In einem Stahlhaus aus den 20er-Jahren wohnt dieser Habinghorster auf der Straße An der Heide. © Tobias Weckenbrock
Am Tweböhmer

Bald 100 Jahre alte Häuser: Das Leben in einer Siedlung aus Stahl

34 Häuser aus Stahl. Schnellbauweise vor 100 Jahren. In Dortmund kürzlich reif fürs Museum, in Castrop-Rauxel Wohnraum für junge Paare, Familien und Ältere. Zu Besuch in der Siedlung Am Tweböhmer.

In Dortmund wurde kürzlich ein Haus ins Hoesch-Museum gebracht: ein Haus aus Stahl. In Castrop-Rauxel gibt es eine ganze Siedlung aus Stahlhäusern, deren Baustoff man vor allem dann erkennt, wenn man mit dem Knöchel gegen die Wand klopft. In den 1920er-Jahren errichtet, bis heute beliebt.

79 Jahre alt ist Walter H. inzwischen. 1964 bezog er das Haus „An der Heide“ mit seiner Frau. Sie starb vor zweieinhalb Jahren, er blieb hier, in einem der weißen Stahlhäuser, die etwa 55 bis 70 Quadratmeter Wohnfläche haben. „Die Nachbarn hier, die helfen sich“, sagt der Mann, der seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Er war kürzlich im Krankenhaus – Nachbarn passten auf, brachten ihm nach der Entlassung auch mal etwas zu essen herüber. Er nimmt ihre Pakete an. Die Stahlhaus-Bewohner, sie halten zusammen.

Eigener Garten, eigenes Häuschen, Terrasse, vollunterkellert: „Wir haben das Häuschen ganz normal als Immobilienanzeige gefunden“, sagt eine junge Frau. Sie wohnt mit ihrer Partnerin seit einigen Monaten nebenan. Von innen saniert ist ihr Häuschen. Steht man drinnen, sieht man den Stahl gar nicht, der in der Tweböhmer-Siedlung zwischen Klöcknerstraße und B235 zum Einsatz kam.

Diese Siedlung wird bald 100 Jahre alt: 34 Häuser aus Stahl gibt es in Habinghorst, nicht weit entfernt vom Kreisel an der Klöcknerstraße und der B235.
Diese Siedlung wird bald 100 Jahre alt: 34 Häuser aus Stahl gibt es in Habinghorst, nicht weit entfernt vom Kreisel an der Klöcknerstraße und der B235. © RVR 2020 Aerowest © RVR 2020 Aerowest

Einen Fernseher könne man hier nicht an die Wand hängen, sagen die neuen Bewohnerinnen. Aber ansonsten sei der Wohnraum so wie der eines normalen Hauses auch: Bilder an der Wand seien kein Problem, man könne Nägel hineinschlagen. „Ach was, das Haus ist ja weitgehend gemauert“, sagt Walter H. und klopft auf einer seiner Innenwände. Mit Magneten könne man hier nichts aufhängen.

Manch eines der weißen Häuser mit Satteldächern, die in Reihenbauweise errichtet sind, könnte mal einen neuen Anstrich gebrauchen. Aber ansonsten sehen sie ordentlich aus. Dabei werden sie bald 100 Jahre alt.

1913 ging hier ein großes Werk in Betrieb

1913 ging hier in der Nähe das Werk Rauxel der Gesellschaft für Teerverwertung in Betrieb, das später mit dem Rütgerswerk fusionierte. Es war viel Arbeit hier, darum wurde Habinghorst seit dem Ende des Ersten Weltkriegs besiedelt. 1928/29 entstand die Siedlung An der Heide / Am Tweböhmer: 36 Stahlhäuser in sechs Hausreihen mit je sechs Wohneinheiten.

Der Bau ging schnell, und Stahl war reichlich vorhanden: Stahlblechtafeln wurden zusammengeschraubt, von innen verkleidet, Innenwände aus Leichtbaustoffen eingezogen, Treppe und Dachstuhl aus Holz, mit Ziegeln gedeckt.

Den Durchbruch zwischen Wohn- und Esszimmer gab es nicht schon immer. Denn früher wohnte in einem solchen Haus eine mehrköpfige Familie.
Den Durchbruch zwischen Wohn- und Esszimmer gab es früher nicht. In den Anfängen wohnte in einem solchen Haus eine mehrköpfige Familie. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Die Häuser, 34 sind noch erhalten, stehen heute unter Denkmalschutz, weil sie Zeugnisse eines bautechnologischen Experimentes sind. „Die handwerkliche Bauproduktion sollte durch die industrielle Fertigung abgelöst werden“, heißt es in einem Buch zu den Bau-Denkmälern der Stadt Castrop-Rauxel.

Sie fanden damals breite Unterstützung, weil man in kürzester Zeit Wohnraum schaffen könnte und Arbeitslose „jeglicher beruflicher Herkunft“, so steht es in dem Buch, „als ungelernte Kräfte eingesetzt werden könnten“. Die ersten Fertighäuser waren also aus Stahl.

Schottland war damals Vorreiter

Vor allem in Schottland wurden zu der Zeit Tausende Häuser aus Stahl gebaut. 1925 fand das Eingang in die architektonische Fachpresse auch in Deutschland. Nach 1930 wurde allerdings kaum mehr darüber diskutiert – weil es als anerkannte Bauweise galt… oder weil die Zeit des Hausbaus aus Stahl da schon wieder vorbei war.

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Die Stahlhäuser von Habinghorst

Walter H. weiß um die geschichtliche Bedeutung des Hauses, in dem er wohnt. Er erzählt, dass auf diesen 55 Quadratmetern mal eine Familie mit vier Kindern oder mehr gewohnt habe. Man kann sich das kaum vorstellen. Oben ein Bad und ein Schlafzimmer, unten Küche, Wohn- und Esszimmer, ein WC, der Flur. Und im Keller die Wachküche und „meine Bastelbude“, so Walter H. Und früher, da wurden im Keller ja auch noch die Kohlen gelagert.

Er heizt seit seit den 80er-Jahren mit Gas. Die Temperatur im Haus sei winters wie sommers angenehm. Der Stahl hält.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock