Boom im Sicherheitsgewerbe: Brauchen wir bessere Gesetze und Prüfungen?

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Private Sicherheitsunternehmen boomen. Wir haben mit dem Vorsitzenden der IHK-Prüfungskommission, Dieter Kopetz aus Castrop-Rauxel, über Skandale, Gesetze und Prüfungen gesprochen.

Castrop-Rauxel

, 01.06.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das private Sicherheitsgewerbe ist aus unserer Gesellschaft kaum noch wegzudenken. Aber ist das auch gut so? Wie werden Menschen, die als Private Security arbeiten, ausgebildet und bezahlt? Wir haben uns mit Prof. Dr. Dieter Kopetz aus Castrop-Rauxel getroffen. Er ist Meister für Schutz und Sicherheit und Dozent an der Hochschule Rhein-Waal und liefert Antworten auf diese Fragen.


Versucht sich der Staat aus Kostengründen aus dem Einstellen von eigenem Sicherheitspersonal oder Polizisten zurückzuziehen?

Es ist festzustellen, dass der private Sicherheitsdienst in Deutschland boomt. In allen Bundesländern. Umgekehrt finden Einsparungen im Bereich der Polizei so nicht statt. Sicherheit ist also insgesamt ein großes Thema und man kann beide Zahlen nicht gegeneinander aufwiegen.

Eine Forderung ist die nach einheitlichen Gesetzen und Prüfungen für das Sicherheitsgewerbe. Das Bundesinnenministerium soll sich jetzt damit beschäftigen. Reichen die Prüfungen aus? Braucht man neue Gesetze?

Bisher ist die Rechtsgrundlage, auf der sowohl das Sicherheitsgewerbe tätig wird als auch die Prüfungen und Sachkundeprüfungen stattfinden, die Gewerbeordnung und die Bewachungsverordnung. Diese Regelungen stammen aus der 90er-Jahren, zuletzt überarbeitet 2016. Es ging damals darum, den sogenannten „schwarzen Sheriffs“ in München Einhalt zu gebieten und mit Hilfe einer gesetzlichen Grundlage Mindeststandards zu setzen.

Was waren „schwarze Sheriffs“?

Das waren Firmen, die ohne eine staatliche Erlaubnispflicht in schwarzen Uniformen aufgetreten sind und Kontrollgänge durchführten, Bewachungsaufträge annahmen. Historisch gesehen geht unsere Gesetzgebung im Bewachungsgewerbe darauf zurück.

Reichen die bestehenden Regelungen denn noch aus?

Im Koalitionsvertrag ist das tatsächlich ein großes Thema. Im Augenblick gibt es eine Sache die alle interessiert, das sogenannte Bewachungszentralregister. Das wird vom Bundesamt für Wirtschaft betrieben und seit April mit Daten gefüttert. Jeder Mitarbeiter und jede Firma soll zentral erfasst sein. Hintergrund sind die Skandale die man im Überwachungsgewerbe hat. Etwa das Ausleihen von Arbeitnehmern zwischen Firmen oder der Skandal in in einer Flüchtlingsunterkunft in Siegen, wo man quasi über die Sicherheitsfirmen Rechtsradikale eingeschleust hat, die da ihre Missbräuche trieben. Solche Missstände sollen ausgemerzt werden.

Zur Person

Prof. Dr. Dieter Kopetz

Boom im Sicherheitsgewerbe: Brauchen wir bessere Gesetze und Prüfungen?

© Matthias Stachelhaus

  • Seit 2010 ist der Castrop-Rauxeler Dieter Kopetz Meister für Schutz und Sicherheit. Er ist Vorsitzender der Prüfungskommission für Sicherheitsgewerbe in der Industrie- und Handelskammer zu Münster.
  • Zusätzlich unterrichtet Kopetz als Professor IT-Recht an der Fakultät Kommunikation und Umwelt an der Hochschule Rhein-Waal in Kamp-Lintfort.
  • Politisch ist Kopetz bei der CDU im Ortsverband Ickern aktiv.

Es gibt ja unterschiedliche Ausbildungen - eine Dreijährige und eine über ein Jahr. Worin besteht der Unterschied?

Der Gesetzgeber hat seinerzeit den Gedanken gehabt, eine duale Ausbildung für den gesamten Bereich einzuführen. Die Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Die wird heute erfolgreich und zahlreich in Deutschland durchgeführt. Mit der Servicekraft (Anm. d. Red.: einjährige Ausbildung) wollte man eine Stufung einführen, um jemandem gewisse Berechtigungen zu geben, dann aber weiterzumachen.

