„Balu und Du“: Wenn junge Erwachsene Grundschul-Kindern durch den Alltags-Dschungel helfen

rnEhrenamtliches Engagement

Das Leben ist manchmal ein Dschungel - gerade für Kinder. Da braucht es einen Aufpasser. Zum Glück gibt es für „Moglis“ in Castrop-Rauxel solch junge Erwachsene wie Christian und Celin.

Castrop-Rauxel

, 30.01.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für einen 20-Jährigen wirkt Christian bemerkenswert reif. Der Student aus Gelsenkirchen nimmt einmal die Woche den Weg nach Castrop-Rauxel auf sich, um sich mit Tristan (7) zu treffen. Ehrenamtlich. Er kümmert sich um den Jungen, unternimmt etwas mit ihm, schenkt ihm seine Zeit und Aufmerksamkeit. Eine Aufwandsentschädigung bekommt er dafür nicht - und würde sie auch nicht haben wollen. „Es geht mir darum, etwas zurückzugeben“, sagt Christian. Als wäre es völlig selbstverständlich.

Wie der gutmütige Held aus dem Disney-Film

Christian ist ein Balu. Jeder kennt ihn. Also nicht Christian - sondern den großen, gutmütigen Helden aus dem Disney-Film „Das Dschungelbuch“: Balu der Bär ist der beste Freund des Findelkindes Mogli, das bei Tieren im Dschungel aufwächst. Balu nimmt sich des Jungen an, zeigt ihm, wie man sich durch den Alltag schlägt, indem er Mogli Boxunterricht gibt - und ihm singend seine Lebensphilosophie „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“ näher bringt.

„Balu und Du“: Wenn junge Erwachsene Grundschul-Kindern durch den Alltags-Dschungel helfen

„Balu“ Christian (23) aus Gelsenkirchen freut sich über sein Abschluss-Zertifikat für das "Balu und Du"-Projekt. © Marc-André Landsiedel

Boxen und singen gehören nicht gerade zu Christians Repertoire, wenn er sich mit seinem „Mogli“ Tristan trifft. Da stehen andere Sachen auf dem Plan: Fußball spielen, ein Besuch im Wildgehege, ein Fotoshooting in einer Fotobox - oder auch einfach mal das Wechseln einer Birne in Tristans Kinderzimmer. „Tristan hat viel Energie. Eigentlich muss man ihn immer eher ausbremsen, als antreiben“, sagt Christian über seinen Mogli.

In Castrop-Rauxel gibt es das Projekt seit 2002

Fast ein Jahr lang hat sich Christian im Rahmen des ehrenamtlichen Mentoren-Projektes „Balu und Du“ um Tristan gekümmert. In Castrop-Rauxel wird das bundesweite Projekt seit 2002 vom Caritasverband in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Berufskolleg koordiniert. Die Idee: Junge Erwachsene (die Balus) im Alter von 17 bis 30 Jahren treffen sich einmal pro Woche mit einem „Mogli“ im Grundschulalter und verbringen gemeinsam Freizeit.

Info-Veranstaltung am 9. Februar Das Berufskolleg Castrop-Rauxel (Wartburgstraße 100) veranstaltet am Samstag, 9. Februar, von 10 bis 13 Uhr seinen Beratungstag. Alle Interessierten können sich dort an einem Stand auch über das Projekt „Balu und Du“ informieren.

Die Patenschaften laufen immer für ein Jahr. Nun fand die Abschlussveranstaltung in den Räumen der Caritas am Lambertusplatz statt. Sechs Patenschaften gab es im vergangenen Jahr in Castrop-Rauxel. Ein eher schwacher Jahrgang : In anderen Jahren waren es schon bis zu zehn Paare.

Kekse backen, Eislaufen oder ins Phantasialand

An diesem Mittwochnachmittag blicken die Balus und Moglis zurück auf ihre Unternehmungen im Jahr 2018. Fotos zeigen sie beim Kekse backen, im Phantasialand, beim Eislaufen, in der Bücherei oder beim Spielen im Stadtgarten. Auch einige Eltern der Moglis sind zur Abschlussveranstaltung gekommen. Und die beiden Koordinatorinnen, Ines Carralero y Martinez von der Caritas sowie Lehrerin Eva Schulze vom Berufskolleg.

„Balu und Du“: Wenn junge Erwachsene Grundschul-Kindern durch den Alltags-Dschungel helfen

In den Räumen der Caritas am Lambertusplatz trafen sich die Paten, Koordinatoren und Eltern zum Abschluss des „Balu und Du“-Projektes 2018. © Marc-André Landsiedel

Für dieses Jahr sind sie noch auf der Suche nach weiteren Balus. Dazu führen sie Informationsveranstaltungen an allen weiterführenden Schulen in Castrop-Rauxel durch. „Ansonsten läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda. Und wir verteilen Flyer an Unis“, sagt Ines Carralero.

Teilnahme im Rahmen des Stipendiums

Auch Christian geht noch zur Uni. Er studiert Journalismus und PR in Gelsenkirchen. Außerdem ist er Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. In diesem Rahmen ist er verpflichtet, sich sozial zu engagieren. Ein Stiftungs-Referent, dessen Tochter an „Balu und Du“ teilgenommen habe und begeistert war, habe ihn auf das Projekt aufmerksam gemacht.

„Da hatte ich Lust drauf. Und da das Programm bei mir in der Nähe nicht angeboten wurde, habe ich mich in Castrop-Rauxel beworben“, erklärt Christian. Es folgten ein offizielles Bewerbungsgespräch und Schulungen, ehe er als Balu in Castrop-Rauxel starten durfte.

Gutes Probefeld - und gut für den Lebenslauf

Ines Carralero freut sich über junge Erwachsene, die Lust auf das Projekt haben - und auch selber Vorteile daraus schöpfen. Solch eine Patenschaft sei eine gutes Probefeld für alle, die später im sozialen Bereich arbeiten wollen. „Und auch im Lebenslauf macht es sich natürlich gut“, ergänzt Eva Schulze.

„Balu und Du“: Wenn junge Erwachsene Grundschul-Kindern durch den Alltags-Dschungel helfen

Die "Balu und Du"-Koordinatorinnen Ines Carralero y Martinez (l.) und Eva Schulze (r.) freuen sich mit den „Balus“ und „Moglis“ über das erfolgreiche Jahr 2018. © Marc-André Landsiedel

Was man als Balu mitbringen muss? „Man sollte vertrauensvoll und zuverlässig sein. Außerdem muss man Lust auf soziales Engagement haben und Zeit mitbringen“, erklärt Carralero. Denn neben den wöchentlichen Treffen mit den Moglis treffen sich die Balus zusammen alle zwei Wochen mit den Projekt-Koordinatoren, um über die Patenschaft zu sprechen und sich Ratschläge abzuholen.

Nicht nur für sozialschwache und hilfsbedürftige Kinder

Die Moglis werden durch das Jugendhilfezentrum der Caritas vermittelt. „Es geht nicht in erster Linie um sozialschwache oder hilfsbedürftige Kinder. Wir schauen immer: Welches Aufmerksamkeitsgefüge ist vorhanden?“, erklärt Carralero. Bei Kindern mit vielen Geschwistern etwa könne man durch das „Balu und Du“-Projekt für Entlastung sorgen.

Auch Tristan kommt aus einer Großfamilie. Mehrere Geschwister, Tristans Mutter, ihr Lebensgefährte sowie die Großeltern leben alle unter einem Dach. Das ist mitunter chaotisch - aber herzlich. „Ich bin sehr nett von der Familie aufgenommen worden. Die Türen waren immer offen“, berichtet Christian. Wobei auch für ihn das vergangene Jahr nicht immer leicht war.

