Offener Brief

Antisemiten und Neonazis? Ihre Opfer-Rolle, Ihre verpasste Chance

In der Abschlusskundgebung hat die Anmelderin der Corona-Protestgruppe von Montagabend die Ruhr Nachrichten angegriffen. In einem offenen Brief geht die Redaktion auf ihre Anwürfe ein.
Bei der Abschlusskundgebung am Reiterbrunnen äußerte die Anmelderin der Demo Kritik an den Ruhr Nachrichten. Unsere Redaktion erwähne die Demos nur in Zusammenhang mit Neonazis und Antisemiten. In einem offenen Brief antworten wir auf diesen Anwurf.
Bei der Abschlusskundgebung am Reiterbrunnen äußerte die Anmelderin der Demo Kritik an den Ruhr Nachrichten. Unsere Redaktion erwähne die Demos nur in Zusammenhang mit Neonazis und Antisemiten. In einem offenen Brief antworten wir auf diesen Anwurf.

Sehr geehrte Anmelderin,

Sie haben es als erste geschafft, aus Corona-„Spaziergängen“ eine Demonstration zu machen, die angemeldet war. Sie durften darum Beschallungsgeräte mitnehmen, Banner und Plakate zeigen und bei einer Abschlusskundgebung zur Versammlung sprechen. Sie haben das getan. Wir haben zugehört.

Sie haben bei dieser Kundgebung einige Klischees bedient und Vorurteile verifiziert: Sie haben zwar kurz einem „Lügenpresse“-Rufer Einhalt geboten, aber dann doch genau die Opferrolle für sich angenommen, die Menschen und Gruppierungen in Ihrer Rolle gern annehmen, um als Gruppe („Wir gegen die anderen“) daraus Zusammenhalt zu generieren.

Sie haben behauptet, mit direkter Ansprache an die Ruhr Nachrichten, Sie würden bei jeder Aktion als Antisemiten und Neonazis bezeichnet. An welcher Stelle aber soll das bei den Ruhr Nachrichten Castrop-Rauxel konkret geschehen sein? Ja, vor einem Jahr, am 11.1.2021, im Nachbericht über einen Auto-Korso schrieben wir, dass ein bekannter Neonazi live im Video aus einem Auto berichtete. Das aber ist Fakt, nicht Fiktion.

Natürlich haben wir uns bei der Recherche die Frage gestellt, wer da eigentlich protestiert. Aus anderen Städten auch in der Region ist durch journalistische Recherchen bekannt, dass Rechtsextreme sich in erster oder zweiter Reihe einbringen.

Sie persönlich haben sogar eine große Chance verpasst, sich explizit zu distanzieren: Sie haben nicht etwa etwas gesagt wie „Mit Neonazis wollen wir nichts zu tun haben“, sondern eingeräumt, dass Sie mit ihnen Seite an Seite laufen würden, wenn es um die Sache geht, die Sie in den Vordergrund stellen. Sie haben auch gesagt, man könne den Teilnehmern ja nicht in die Köpfe gucken, auf der Stirn stehe nicht Neonazi geschrieben. Stattdessen sagen Sie: „Wir laufen nicht mit denen, sondern die laufen mit uns.“

Sie wollen also für Ihre Sache neben Neonazis laufen? Es ist keine linke Forderung zu sagen: Mit solchen Leuten mache ich mich in keinem Fall gemein. Sondern es ist eine demokratische.

Ja, auch wir haben am Montag keine Rechtsextremisten erkannt, keine grundsätzlich verfassungsfeindlichen Symbole und keine versteckten Codes entdeckt, die diesen Hintergrund haben. „Ziviler Ungehorsam“, ein Beispiel, wird auch von Klimaschützern proklamiert. Das herauszufinden, war uns wichtig. Sie kündigten an, dass Sie uns gern „Fragen stellen würden“. Wir denken, wir konnten sie Ihnen hiermit beantworten.

Wir sind am Dienstag kritisiert worden für unsere neutral-beobachtende Berichterstattung über Ihre Demonstration. Für uns war es selbstverständlich zu berichten. So wie es für uns auch selbstverständlich ist, Fakten anzuerkennen. Das ist bei Ihnen nicht zu erkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Redaktion der Ruhr Nachrichten

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