Wer den Supermarkt nur vom Prospekt kennt, gilt als Selbstversorger. Volker Köhler geht einkaufen, erntet aber auch Unmengen selbst. Wo kommen Selbstversorger an Grenzen, was treibt sie an?

Castrop-Rauxel

, 19.08.2018, 09:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Was genau ist ein Selbstversorger?

Selbstversorger ist man, wenn man sich mit dem Lebensnotwendigen versorgen kann. Dazu gehören in erster Linie Lebensmittel und Getränke, es kann aber auch bedeuten, Strom selbst zu erzeugen, Waschmittel beispielsweise aus Kastanien selbst herzustellen und die eigene Kleidung zu nähen. Heute lässt es die Lebenssituation meistens nicht zu, alle Bedürfnisse selbst abzudecken. In einigen Bereichen könnte aber fast jeder zum Selbstversorger werden.

Der Castrop-Rauxeler Volker Köhler hat einen nahe liegenden Weg eingeschlagen. Er hat vor 17 Jahren eine Parzelle in der Kleingartenanlage Süd gepachtet. Der Rentner verbringt hier täglich Stunde um Stunde. Auf 650 Quadratmetern baut er Unmengen Gemüse an.

Was treibt den Selbstversorger an?

Ökologische, gesundheitliche oder auch ökonomische Beweggründe führen dazu, dass sich immer öfter Menschen dafür entscheiden, auf einer oder mehreren Ebenen zum Selbstversorger zu werden.

Die Produkte im Supermarkt sind oft mit Zusatzstoffen wie Geschmacksverstärkern versehen. Viele sind beispielsweise durch Erhitzen haltbar gemacht, dadurch gehen wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Dazu gehören Milch und Getreide. Obst und Gemüse stammen in der konventionellen Variante oft aus Monokulturen und sind mit Pestiziden behandelt, die Bio-Variante bekommt der Konsument dafür hübsch in Plastik verpackt. All das ist nichts für nachhaltig denkende Konsumenten, die der Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzen wollen und Wert auf ihre Gesundheit legen.

Lebensmittelskandale, Finanzkrise und die Bedrohung von Naturkatastrophen haben bei einigen zudem das Vertrauen in den Welthandel erschüttert.

Geschmack ist deutlich besser

Letztendlich ist der Spaß am Planen und Säen ein Argument für viele, den Spaten aus dem Schuppen zu holen und das Beet umzugraben. Den Pflanzen beim Wachsen zuzuschauen, sich mit Schädlingen herumzuärgern sowie das Ernten und Essen machen dazu noch stolz auf die eigene Zucht. Zudem: Der Geschmack ist oft deutlich besser als der von gekauften Produkten.

So sieht es auch Volker Köhler. Seinen Garten bezeichnet er als Hobby, nicht als Arbeit. Sein Lohn: Im Keller stehen die Einmachgläser in Reih und Glied, in der Tiefkühltruhe stapeln sich Spargel, Johannisbeeren, Himbeeren und Kohlrouladen. Einkaufen gehen muss der 70-Jährige nicht viel. Und er weiß genau, was in seinem Gemüse drin steckt. Pestizide jedenfalls nicht: „Bei mir ist alles bio, gespritzt wird nicht, dann kann ich gleich woanders kaufen.“

An Rankhilfen wachsen bei Volker Köhler im Garten dicke Gurken.

An Rankhilfen wachsen bei Volker Köhler im Garten dicke Gurken. © Iris Müller

Günstiger ist die Selbstversorgung wahrscheinlich nicht. Zur Hochsaison kostet die Salatgurke im Supermarkt 39 Cent. Auf den Preis kommt der Garten-Fan wahrscheinlich nie, wenn er Samen, Erde, Wasser und Pacht umlegen würde. Das ist aber auch nicht sein Ziel.

Köhlers Eltern haben ihm die Gemüseerde quasi in die Wiege gelegt. „Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn die Pflanzen dicke Stiele haben, sind auch schöne Kartoffeln in der Erde“, so Köhler. Und das stimme. Auch er hat etliche Reihen Erdäpfel - einige schon geerntet, andere noch nicht. „Die esse ich sofort oder verschenke sie“, so der Castrop-Rauxeler. Einlagern lohne nicht mehr. Heutzutage seien die Keller viel zu warm und es gebe mit Reis und Nudeln noch Alternativen. Das sei früher anders gewesen. Da mussten viele Kartoffeln angebaut und gelagert werden, damit man die Familie durch den Winter bringen konnte.

Was eignet sich zum Anbau?

Bei Volker Köhler wachsen dicke Kohlköpfe - Weißkohl, Spitzkohl, Rotkohl, Blumenkohl und Rosenkohl. Mehrmals im Jahr erntet er und bestellt die Beete neu, so bekommt er das Maximale aus seiner Fläche heraus.

Dazu kommt Fruchtgemüse - Gurken, Paprika und Tomaten. „Die Tomaten habe ich zum Teil klein gemacht und umgegraben, so haben sie sich im nächsten Jahr selbst wieder gesät“, erklärt Köhler.

Kartoffeln, Porree, Spargel, Möhren und Kohlrabi runden die Gemüseabteilung in seiner Parzelle ab. Wichtig sei, nicht immer die gleiche Sorte am gleichen Standort zu säen, erklärt Köhler. Die Fruchtfolge müsse beachtet werden, um den Boden nicht auszulaugen. Da, wo im vergangenen Jahr Kartoffeln angebaut waren, müssten im nächsten Jahr beispielsweise Tomaten wachsen. Das dämme Schädlinge ein, die eventuell den Winter im Boden überlebt haben, und bringe höhere Ernteerfolge.

Auch die Obstabteilung ist reichhaltig bei Volker Köhler. Birnen, Äpfel, Rhabarber, sämtliche Beeren, Weintrauben und Pflaumen - das einzige, was fehlt, sind Kirschen. Doch dort bedient sich Köhler einer alten Selbstversorger-Regel: Was man nicht selbst hat, wird mit Gleichgesinnten getauscht. So bekommt er die Kirschen von seinem Nachbarn. Andersrum kann sich glücklich schätzen, wer den Castrop-Rauxeler kennt. Volker Köhler verschenkt vieles von seiner Ernte an seine Geschwister, seine Tochter und an Freunde.

Außerdem leben bei Volker Köhler im Garten noch acht Hühner, die versorgen ihn mit Eiern. Aber nicht mit Fleisch. „Essen kann ich die nicht“, so Köhler. Das bringe er nicht übers Herz. Vegetarier sei er zwar nicht, sein Fleisch hole er aber direkt vom Bauern. Dort nimmt er dann auch gleich Rindermist mit - als Dünger für seine Beete.

Was eignet sich nicht so gut zum Anbau?

Beim Thema Getreide kommen private Selbstversorger oft an ihre Grenzen. Auch bei Volker Köhler findet man weder Weizen noch Roggen oder Hafer im Kleingarten. Das Anbauen von Getreide ist vor allem aufgrund des Mutterkorns schwierig - ein Schädling, der Getreide befällt und beim Menschen bei Verzehr zu Atemlähmung und Kreislaufversagen führen kann. In der Landwirtschaft wird vorgebeugt durch entsprechende Düngung, das Pflügen und die Nutzung windoffener Flächen. Für den Getreideanbau braucht es zudem sehr viel Platz, falls man am Ende mehr als ein paar Brote backen möchte.

Es gibt zudem ein paar Produkte, die bei fast allen im Vorratsschrank stehen, in deutschen Gärten aber aus Klimagründen nicht unbedingt gut wachsen. Dazu gehören beispielsweise Kaffee, Zitronen, Bananen und Pfeffer.

Auch für Milchprodukte wie Butter und Quark geht Volker Köhler in den Supermarkt. Ebenso um sich seine Flasche Feierabendbier zu kaufen.

Was tun gegen Schädlinge?

Das Motto von Volker Köhler: „Den Schädling muss man aushalten.“ Wer so viel anbaut wie der 70-Jährige, hat zwar immer mal wieder Schädlingsbefall, unterm Strich reiche die Ernte aber immer aus, um Keller und Tiefkühltruhe zu füllen und dazu noch Familie und Freunde glücklich zu machen.

Damit Schnecken, Läuse und Kartoffelkäfer nicht Überhand nehmen, beugt Köhler ein wenig vor. Er baut jedes Jahr andere Dinge auf seinen Flächen an - Stichwort Fruchtfolge. Über seine Hochbeete spannt er Netze und Schnecken sammelt er ab, bevor sie sich über seine köstlichen Pflanzen hermachen.

Was tun mit der Ernte?

Der Selbstversorger erntet im Sommer ohne Ende Tomaten, Gurken und Obst. Jetzt gilt es, das Gemüse und Obst haltbar zu machen, um gut über den Winter zu kommen. Dazu eignen sich verschiedene Verfahren.

