Nur mit voller Schutzausrüstung geht es in der Intensivstation des EvK über eine Schleuse in das Zimmer des Covid-19-Patienten. © Ronny von Wangenheim
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Auf der Intensivstation im EvK: Die meisten Covid-Patienten haben überlebt

Die Situation in den Intensivstationen ist entscheidend für die Beurteilung der Corona-Lage. Zuletzt wurden Intensivbetten wieder knapp. Auch am EvK Castrop-Rauxel. Wir waren vor Ort.

Das Divi-Intensivregister zeigt für NRW immer noch Rot, wenn es um freie Intensivbetten geht. Nicht einmal jedes zehnte Bett ist frei. Ärzte oder Intensivpfleger machen öffentlich auf ihre Situation aufmerksam. Die Belastung des Personals ist hoch, gerade in der Corona-Pandemie. Das gilt auch für das Evangelische Krankenhaus Castrop-Rauxel (EvK). Chefarzt Dr. Jürgen Jahn hat uns die Tür zur Intensivstation geöffnet.

30 Pflegekräfte, 2 Oberärzte und 2 Assistenzärzte kümmern sich hier um die Patienten, kämpfen tagtäglich um Menschenleben. Geht es um Covid-19-Patienten, bringt das besondere Herausforderungen mit sich. Wenn jetzt Menschen, die geimpft oder gesundet sind, Erleichterungen bekommen, wird das mit Sorge gesehen. „Ich habe Bauchschmerzen deswegen“, sagt Jahn, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin am EvK.

Denn auch Geimpfte und Gesundete können noch andere Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Im EvK waren schon Patienten, die waren zweimal geimpft, und infizierten sich trotzdem mit dem Coronavirus, so berichtet es Jürgen Jahn. Studien belegen, so Jahn, dass durch die Impfung die Rate der schweren und tödlichen Erkrankungen drastisch gesenkt wird und dass bei Geimpften die Weitergabe des Virus drastisch reduziert wird. „Aber es bleibt immer noch ein Rest“, sagt er. „Und wir haben ja gesehen, wie viele Menschen in Holland gleich wieder unterwegs waren.“

Fast immer sind alle Betten in der Intensivstation belegt

Da ist die Befürchtung, dass sich wieder mehr Menschen infizieren. Und dass wieder mehr Menschen bei ihm auf der Intensivstation landen. Beim Rundgang über die Intensivstation am Mittwoch (5.5.) sind alle sieben Betten belegt. Wie fast immer. Einer davon ist ein Covid-19-Patient. Er muss beatmet werden. Vor kurzem waren es noch zwei. „Einer hat es leider nicht geschafft“, sagt Jürgen Jahn. Der andere sei „lange, lange Zeit“ hier.

Dr. Jürgen Jahn (l.) ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin, Martin Ridder hat die Pflegerische Leitung der Intensivstation.
Dr. Jürgen Jahn (l.) ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin, Martin Ridder hat die Pflegerische Leitung der Intensivstation. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Das gilt generell für Corona-Patienten. Wenn sie auf die Intensivstation kommen und wenn sie invasiv beatmet werden müssen, bleiben sie oft zwei, drei Wochen. Und wenn sie es dann geschafft haben, ist es ein weiterer langer Weg, bis sie wirklich wieder gesund sind. Ihre Betreuung ist aufwendig und belastend für die Pflegekräfte – physisch wie psychisch.

Vor dem Zimmer des Covid-19-Patienten steht ein Wagen mit allen Materialien, die die Intensivpfleger brauchen, bevor sie erst in eine Schleuse und dann in das Patientenzimmer gehen. Zwei von ihnen „verkitteln und vermummen“ sich gerade, wie Martin Ridder, Pflegerischer Leiter der Intensivstation, sagt. Kittel, Masken, Visier, Haube, Handschuhe und anderes mehr gehört zur Ausrüstung.

Viele Pflegekräfte kümmern sich gleichzeitig um einen Covid-Patienten

„Unter den Kitteln wird es sehr warm“, sagt Martin Ridder, „das ist auch körperlich anstrengend. Und gut organisiert müsse man auch sein. Mal eben aus der Tür treten und nach irgendwas rufen, was man vergessen hat, geht nicht.

Ein Blick in die Intensivstation des EvK. Wir waren hier für ein Video zu Besuch.
Ein Blick in die Intensivstation des EvK. Wir waren hier für ein Video zu Besuch. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Und diese Prozedur wiederholt sich viele Male am Tag, weil die Patienten alle zwei, drei Stunden gedreht werden müssen, weil es einen Alarm gibt oder nach den Medikationen geschaut wird. Und wenn ein Patient in die Bauchlage gedreht werden müsse, komme noch ein ärztlicher Mitarbeiter dazu, berichtet Ridder.

Die körperliche Belastung ist die eine Seite. Die psychische die andere. Vieles sei schon besser geworden, sagt Martin Ridder. „Früher sorgten sich die Mitarbeiter auch um die Angehörigen zu Hause, hatten Angst sie anzustecken.“ Inzwischen ist die eine Hälfte der Pflegekräfte geimpft. Andere müssen noch auf ihre Impfung warten, weil sie selbst infiziert waren.

