Auf Tour mit Taxifahrer Waldemar Tiede: „Einer wollte nicht zahlen und mir eine schmieren“

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Taxifahrer Waldemar Tiede nimmt uns mit auf Tour zu Ärzten, Supermärkten und Schulen. Nebenbei erzählt er, warum Taxifahrer schnell unterwegs sind und er kurze Fahrten mag.

Castrop-Rauxel

, 15.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Telefon klingelt. Aus dem Lautsprecher tönt ein Funkspruch, die Zigarette qualmt: Bei Elke laufen die Fäden zusammen. Sie sitzt in der Zentrale von Taxi Schröder an der Langen Straße und koordiniert Fahrer, Anrufer und auch die Kollegen, die gerade ihre Schicht beenden oder anfangen. Einen Computer braucht sie für ihre Arbeit nicht. Stift, Block, Zigarette, Telefon und Funk - das ist ihre Ausstattung. Einen Kollegen schickt sie per Funk zu einem Kunden beim Hausarzt, den nächsten zum Supermarkt. Das Telefon klingelt. Elke versichert einem Kunden, dass das Taxi gleich kommt, dann der nächste Funkspruch.

Ein Kollege meldet seinen Standort und, dass er wieder frei ist. Elke: „Dann nimm dir am Rochus das Blut“, auch Bluttransporte gehören zu den Aufgaben der Taxifahrer. Wieder klingelt das Telefon, ein Kunde bestellt ein Taxi für kommende Woche. Der nächste Anrufer hat ein Taxi vorbeifahren sehen und dachte, es wäre seins - war es aber nicht, wie Elke weiß. Es bimmelt und funkt, es qualmt und raucht, doch Elke bleibt ruhig. Sie kennt die Stadt, sie kennt ihre Pappenheimer. Zeit, um auf der Karte etwas nachzuschauen bleibt hier nicht. Sie muss sich auskennen, um die Fahrer auf den kürzesten Wegen von A nach B zu schicken. „Nach der Arbeit habe ich meistens nicht mehr so viel Lust zu telefonieren“, sagt sie lachend.

Auf Tour mit Taxifahrer Waldemar Tiede: „Einer wollte nicht zahlen und mir eine schmieren“

In der Zentrale an der Langen Straße laufen bei Elke die Fäden zusammen. Sie nimmt Anrufe von Kunden entgegen, spricht mit den Fahrern über Funk und quatscht mit den Kollegen beim Schichtwechsel. Dabei ist sie die Ruhe selbst. © Iris Müller

Es ist kurz vor 11 Uhr, Waldemar Tiedes Schicht beginnt. Er trinkt noch einen Kaffee, raucht ebenfalls und quatscht noch kurz mit Elke, dann rollt sein Taxi Nummer fünf auf den Hof, der Kollege steigt aus, Tiede steigt ein. Schichtwechsel. Seit 1977 ist der Ickerner Taxifahrer - immer nebenbei. Erst neben seinem eigentlichen Job bei Rheinzink in Datteln, jetzt neben seinem Rentnerdasein. Der 68-Jährige liebt Autos: „Ich habe schon mehr als 50 Autos in meinem Leben besessen“ und er mag Menschen: „Mir gefällt es, mit ihnen zu quatschen.“ Fahrgäste, die sich in sein Auto setzen und nichts zu erzählen haben, mag er nicht so gerne wie die, die an diesem Tag die ersten Touren mit ihm machen.

In 15 Minuten zwei Fahrten erledigt

Bei Dr. Simin Omidi an der Ickerner Straße wartet ein älterer Herr, der nach Hause zur Römerstraße will, als nächstes schickt Elke den Taxifahrer direkt zu Dr. Gert Haupeltshofer. Dort wartet eine ältere Frau mit Begleitperson, die in die Aapwiesen will. Nach 15 Minuten im Dienst hat Waldi Tiede schon zwei Fahrten erledigt. „Ich mache gerne viele kurze Fahrten“, sagt er. Das gebe mehr Trinkgeld als eine lange. Die meisten Fahrten spielen sich im Stadtgebiet ab. Wenn Elke keinen Auftrag für ihn hat, fährt er zu einem der Taxistellplätze am Bahnhof, Busbahnhof, Lange Straße, Ickerner Straße oder am Münsterplatz. „Das mag ich aber nicht, dann geht die Schicht nicht rum“, so Tiede.