Sind Sie der Meinung, dass die Prüfungsstandards bei der IHK ausreichen oder müsste hier auch etwas gemacht werden?

Die Prüfungsstandards wurden 2016 überarbeitet. Man hat sieben Gebiete ausgearbeitet, wo eine IHK-Prüfung erforderlich ist. Hinzugekommen ist die leitende Funktion bei der Überwachung von Flüchtlingsunterkünften und die leitende Tätigkeit bei Großveranstaltungen in geschlossenen Bereichen. Auch für die selbständige Tätigkeit im Bewachungsgewerbe ist mindestens die Sachkundeprüfung erforderlich. Kontrollgänge im öffentlichen Bereich waren immer schon sachkundepflichtig, genau wie die Arbeit als Ladendetektiv und die Einlasskontrolle an gastgewerblichen Diskotheken. Ich zitiere das deswegen so genau, weil es hier auf den Wortlaut in der Bewachungsverordnung und der Gewerbeordnung ankommt. Der reine Objektschutz ist nicht sachkundepflichtig. Es reicht eine IHK-Unterrichtung über 40 Stunden nachzuweisen. Eine förmliche Prüfung muss nicht abgelegt werden.

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Braucht es hier eine Veränderung?

Ja. In den Niederlanden zum Beispiel gibt es auch sehr viele Sicherheitsdienstleistende, die haben alle eine klassische dreijährige Ausbildung. Dort betrachtet man Sicherheitsleute im privaten Bereich als qualifizierte Kraft, die einen hohen Status erlangt hat. In Deutschland ist das durch diese Sachkundeprüfung eher so auf dem Arbeitsamtsniveau. Viele Maßnahmen, die so zu Stande kommen, sollen mit einer Sachkundeprüfung enden. Man nimmt hier eben nicht die qualifiziertesten, sondern alles was kommt. Es ist angelerntes Wissen.

Merkt man das als Mitarbeiter im Anschluss auch bei der Bezahlung?

Ein weit verbreitetes Vorurteil ist, dass man im Sicherheitsbereich nicht viel verdiene und nur die Mindestlöhne eingehalten werden müssen. Das stimmt so nicht mehr. Es gibt Tarifverträge zwischen Sicherheitsgewerbe und BDSW (Anm.: Bundesverband der Sicherheitswirtschaft) und Verdi. Jemand, der zum Beispiel am Flughafen arbeitet, bei Kontrollen als Luftsicherheitsassistent, bekommt relativ höhere Stundenlöhne. Auch Mitarbeiter, die Funktionen innerhalb des Sicherheitsgewerbes ausüben, Betriebssanitäter, Werksschutz und so weiter, haben relativ gute Stundenlöhne.

Wie sieht es denn hier beim Objektschutz aus? Immerhin einer der größten Sektoren.

Auch hier gibt es normalerweise Tariflöhne, das heißt flächendeckend. Da haben wir aber auch das Problem. Wenn eine Sicherheitsfirma alle gesetzlichen Vorgaben einhält und auch die Tariflöhne, müssten alle Mitbewerber auf eine ähnliche Angebotssituation kommen. Das ist aber nicht der Fall. Im Bewachungsgewerbe werden üblicherweise öffentliche Ausschreibung durchgeführt und dann schaut man nach dem Günstigsten. In den Flüchtlingsunterkünften war das ein Thema.

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Wie könnte man gegen dieses Problem vorgehen?

Diese Ausschreibungsverfahren sind ein heißes Thema. Nicht nur, weil sie ja unter Umständen ja Qualitätsstandards setzen, sondern weil in diesen Verfahren ja auch Mitbewerber ausgeschaltet werden. Wenn der Günstigste den Zuschlag bekommt, kommen die anderen nicht mehr zum Zuge. Da muss man öffentliche Kontrollmöglichkeiten schaffen. Es geht hier um viel Geld, Arbeitsplätze und Firmen. Eine kleine Sicherheitsfirma mit einer „handvoll“ Mitarbeitern hat andere Probleme, als eine große mit 13.000 Mitarbeitern.

Wo geht es in Zukunft hin?

Tendenziell wird das Sicherheitsgewerbe wegen des starken Sicherheitsbedürfnisses in der Bevölkerung weiterhin boomen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch europa- und weltweit. Die Standards werden in den nächsten Jahren angehoben. Im Bereich der Qualitätssicherung und bei den Gesetzen. Diese Maßnahmen werden greifen. Das tun sie heute schon und sollen es in Zukunft noch mehr.

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