„Mitarbeiter werden an Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht“

„Wir sind in einer Situation, die es sonst noch nie gegeben hat. Sie werden alle an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht“, sagt Jürgen Jahn über die Mannschaft der Intensivstation. Patienten, denen es von jetzt auf gleich schlechter geht, die keine Luft mehr bekommen, deshalb in Panik geraten, das gehört zum Alltag in der Corona-Pandemie. „Das müssen Pflegekräfte und Ärzte immer wieder verarbeiten“, sagt Jahn.

Martin Ridder zeigt einige der Hilfsmittel für die Pflegekräfte. Alle werden außerdem in Kinesiologie geschult.
Martin Ridder zeigt einige der Hilfsmittel für die Pflegekräfte. Alle werden außerdem in Kinesiologie geschult. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Mehrarbeit entsteht auch, weil Angehörige nicht zu Besuch kommen können. „Das ist für die Patienten Horror, und für die Angehörigen ganz schlimm. Und für uns ist es das auch, zu sagen, ihr dürft nicht kommen. Aber es geht nicht anders“, sagt Jürgen Jahn. Die Angehörigen dürften aber jederzeit anrufen und mit den Intensivpflegern oder Ärzten sprechen.

Die Belastung steigt, je länger die Pandemie dauert. Um etwas von den Sorgen und dem Stress loszuwerden, gibt es Seelsorger als Ansprechpartner. Auch Supervision wird angeboten, berichtet Martin Ridder. Auch Team-Supervision. „Jetzt hat ein Mitarbeiter danach gefragt, das hat mich sehr gefreut“, sagt er. In der kommenden Woche werde es erstmals eine Team-Supervision für alle Mitarbeiter geben, die dies wollen.

Mitarbeiter müssen bei Verarbeitung der Belastung unterstützt werden

Ridder und Jahn sind sicher, dass dies auch weiterhin notwendig ist. „Das Ganze muss ja auch noch verarbeitet werden. Das muss bestimmt noch ein halbes Jahr begleitet werden“, so Ridder. Es höre ja nicht mit dem letzten Covid-Patienten auf, nicht alle Mitarbeiter seien dann wieder sofort wieder fröhlich und hätten alles vergessen.

Auf den Intensivstationen im Kreis liegen zurzeit sechs Corona-Patienten. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Volle Betten, Gedränge, Menschen, die auf dem Bauch liegen – diese Bilder kennt man aus dem Fernsehen. Und manchmal sind sie erschreckend. Intensivpatienten, die immer jünger werden, auch diese Nachricht besorgt. Hier in der Intensivstation des EvK ist die Atmosphäre unaufgeregt. Auch wenn gerade hinter einer Zimmertür ein Patient wiederbelebt werden muss.

„Sie dürfen diese Intensivstation nicht mit einer Intensivstation vergleichen, die nur Covid-Patienten hat“, sagt Martin Ridder. Also zum Beispiel die Uniklinik Essen. Sie bekomme die schwersten Fälle. Und dorthin würden auch manchmal Patienten aus dem EvK verlegt, weil es in Essen doch noch ein paar Möglichkeiten mehr gebe.

Bauchlage ist die optimale Therapieart

Das Thema Bauchlage ist Dr. Jürgen Jahn wichtig: „Die Bilder von Menschen, die auf dem Bauch liegen, sehen ja immer schrecklich aus für nicht medizinisch Tätige. Da muss man ganz klar sagen, dass das eine optimale Therapieart für Covid-Patienten ist. Das ist die Therapie, die am meisten bringt, neben der Beatmung.“

Das
Das „Ohr“ leuchtet immer auf, wenn es zu laut wird in der Intensivstation. Lärm wirkt sich nachweislich negativ auf den Zustand von Intensivpatienten aus. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Es herrscht vorsichtiger Optimismus in der Intensivstation. So sagen es Jürgen Jahn und Martin Ridder. Noch im Januar, als es einen Corona-Ausbruch im EvK gab, war die Lage viel dramatischer. Damals hatten sich viele Mitarbeiter infiziert, viele Covid-19-Patienten lagen auf den Stationen. Der Betrieb musste runtergefahren werden.

Auch in anderen Zeiten, sagt der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin, mussten planbare Operationen durchaus verschoben werden, weil die Intensivbetten fehlten. Und weil Intensivpflegekräfte fehlten, konnten auch nicht mehr Betten angeboten werden.

Mehrzahl der Intensivpatienten hat Covid überlebt

Jetzt sinkt die Inzidenz gerade. Es wird zwei Wochen dauern, bis sich das auch in der Intensivstation zeigen wird. Dr. Jürgen Jahn wünscht sich, dass mehr Aufmerksamkeit auf positive Berichte gelenkt wird. Zum Beispiel über „das supertolle Engagement der Mitarbeiter“.

Er sagt: „Wir dürfen nicht vergessen, die Mehrzahl unserer Patienten auf der Intensivstation, das muss man sagen, haben Covid überlebt. Und das ist auch dem Einsatz der Leute hier zu verdanken. Also das werde ich nicht müde zu betonen, das ist wirklich eine tolle Geschichte.“

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen