Autohäuser locken Fahrer von Dieselfahrzeugen mit Rabatten und Prämien

rnDiesel-Autos

Für Dieselfahrer ist in vielen Innenstädten bald Schluss. Autokonzerne bietet ihnen jetzt Wechselprämien und Rabatte. Wir haben alle Fakten für Fahrer von Dieselfahrzeugen.

Castrop-Rauxel

, 28.01.2019, 12:16 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Autobauer Volkswagen weitet die Wechselrabatte zum Umtausch älterer Diesel auf ganz Deutschland aus – allerdings nur bis Ende April. Schon vorher waren die Umrüstungs- und Umstiegsprämien auch für Autofahrer aus Castrop-Rauxel verfügbar, wenn sie ihr Fahrzeug technisch aufrüsten oder ersetzen wollen. Nicht nur bei VW. Zu dem Prozedere gibt es aber neben vielen offenen Fragen auch viel Kritik.

? Warum ist Castrop-Rauxel dabei?

Die Regelung gilt eigentlich in 15 Städten in Deutschland, die mit Blick auf die Stickstoffdioxid-Werte als besonders belastet gelten. Hier soll es Umtauschprämien, Leasingangebote und Rabatte der Hersteller für Euro-4- und Euro-5-Fahrzeuge geben.

Zu den betroffenen Städten gehört auch die Nachbarstadt Bochum. Nach den Vorgaben des Bundesverkehrsministeriums sollen ausdrücklich auch benachbarte Landkreise von den Sonderregelungen profitieren. Castrop-Rauxel ist zwar kein Landkreis, aber die Autofahrer halten erfahrungsgemäß nicht an der Grenze zu Bochum an - weder privat noch beruflich. Es macht also nur Sinn, dass bestehende Angebote auch in Castrop-Rauxel zu bekommen sind.

? Wie kann ich meinen Anspruch geltend machen?

Angekündigt ist, dass das Kraftfahrtbundesamt (KBA) die Fahrzeughalter von Euro-4- und Euro-5-Dieselfahrzeugen in den betroffenen Städten anschreibt. Der Versand hat begonnen. Im Prinzip reicht aber auch der Fahrzeugschein, der die Zulassung des Autos in Castrop-Rauxel bescheinigt.

„Das angekündigte Schreiben des KBA dient ausschließlich der Information und ist kein rechtswirksames Dokument“, teilt das Bundesverkehrsministerium mit. Und: Man erwarte von den Herstellern „eine umfassende, transparente und unbürokratische Umsetzung ihrer Prämienprogramme“.

? Welche Automarken sind betroffen?

Nach Auskunft des Bundesverkehrsministeriums beteiligen sich bislang alle deutschen Hersteller an den Prämien und Rabatten – genannt werden Audi, BMW, Daimler und VW. Man werbe darum, dass sich auch ausländische Hersteller beteiligen, könne diese aber nicht zwingen.

? Wie gehen die Händler vor Ort mit der Regelung um?

Thema sind die die Prämien natürlich nicht nur bundesweit, sondern auch bei den lokalen Autohändlern. „Klar bieten wir das an“, sagt Helmut Schulte, Autoverkäufer beim VW-Autohaus Tiemeyer an der Herner Straße. Die Angebote würden, so Schulte weiter, auch viel gefragt. „Viele fahren noch mit Euro 4-Norm.“

Autobesitzer, die ihren alten Wagen verschrotten lassen, können dann mit einer Prämie zwischen 1500 und 8000 Euro rechnen. Die Höhe richtet sich dabei nach dem Neuwagen, der gekauft werde. Bei einem Golf etwa sind es 5000 Euro.

Auch einige hundert Meter weiter, im Mercedes Center Lueg am Westring, gibt es Angebote für Kunden. Beim Kauf von Neufahrzeugen gibt es für die Anspruchsberechtigten bei der A- und B-Klasse 3000, bei der C- und E-Klasse 6000 und bei der S-Klasse 10.000 Euro Umtauschprämie, bei Gebrauchtwagen zwischen 3000 und 5000 Euro. Die Prämien seien unabhängig von der Marke der Altfahrzeuge, die eingetauscht werden, erklärt Flocken.

BMW gewährt rückwirkend seit dem 1. Oktober 2018 bis zum Ende des Jahres 2019 eine „Umweltprämie“ von 6000 Euro für alle Halter eines Euro-4- oder Euro-5-BMW oder Mini-Dieselfahrzeugs. Voraussetzung: Man muss im Umkreis von 70 Kilometern um eine der betroffenen Städte wohnen.
Bei Audi gelten abgestuft für die diversen Modelle Wechselprämien zwischen 2000 und 9000 Euro für Neuwagen und 1500 und 6750 Euro für Gebrauchtwagen.

? Wie gehen die Autofahrer mit der Regelung um?

