Bert Wagener: "Niemand schließt gerne Filialen"

Verwaltungsratsmitglied der Sparkasse Vest

Aufrechterhaltung der Infrastruktur versus Wohl des Unternehmens: Im Interview nimmt Verwaltungsratsmitglied Bert Wagener zur Entscheidung der Sparkasse Vest, unter anderem drei Filialen in Castrop-Rauxel zu schließen, Stellung.

CASTROP-RAUXEL

, 05.07.2017, 16:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bert Wagener: "Niemand schließt gerne Filialen"

Bert Wagener, Fraktionsvorsitzender der Grünen seit 2009, Rats- und Kreistagsmitglied und auch Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Vest.

Wie stehen Sie als Verwaltungsratsmitglied zu der Entscheidung der Sparkasse?

Ich bin zwiegespalten: a) ist mir die Aufrechterhaltung der Infrastruktur in den Stadtteilen sehr wichtig. Wir kämpfen auch beim Einzelhandel, Bürgertreffs etc. immer für lebendige Stadtteile. Wenn dann ein "Frequenzbringer"  Sparkasse wegfällt ist das dramatisch. Auch z.B. in Frohlinde: Obwohl die Einwohnerzahl dramatisch gestiegen ist (derzeit knapp 3500), ist die Infrastruktur fast gänzlich weggefallen. Noch nicht einmal ein Einkaufsladen – und zukünftig keine Sparkasse – ist vorhanden.

b) Das Konsumverhalten ist mitursächlich, wenn die Zweigstellen kaum noch aufgesucht werden, da Onlinebanking an der Tagesordnung ist, sind Schließungen die Folge, niemand würde es verstehen, wenn Beschäftigte in nicht frequentierten Dienststellen ihren Dienst verrichten und auf Kunden warten. Ferner sind als Verwaltungsrat die wirtschaftlichen Zwänge zu berücksichtigen. Als VR haben wir die Verantwortung dafür zu tragen, dass eine Sparkasse auch leistungsfähig bleibt, niemand hat gerne Gebühren erhöht und schließt gerne Filialen.

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Warum waren Sie bei der Verwaltungsratssitzung nicht anwesend?

Ich war beruflich verhindert, es handelte sich um eine Sondersitzung mit kurzer Ankündigungsfrist, fixe Termine konnten nicht verschoben werden. Ich habe meine Vertreterin Frau Dymke aus Recklinghausen und Herrn Schild als Vorsitzenden über den Vertretungsfall informiert.  

Wie groß ist eigentlich die Einflussmöglichkeit im Verwaltungsrat auf solche Vorstandsvorlagen? Also: Was wäre gewesen, wenn der Verwaltungsrat dagegen gestimmt hätte? Oder anders: Hätte eine einfache Mehrheit schon gereicht?

Natürlich kann die Mehrheit gegen die Vorstandsvorlage stimmen und derartige Schritte stoppen. Es ist wie im Rat: eine einfache Mehrheit reicht. Allerdings geht es um das Wohl des Unternehmens.

Wie hat man dem Verwaltungsrat klar gemacht, dass dieser Schritt sinnvoll oder unausweichlich ist?

Es gab Vorbesprechungen, in denen die zugrundeliegenden Zahlen dargestellt wurden. Diese basieren immer auf Prognosen. Gehen wir von einer Zinswende aus, könnte es etwas besser aussehen als bei gleichbleibend niedrigen Zinsen. Neben der Wirtschaftlichkeit war aber auch ein wesentliches Faktum, dass die Frequenz in den Zweigstellen drastisch zurückgeht.

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Haben Sie im Vorfeld etwas unternommen, außer sich für die Sitzung abzumelden?

Rajko Kravanja und ich haben im Vorfeld versucht, Einfluss auf die Entscheidung zu nehmen und einen erweiterten Meinungsbildungsprozess anzustoßen. Es gab hierzu auch eine schriftliche Stellungnahme an diverse Verwaltungsratsmitglieder. Letztendlich waren die Argumente des Vorstandes zu stark, sodass die bekannte Entscheidung gefällt wurde.  

Seit wann wussten Sie denn davon?

Etwa zehn Tage vor der Sondersitzung am 27. Juni wurden die Pläne bekannt.  

Wie nehmen Sie die Reaktionen der Menschen in Castrop-Rauxel auf diese Entscheidung aktuell wahr?

Die Menschen nehmen wahr, dass die Ortsteile ausbluten und Infrastruktur abgebaut wird und die Kosten steigen. Da es im Vorfeld eine breit angelegte Diskussion des Sparkassenvorstandes nicht gab, kann ich die Reaktionen nur allzu gut verstehen.  

  Die FWI beklagt, „dass sich das Konstrukt Sparkasse Vest sich über die Jahre hinweg verselbständigt“ und von dem besonderen Auftrag verabschiedet habe, den sie als Körperschaft öffentlichen Rechts hat. „Wenn Sparkassen-Politik so gemacht wird und dies sogar mit Unterstützung unserer Gemeindevertreter, dann braucht man sich über  Politverdrossenheit nicht beklagen“, heißt es. Wie nehmen Sie dazu Stellung?

Es handelt sich um ein wirtschaftliches Unternehmen. Natürlich entwickeln sich Strukturen. Durch diverse Sicherungsmaßnahmen ist es nicht einfacher geworden. Darum müssen wir uns ja auch kontinuierlich weiterbilden. Immerhin haben die Sparkassen mit ihrer Politik das Bankensystem gestützt. Die Geschäftsbanken sind mit ihrer Geschäftspolitik gescheitert. Grundsätzlich ist es positiv, dass die Sparkasse stark und nicht ein Selbstbedienungsladen der Gemeinden ist. Derart tiefgreifende Entscheidungen müssen aber natürlich vorher besprochen werden. Das heißt: Die Bürger müssen informiert werden und nicht die Verwaltungsratsmitglieder mit ihrer Verschwiegenheitspflicht.

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