Schwierige Situation durch den Tod des Vaters

„Zu Beginn war Tristan sehr aufgeschlossen“ erinnert sich Christian. Schon beim ersten Treffen habe der Junge seinen Balu ohne zu fragen in die Arme genommen. „Das hat mich schon überrascht.“ Im Verlauf des Jahres aber sei Tristans Vater, der nicht bei der Familie lebte, verstorben. „Danach war Tristan eine Zeit lang ziemlich in sich gekehrt“, sagt Christian - der nicht recht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte: „Ich habe Tristan nicht darauf angesprochen und einfach abgewartet, ob er vielleicht von alleine etwas erzählt.“

Später haben Christian, die anderen Balus und die beiden Koordinatorinnen bei einem Treffen die Situation diskutiert. „Es hat sich herausgestellt, dass ich das instinktiv richtig gemacht habe“, so Christian. Mit der Zeit habe sich Tristan ihm gegenüber geöffnet. Außerdem führen die Balus Tagebuch über die Treffen mit ihren Moglis. „Erst durch diese Reflexion merkt man im Nachhinein, was der Mogli bei dem Treffen vielleicht gelernt hat“, sagt Christian.

Seit Monaten keinen Kontakt mehr

Trotzdem ging das Jahr für den Balu und seinen Mogli nicht wie erhofft zu Ende. Die letzten Monate sei der Kontakt abgebrochen - seit Tristan ein Internat in Datteln besucht. „Das war sehr schade“, sagt Christian.

„Balu und Du“: Wenn junge Erwachsene Grundschul-Kindern durch den Alltags-Dschungel helfen

„Mogli“ Laura (10) ist mit ihrem „Balu“ Celin (23) aus Castrop mehr als zufrieden - und zeigt stolz ihre „Balu und Du“-Medaille, die sie beid er Abschlussveranstaltung bekommen hat. © Marc-André Landsiedel

Auch die zehnjährige Laura besucht das Internat in Datteln. Sie ist Tristans Schwester - hat im Gegensatz zu ihrem Bruder aber weiterhin Kontakt zu ihrem Balu Celin. Die 23-Jährige Castroperin nimmt das vierte Jahr an dem Programm „Balu und Du“ teil. „Man lernt, Verantwortung zu übernehmen und sieht die Welt aus einer anderen Perspektive“, sagt die Auszubildende, die die Teilnahme an dem Projekt nur empfehlen kann.

Balu Celin ist fast „wie eine große Schwester“

Laura ist Celins zweiter Mogli. Zu dem ersten Kind hat auch sie mittlerweile keinen Kontakt mehr - weil das Mädchen nach Berlin gezogen ist. „Das macht es natürlich schwierig“, sagt Celin fast entschuldigend. Laura aber freut‘s. Sie ist begeistert von ihrem Balu. Ihre große Patin sei ihr total wichtig, „fast wie eine große Schwester“. Vor allem das gemeinsame Eislaufen ist der Schülerin im Gedächtnis geblieben.

Und noch etwas anderes haben Christian wie auch Celin in ihrer Zeit als Balu gelernt: Dankbarkeit. Denn was für einen selber vielleicht immer selbstverständlich war, ist für manches Kind oder andere Familien manchmal alles andere als selbstverständlich.

Kommentar

Das nötigt Respekt ab

Das Projekt „Balu und Du“ nötigt einem Respekt ab. In einem Alter, in dem bei vielen jungen Erwachsenen ganz andere Sachen im Vordergrund stehen, opfern Paten wie Christian und Celin nicht nur Zeit, sondern vermutlich auch noch eigenes Geld, um Kindern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie zuhause nicht bekommen (können). Das ist alles andere als selbstverständlich. Für mich macht ihr Engagement die „Balus“ in Castrop-Rauxel zu absoluten Helden des Alltags. Nicht nur ihre Moglis können ihnen dankbar sein - sondern auch die Gesellschaft. Und wir Älteren sollten uns eine Scheibe von ihnen abschneiden.
Von Marc-André Landsiedel
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