  • Einfrieren: Obst und Gemüse lassen sich oft gut einfrieren und dann nach und nach verarbeiten. Bei Volker Köhler ist die Truhe voll mit Spargel, Möhren, Porree und diversen Beeren. Man sollte das Gemüse jedoch nach der Ernte zunächst waschen und klein schneiden und dann in kleinen Portionen einfrieren. Beschriften nicht vergessen, sonst verliert man den Überblick und es gibt oft Überraschungs-Mittagessen.
  • Einkochen/Einmachen: Frisches Obst und Gemüse lässt sich hervorragend in Gläsern einkochen und so haltbar machen. Klassiker, die auch Volker Köhler gerne macht sind Apfelmus und Marmeladen oder Gelees. Man kann aber auch Gurke, Zucchini und Rotkohl einkochen oder gleich Eintöpfe und Gemüsesoßen. Aus seinen Tomaten kocht Köhler zusammen mit seiner Schwester gerne Ketchup. Hier gibt es eine genaue Anleitung zum Einkochen von Obst und Gemüse. Goldene Regel: Wer es einfach hält, kann es später vielseitig nutzen.
  • Einlagern: Ernten und in den Keller bringen: Das hört sich einfach an, ist aber nur bei Äpfeln und Gemüse mit Wurzeln oder Knollen möglich. Kohlrabi, Möhren, Rettich, Rote Bete, Steckrüben, Sellerie, Kartoffeln und Pastinaken sowie alle Kopfkohl-Sorten lassen sich über mehrere Monate im rohen Zustand lagern. Knackpunkt: Die Temperatur sollte zwischen fünf und zehn Grad liegen. Das ist heutzutage nur noch in wenigen Kellern der Fall. Hier finden Sie weitere Tipps zum Einlagern.
  • Fermentieren: Beim Fermentieren werden Lebensmittel mit einer Salzschicht versehen und in ein abgedecktes Gefäß gegeben. Auf diese Weise entsteht ein Milieu, in dem sich Milchsäure bildet und schließlich gärt – schlechte Bakterien bleiben durch diesen Prozess inaktiv. Wie es genau funktioniert steht in den Grundlagen der Gemüse-Fermentation.
  • Gewürze, Tee, Öl herstellen: Die Kräuter aus dem Garten kann man zum Trocknen aufhängen, in Gläser abfüllen und zum Kochen benutzen, man kann sie in Öl einlegen oder Tee daraus herstellen. Da sie beim Trocknen an Aroma verlieren bietet es sich auch an, sie einzufrieren.
  • Getränke/Sirupe herstellen: Mithilfe eines Entsafters kann man aus seinen Beeren Säfte oder Sirupe herstellen. Volker Köhler ist besonders für Letzteres zu haben: „Ich mag sehr gerne Eis mit selbst gemachtem Sirup.“ Man kann sein Obst auch in eine Mosterei bringen, die dann Saft daraus herstellt. Aus Castrop-Rauxel ist die nächstgelegene die Ronsdorfer Apfelsaftmanufaktur.

Äpfel finden sich bei Volker Köhler im Garten reichlich. Damit kommt er gut durch den Winter.

Äpfel finden sich bei Volker Köhler im Garten reichlich. Damit kommt er gut durch den Winter. © Iris Müller

Was tun, wenn man keinen Kleingarten und keinen eigenen Garten hat?

Wer Lust auf Selbstversorgung hat, aber keine eigene Anbaufläche, der hat verschiedene Möglichkeiten:

Balkon: Viele Gemüsesorten und Kräuter kann man auf dem Balkon anbauen. Selbst Kartoffeln wachsen in einem großen Topf.

Solidarische Landwirtschaft: Es gibt Landwirte, die stellen ihre Ernte direkt zur Verfügung - ohne den Umweg über den Supermarkt. Auf Grundlage der geschätzten Jahreskosten der landwirtschaftlichen Erzeugung verpflichtet sich eine Solawi-Gruppe jährlich im Voraus einen festgesetzten Betrag an den Hof zu zahlen. Wer profitieren will, muss mitarbeiten und kann dann wöchentlich eine Kiste mit saisonalem Gemüse bekommen. Die nächste Solawi-Gruppe ist in Dortmund.

Meine Ernte: Wer bei dem Projekt „Meine Ernte“ mitmachen will, mietet sich ein eigenes Stück Acker, das vom Landwirt bereits mit verschiedenen Gemüsesorten bepflanzt ist. Von dort kann man dann pflegen und ernten. Möglich ist das zum Beispiel in Bochum und Dortmund.

Was macht der Selbstversorger im Winter?

“Es ist immer was zu tun“, erklärt der Castrop-Rauxeler Volker Köhler. Im Winter müsse er oft die Laube und den Hühnerstall ausbessern, weitere Geräte oder Wassertonnen anschaffen und anschließen, sich um den Kompost kümmern und im Frühjahr dann wieder die Beete vorbereiten. Einige Sorten, wie Rosenkohl und Feldsalat, sind auch erst spät im Jahr erntereif. Außerdem genießt der Selbstversorger im Winter seine Ernte aus Keller, Gefriertruhe und Vorratskammer.

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