Ein Berufskolleg ohne Lehrer? Auch in Zeiten der Digitalisierung ist das nicht vorstellbar

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Die Digitalisierung hat Einzug in Berufe und deren Ausbildung gehalten. Die Geräte sind teuer. Doch der Leiter des Castrop-Rauxeler Berufskollegs weiß, dass Geld gar nicht das Problem ist.

Castrop-Rauxel

, 27.02.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Arthur Golz (38) seinen Unterricht startet, hat er immer sein iPad dabei. Darauf befinden sich sämtliche Unterrichtsmaterialien, auf die über ein Lernmanagementsystem auch seine Schüler zugreifen können – entweder über einen Computer direkt im Klassenraum oder von zu Hause aus. Statt wie früher zur Kreidetafel schauen alle auf das Bild, das der Beamer übers Tablet an die Wand wirft.

Gemeinsam präsentieren die Schüler beispielsweise ihre Gruppenarbeiten, schreiben mit einem speziellen Stift direkt aufs iPad, für alle sichtbar an der Wand. Die angehenden Erzieher am Castrop-Rauxeler Berufskolleg lernen etwa, wie sie ein Portfolio digital, statt wie bisher in einem dicken Ordner, anlegen und wie sie Kinder bei der Sprachentwicklung mit digitalen Medien unterstützen können.

Wer an diesem Tag krank zu Hause sitzt, kann sich die Unterrichtsinhalte nachträglich trozdem ansehen und eventuell nacharbeiten. Die Materialien sind auf der Plattform hinterlegt.

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Doch was sich so schön anhört, hat ein paar Haken: Die Plattform, die Arthur Golz in seinem Unterricht nutzt, ist nicht fächerübergreifend. Grund ist die Datenschutzgrundverordnung, die oft als Bremse wirkt. „Wir brauchen ein Lernmanagementsystem, das die ganze Schule nutzen kann“, erklärt Schulleiter Fred Nierhauve, der jetzt in den Ruhestand geht.

Müssen die Schüler dann überhaupt noch kommen? Wenn sie von überall auf die Unterrichtsmaterialien zugreifen können? „Die Empathie des Lehrers und die individuellen Fördermöglichkeiten kann man nicht ersetzen“, ist sich Matthias Rensch sicher. Er koordiniert den IT-Bereich am Berufskolleg. Vieles, was mithilfe digitaler Medien im Unterricht präsentiert wird, sei zudem das Ergebnis von Gruppenarbeiten und Diskussionen vor Ort.

Nicht jeder Schüler hat zudem ein Endgerät und nicht jeder Lehrer ein iPad. „Das ist auch nicht nötig“, erklärt Nierhauve. Einige Kollegen probieren verschiedene Sachen aus und schulen dann andere. Silke Kalthoff (48) behält den Überblick: Sie ist am Castrop-Rauxeler Berufskolleg zuständig für die Unterrichtsentwicklung. „Wir haben schon viel auf den Weg gebracht, sind aber noch nicht am Ende“, erklärt sie.

Dokumentenkameras und Beamer

In vielen Klassenräumen sind fest installierte Computer für die Lehrer sowie Dokumentenkameras und Beamer vorhanden. Nierhauve ist wichtig, dass im Unterricht individuell auf die Berufe eingegangen wird und das Geld nicht „mit der Gießkanne ausgekippt wird“. Bei all der Digitalisierung bleibe die Kernfrage nach dem didaktischen Mehrwert.

Das Geld ist nach Angaben von Nierhauve gar nicht das Problem, sondern vielmehr das Personal in den Verwaltungen. Um an das Geld aus dem Digitalpakt zu kommen oder aus dem Programm „Gute Schule“, müssen Anträge gestellt und bearbeitet werden. Dafür fehle es an entscheidenden Stellen schlicht und einfach an Personal.

Wenn das Geld schließlich genehmigt und die Geräte gekauft wurden, müssen sie eingerichtet und irgendwann auch gewartet und repariert werden. Denn mit der Ausstattung kommt das Know-how. „Oft gibt es keine passenden Schulungen“, weiß Björn Rützenhoff, Leiter der Arbeitsgruppe Digitalisierung bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW, und es stehe zu wenig Geld für Fortbildungen zur Verfügung. Die GEW fordert hier mehr Zusammenarbeit und Mitbestimmung seitens der Personalräte.

Für das Know-How ist am Berufskolleg unter anderem Matthias Rensch zuständig: „Der Support ist eine Riesenbaustelle.“ Er ist froh, dass nicht alle 2700 Schüler ein eigenes Endgerät haben, auf das er dann mit seinem Team die gleichen Apps und Systeme spielen und stets aktualisieren muss.

Lehrer arbeiten in ihrer Freizeit

„Eigentlich bräuchten wir eine eigene IT-Abteilung“, findet Rensch, der viele Dinge in seiner Freizeit erledigt. Derzeit sind am Berufskolleg 1400 Einzelgeräte – Computer, Beamer, Laptops – im Einsatz. Dazu kommen die Endgeräte der 190 Lehrer, für die sie selbst verantwortlich sind; von der Anschaffung bis zum Support.

Björn Rützenhoff sagt: „Den Lehrern muss der Support abgenommen werden.“ Und das gelte auch für die Endgeräte der Pädagogen. Die meisten Lehrkräfte in NRW haben ihre Computer selbst gekauft und kümmern sich um Lizenzen, Wartung und Neubeschaffung. In Zeiten der Digitalisierung, Vernetzung und Umgang und Austausch personenbezogener Daten laut GEW ein Unding.

Vandalismus

Viele Schüler schätzen das digitale Arbeiten am Berufskolleg, aber es gibt auch immer ein paar wenige, die sich im Vandalismus üben. „Gestohlene Mäuse, Bildschirme, die mit Edding bekritzelt sind, mutwillig zerstörte Tastaturen“, nennt Rensch einige Beispiele. Auch darum kümmert er sich. Manche dieser Schüler werden dann samstags zur Schule gebeten. Matthias Rensch nennt das, was dann passiert, eine „erzieherische Einwirkungsstunde“. Andere würden vielleicht sagen, die Schüler bekommen „die Leviten gelesen“.

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