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Autor verarbeitet Kriegserlebnisse in Geschichten

Neue Heimat in Castrop-Rauxel

Ibro Dzananovic ist 1992 von Bosnien aus nach Castrop-Rauxel geflohen. Zehn Tage später kam der Krieg in sein Dorf. Seine Gedanken und Gefühle verarbeitet Dzananovic in Geschichten und Gedichten. Warum er nur auf Bosnisch schreibt und worum es in seinen Geschichten geht, hat er uns verraten.

CASTROP-RAUXEL

, 06.11.2016 / Lesedauer: 3 min
Autor verarbeitet Kriegserlebnisse in Geschichten

Ibro Dzananovic schreibt Bücher, in denen er seine Erlebnisse aus dem Krieg verarbeitet.

Die ersten Erinnerungen, die Ibro Dzananovic an Geschichten hat, zeigen ihn als Fünfjährigen neben seinem Vater sitzend. „Er war ein großartiger Erzähler, genau wie zwei Onkel von mir“, sagt der 57-Jährige. „Ihre Art, mit Worten zu zaubern, hat mich geprägt. Ihre Worten sind das Fundament meiner Geschichten.“

Als Schüler fing Dzananovic dann an, mit Begeisterung selbst Geschichten zu erfinden. „Und meine Lehrerin hat mich immer wieder für die Pointen gelobt. Sie hat mir Mut gemacht.“ Und wenn die Nachbarn sich trafen, im Winter, wenn es frostig kalt war in Srebrenica, hat Dzananovic ihnen gerne aus Büchern vorgelesen. „Und alle hörten mir gerne zu.“

"Ich war glücklich in Bosnien"

Es war eine glückliche Kindheit, sagt Dzananovic. „Ich war glücklich in Bosnien.“ Und dann kam der Bosnienkrieg. Dzananovic, damals 32 Jahre alt, merkt, dass etwas nicht stimmt mit seiner Heimat. Er entscheidet sich gemeinsam mit seiner Frau, dem sechsjährigen Sohn und der zweijährigen Tochter für die Flucht.

An der Grenze zu Ungarn wird er aufgehalten, so erzählt er. Soll Papiere vorlegen, die rein gar nichts mit der Ausreise zu tun haben. Aber nach einer Nacht im Bahnhof schafft es die Familie dann doch über die Grenze, flieht über Österreich nach Deutschland und findet ein Zuhause in Castrop-Rauxel. Zurückzukehren – für Ibro Dzananovic keine Option, sagt er. „Mein Elternhaus steht nicht mehr, man hat an der Haustür meinen Vater erschossen. Es gab ethnische Säuberungen. Und ich sehe keine Perspektive in meiner Heimat.“

Schreiben als Therapie

Schreiben ist für Dzananovic eine Form der Therapie. Er schreibt Gedichte, Erzählungen, satirische Stücke, Essays. Über 1000 Gedichte und über 200 Erzählungen seien seiner Feder entsprungen. „Und ich bin nicht nur Schriftsteller, sondern auch Sammler von Geschichten. Wie die Gebrüder Grimm.“ Was er sammelt, sind vor allem Volksweisheiten. Und die dienen ihm oft als Inspiration. Auf Deutsch zu schreiben, das kann sich Ibro Dzananovic nicht vorstellen, auch nach über 20 Jahren in Deutschland nicht. „Man schreibt am besten in der Sprache, in der man träumt. Und das ist bei mir Bosnisch. Wenn ich auf Deutsch schreiben würde, würde es an Emotionen mangeln.“

Seine Werke veröffentlicht der 57-Jährige unter anderem auf seiner Facebook-Seite. Und dank bosnischer Verleger gibt es auch eine Handvoll Bücher von ihm – an denen er jedoch kein Geld verdient. Bezahlt wurde der Autor mit Belegexemplaren. In der Stadtbibliothek, Im Ort 2, kann man reinschnuppern. Zudem trägt er seine Werke bei Lesungen vor.

Ibro Dzananovic ist es wichtig, die Welt mit seinen Worten voller Liebe ein kleines bisschen besser, ein kleines bisschen schöner zu machen. Zu hassen, das sei nie der richtige Weg.

Der Bosnienkrieg
- Unter dem Begriff Bosnienkrieg wird der Krieg in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 während der Jugoslawienkriege verstanden.
- Die Spannungen zwischen Serben, Bosniern und Kroaten eskalierten nach der Ankündigung eines Referendums über die Unabhängigkeit der Republik Bosnien und Herzegowina und der Ausrufung einer bosnisch-serbischen Republik.
- Eine militärische Eskalation folgte nach der Anerkennung des unabhängigen Bosnien und Herzegowina durch westliche Staaten im April 1992.

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