Auf Tour mit Taxifahrer Waldemar Tiede: „Einer wollte nicht zahlen und mir eine schmieren“

Waldemar Tiede an seinem Arbeitsplatz im Passat. Die meisten Kunden rufen ein Taxi, manchmal stehen auch Leute am Straßenrand und winken, weil sie mitgenommen werden wollen. Ist er frei, ist das kein Problem. © Iris Müller

Von Leerlauf ist an diesem Tag keine Spur. Als nächstes geht es zu Edeka. Das Taxi fährt wie auf Schienen. Einen Unfall habe er erst einmal gehabt - zum Glück ohne Fahrgast und nur mit einem kleinen Schaden, Knöllchen bezahlen musste er hingegen schonmal öfter, erklärt Tiede. Er ist schnell unterwegs: Viele Fahrten, viel Trinkgeld. Den Fahrgast vom Supermarkt liefert er in Ickern ab, dann schickt Elke den Taxifahrer zu Dr. Martin Stenzke. „Wo ist das nochmal“, grübelt Tiede und schaut im Smartphone nach. Kurze Zeit später sammelt er eine freundliche Dame beim Zahnarzt ein. Sie erzählt ihm direkt zwei, drei Geschichten aus ihrem Leben. „Manche haben zu Hause niemandem, mit dem sie quatschen können“, sagt Tiede, der oft schon als Beichtvater gedient hat.

Am Wochenende fährt der Castrop-Rauxeler oft Nachtschichten. Ab 1 Uhr wollen die Leute nach Hause - oft nicht mehr nüchtern. „Wer sich im Auto übergibt, der zahlt die Reinigung“, erklärt Tiede. Das passiert aber nicht zu oft. „Ich sehe ja schon, wie die einsteigen und frage dann, ob es geht, oder ob ich ein Fenster aufmachen soll.“ Redselig seien die Fahrgäste aber oft. Manchmal auch etwas aggressiv. Das ist auch der Grund, warum Schröders nachts keine Frauen fahren lassen.

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Waldemar Tiede hat auch eine schlechte Erfahrung gemacht. „Einer wollte nicht zahlen und mir stattdessen eine schmieren“, erinnert er sich. Da habe er die Polizei gerufen. Im Auto sei auch ein Alarmknopf, den man mit dem Knie bedienen könne, dann würde das Auto direkt anfangen zu hupen und zu blinken. Außerdem gibt es einen stillen Alarm. Wird der ausgelöst, blinkt das Taxischild auf dem Dach, Polizei und Kollegen werden dann schnell aufmerksam.

Zurück zu der Dame, die beim Zahnarzt war. Die will nämlich nicht nach Hause, sondern einkaufen. Also fährt Waldemar Tiede wieder zu Edeka. Auf dem Weg winkt er links und rechts, hupt einmal kurz und hebt die Hand: Er ist seit Jahren auf Castrop-Rauxels Straßen unterwegs. Man kennt ihn. Bei Edeka angekommen bittet die Dame ihn, sie in einer halben Stunde wieder abzuholen. „Aber nicht vergessen.“

„Sie erinnern mich an Horst Lichter“

Kein Problem, Waldemar Tiede kassiert, notiert den zurückgelegten Weg im Fahrtenbuch und meldet Elke, dass er wieder frei ist und den Wunsch der Dame. Elke quittiert die Meldung und hat schon den nächsten Auftrag: Ein Schüler muss von der Förderschule abgeholt und nach Hause gebracht werden. Er ist Stammgast. So geht es weiter den ganzen Tag. Stunde um Stunde, Fahrt für Fahrt. Waldemar Tiede fährt und quatscht, rechnet ab und schreibt alles ins Fahrtenbuch. Etwa dreimal pro Schicht erklären ihm die Fahrgäste: „Sie erinnern mich an Horst Lichter.“ Das alles langweilt ihn nicht. Er liebt seinen Job.

Das einzige, was ihn vielleicht stört ist, dass im Auto Rauchverbot ist. „Zwischendurch steige ich aus und rauche eine, am besten auf ex.“

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