kaufhandlung war ihm wichtig, nicht die Ware selbst.

Dagegen nahm sich die aktuelle Anklage bescheiden aus. Es ging um zwei Schaumstoffkissen im Wert von 66,70 Euro, bestellt im April 2018. „Zu dick“ habe er befunden und einen Retourenschein angefordert, hatte der Angeklagte in der Hauptverhandlung ausgesagt. Der sei, was widerlegt wurde, nie übermittelt worden, die Retoure sei darüber in Vergessenheit geraten.

Negativvermerk

Bis  ein Inkassounternehmen vor der Tür stand, die ausstehende Summe eintreiben wollte. Was erwartungsgemäß nicht funktionierte, hatte der Kunde doch schon eine Notiz in den Unterlagen, einen sogenannten harten Negativvermerk, der ihm Zahlungsunfähigkeit bescheinigte. Also gab es einen Strafantrag, der ihn nun, etliche Monate später, vor den Richter gebracht hatte.

Inzwischen hat er nach einer verbüßten Haftstrafe schon wieder eingekauft. Ein Möbelstück, wie seine Betreuerin später erfuhr. Dazu hätte sie, wie auch zu den beiden Kissen, niemals ihre Zustimmung gegeben. Und die muss der Mann einholen, steht er doch unter Einwilligungsvorbehalt. Das ist eine Anordnung des Betreuungsgerichts und schränkt seine Geschäftsfähigkeit ein, weil er zur Verschwendung neigt.

Wunsch nach Therapie

Und das kann sich der Rentner angesichts seiner knappen Finanzen nicht erlauben. Sieht das selbst aber anders. „Ich hätte die Kissen bei Gefallen bezahlt, hätte es anderswo eingespart“, behauptete er. Den Betrag hat übrigens inzwischen eine Freundin beglichen.

Für den Richter, neben der psychischen Beeinträchtigung, Anlass zu einem Freispruch. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen eine dreimonatige Haftstrafe ohne Bewährung gefordert. Wegen der einschlägigen Vorstrafen und der hohen Rückfallgeschwindigkeit. Deshalb ist es möglich, dass es zu einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht kommt.

Der Angeklagte selbst äußerte noch einen Wunsch: Er will eine Therapie machen.

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