Viele Autobesitzer, die das Informationsschreiben des KBA in ihrem Briefkasten gefunden haben, sind sauer. Auch Ulf Drippe von der gleichnamigen Gärtnerei ärgerte sich über das Schreiben. Erst im vergangenen Jahr habe er einen Mercedes Viano mit Euro 5+ Norm gebraucht gekauft. Ein neues Auto kommt für ihn weniger als ein Jahr später eigentlich nicht infrage. „Das will ich eigentlich nicht finanzieren.“

Den Firmenwagen seines Unternehmens nach neun Jahren zu ersetzen sei etwas anderes. „Das sehe ich ein. Der ist auch abgeschrieben“, so Drippe. Seinem Autohändler macht Drippe keinen Vorwurf: „Das war für ihn genauso wenig abzusehen, wie für mich.“ Wenn möglich, möchte er seinen Viano nachrüsten lassen. „Die Leute sind verunsichert, kaufen eher Benziner als Dieselfahrzeuge“, sagt Helmut Schulte.

Um kurzfristiger auf Entwicklungen reagieren zu können und den alten Wagen mit wenig Verlust wieder loszuwerden, stiegen viele Kunden auf das Leasing-Modell um. Diese Erfahrung entspricht auch der bundesweiten Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) zu den neu zugelassenen Pkw im Jahr 2018.

Danach stieg der Anteil benzinbetriebener Pkw von 57,7 auf 62,4 Prozent, der Anteil der dieselbetriebenen Pkw sank in der Jahresbilanz von 38,8 auf 32,3 Prozent. Das Problem ist: Auch für die Berater in den Autohäusern sind trotz regelmäßiger Fortbildung noch viele Fragen offen – etwa zum Thema Hardware-Nachrüstung.

? Welche Angebote gibt es für Hardware-Nachrüstungen?

Kurz vor dem Jahreswechsel hat das Bundesverkehrsministerium die technischen Vorschriften für Hardware-Nachrüstungen bei Pkw veröffentlicht, mit denen die Anforderungen an wirksame Systeme zur Reduzierung von Stickstoff-Emissionen definiert werden. Dabei geht es um den Einbau sogenannter SCR-Katalysatoren, um den Schadstoffausstoß zu senken.

Das Problem: Noch gibt es kein wirksames System. Und wenn es entwickelt ist, muss es auch erst vom Kraftfahrtbundesamt zugelassen werden. Das heißt: Bis es praktikable Lösungen für Hartware-Nachrüstungen gibt, könnte noch einige Zeit vergehen. „Ich gehe davon aus, das die nicht bis Ende des Jahres kommen werden“, sagt Schulte.

Und dann bliebe immer noch die Frage, wie viel das kostet und wer das bezahlt. Denn gegen die Hardware-Nachrüstungen hat sich die Branche lange hartnäckig gewehrt. Immerhin: VW und Daimler sagten aber zu, Dieselautos in 15 „Intensivstädten“ mit besonders hoher Schadstoffbelastung für bis zu 3000 Euro pro Wagen mit einer Hardware-Lösung nachrüsten zu lassen.

? Wie sieht es mit der Fahrzeugflotte von Handwerkern aus?

Der Bund hat mit Jahresbeginn 333 Millionen Euro für die Hardware-Nachrüstungen von leichten und schweren Handwerker- und Lieferfahrzeugen zur Verfügung gestellt. Wobei auch hier eine allgemeine Betriebserlaubnis des KBA für die Nachrüstsysteme vorliegen muss. Die Nachrüstung der Fahrzeuge sei aber weniger komplex als bei Pkw, weil es hier weniger Modellvarianten gebe und oftmals mehr Bauraum vorhanden sei, erklärt das Verkehrsministerium.

Förderanträge für die Nachrüstung leichter und schwerer Handwerker- und Lieferfahrzeuge können bei der Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen gestellt werden. Bei der Kreishandwerkerschaft Herne ist man damit aber nicht so ganz zufrieden. „Wir haben früher einen Nachlass von 20 Prozent für neue Fahrzeuge bekommen“, sagt der Vorsitzende und Dachdeckermeister Hans-Joachim Drath.

„Heute sind es 7000 Euro und 5 Prozent. Das ist eine Mogelpackung.“ Dazu komme, das gerade für Betriebe mit vielen kleineren Fahrzeugen, etwa Sanitär- oder Elektroinstallateure, relativ viele neue Fahrzeuge auf einmal angeschafft werden müssten. Auch wenn man an die Umwelt denken wolle: „Bei 10 bis 15 Autos kann das schon existenzbedrohend sein.“ Außerdem stelle man sich die Frage: Dürfen in zwei Jahren dann noch Fahrzeuge mit Euro 6 gefahren werden? „Wir sind im Moment in einer unsicheren Lage und es wird viel darüber diskutiert.“

? Drohen in Castrop-Rauxel konkrete Fahrverbote für Dieselfahrzeuge?

Nein. Die Grenzwerte werden in Castrop-Rauxel nicht überschritten. Maximal 36 bis 38 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sind festgestellt worden. Der Grenzwert liegt bekanntermaßen bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Diese Werte werden allerdings nicht an Messstationen erfasst, sondern über eine Simulation errechnet.

Das sei ein bundesweit anerkanntes und einheitliches System, wie Thorsten Werth-von Kampen, stellvertretender Vorsitzender des EUV sagt. „Diese Simulation überschätzt die Werte sogar bewusst.“ Zusätzlich würden die Werte anhand der Neuzulassungen jedes Jahr neu berechnet. Dieselfahrverbote stehen zumindest in Castrop-Rauxel selbst also nicht zur Debatte.

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