Kurz vorm Brexit wird der britische Musiker Dave Cary Deutscher. Beim Einbürgerungstermin im Rathaus Castrop-Rauxel erzählt er, was die neue Staatsbürgerschaft und der Brexit für ihn bedeuten.

Castrop-Rauxel

, 31.01.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Brexit steht unmittelbar bevor und damit für viele Briten auch eine große Veränderung, gerade wenn sie in einem anderen Land als Großbritannien leben. So auch für Dave Cary, ein britischer Musiker aus Weymouth im Süden der Insel, der seit fast 60 Jahren in Deutschland lebt.

Anfang der 1960er-Jahre tourte er mit der Band „Dave Dacosta and his strollers“. In Castrop-Rauxel ist er ursprünglich für seine ehemalige Ehefrau Marlene geblieben. „Das erste Jahr war wirklich hart. Ich konnte ja meine eigene Sprache nicht mehr anwenden, außer in der Musik. Also lernte ich mit einem Wörterbuch und durch Marlenes Familie deutsch“, erzählt der 79-Jährige.

Nach seiner Scheidung und dem Verlust seiner zweiten Lebenspartnerin in Deutschland, überlegte der Brite, wieder zurück in seine Heimat nach Südengland zu ziehen. „Das ist eine Perle wo ich herkomme, manchmal bekomme ich schon Heimweh“, erzählt der Musiker. Zu dieser Zeit wohnte er in Dortmund und arbeitete dort für die britische Army als Lagerverwalter.

Für die Liebe blieb er in Catrop-Rauxel

Kurz vor der Jahrtausendwende lernte er auf einer Party eines Freundes aus Castrop-Rauxel Doris Bettinger kennen. „Da wurden wir quasi verkuppelt“, erzählt seine heutige Lebensgefährtin. Zwar redet sie selbst nicht gerne darüber, aber sie war der Grund, warum Dave schließlich in Deutschland bliebt und im Jahr 2000 auch zurück nach Castrop-Rauxel zog.

Der gebürtige Brite hatte eine lebenslange Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommen und konnte so problemlos in seiner Wahlheimat Castrp-Rauxel leben.

Auch als 2016 die Gespräche über einen möglichen Brexit losgingen, sah er erstmal keine Probleme.

„Ich hab ein bisschen spät reagiert, muss ich zugeben. Ich habe mir gar nicht so große Gedanken gemacht, vor allem weil ich nicht dachte, dass der Brexit wirklich Zustande kommt“, erzählt der 79-Jährige.

Er empfand die Informationen über die bevorstehenden Veränderung für Großbritannien aber auch als absolut unfair und nicht ausreichend „Den alten Menschen wurde Angst gemacht, damit der Brexit durchkommt. Aber wirklich erzählt, was auf uns zukommt und was ein Brexit bedeutet, das hat niemand erklärt.“ Aus seiner Sicht wurde das britische Volk an der Nase herumgeführt.

Dave Cary durfte nicht über Brexit abstimmen

Er selbst habe aber auch nie eine Einladung zur Wahl bekommen, obwohl er offiziell britischer Staatsbürger war, nur mit Wohnsitz in Deutschland. Er hätte definitiv dagegen gestimmt, erzählt er. Auch seine Schwester und ihr Mann, die beide in England leben, haben dagegen gestimmt.

„Eigentlich hätte aber nicht das Volk, sondern das Parlament bzw. die Regierung das entscheiden sollen. Wir normalen Bürger wissen im Prinzip ja gar nicht, welche Folgen der Brexit haben kann. Gerade im Bezug auf die Wirtschaft und Verträge die geschlossen wurden.“

Bei seinem letzten Besuch bei seiner Schwester hat er allerdings einen Vorgeschmack auf das bekommen, was Reisenden durch den Brexit möglicherweise bevorstehen kann. Der gesamte Reisebus samt Koffern wurde an der Grenze vom Zoll kontrolliert, was die Fahrt um mehrere Stunden verzögerte. „Das hatte vielleicht nichts mit dem Brexit zutun, aber solche Kontrollen wird es ja vermutlich öfter geben, wenn Großbritannien nicht mehr zur EU gehört“, sagt Dave Cary.

Durch die doppelte Staatsbürgerschaft fühlt er sich sowohl zu seiner Heimat in Großbritannien, als auch zu seiner Wahlheimat Deutschland verbunden.

Durch die doppelte Staatsbürgerschaft fühlt er sich sowohl zu seiner Heimat in Großbritannien, als auch zu seiner Wahlheimat Deutschland verbunden. © Marcia Köhler

Auch sein Recht auf Mitbestimmung würde darunter leiden. „Wenn ich nicht mehr Mitglied der EU bin, dann darf ich nicht mal mehr kommunal mitentscheiden.“, bedauert er. Auch seine Rente, die er teilweise von Großbritannien erhält, weil er einige Jahre dort gearbeitet hat, würde unter dem Brexit leiden.

Er befürchtet, der Pfund werde immer mehr an Wert verlieren und damit würde auch seine Rente immer weniger werden, das mache sich jetzt schon etwas bemerkbar. Also entschied er sich, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. „Keiner weiß so genau, was noch auf uns in Zukunft zukommt. Da wollte ich auf der sicheren Seite sein.“ Auch wenn er sich nicht ganz wohl dabei fühlte, weil er einen Teil von sich aufgeben müsse, wie er erzählt.

Durch die doppelte Staatsbürgerschaft habe ich mich nicht ganz entwurzelt gefühlt

Vor zwei Monaten beantragte er im Rathaus von Castrop-Rauxel dann die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich muss mich da beim Herrn Höck bedanken.“, erzählt der Brite. Der zuständige Mitarbeiter habe Dave Cary erklärt, er müsse nicht seine britische Staatsbürgerschaft ablegen, sondern er könne die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten.


Damit wurde ihm eine große Last genommen wie er selbst sagt: „Durch die doppelte Staatsbürgerschaft habe ich mich nicht ganz entwurzelt gefühlt.“ Am Mittwoch (29. Januar) war es schließlich so weit. Dave Cary wurde im Rathaus durch den ersten Beigeordneten der Stadt Castrop-Rauxel, Michael Eckhardt, die deutsche Staatsbürgerschaft anerkannt.

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Sowohl seine Familie in Großbritannien als auch seine Partnerin Doris und er selbst sind mittlerweile überzeugt, das war das Richtige. „Ich war einige Wochen sehr aufgewühlt, aber jetzt fühle ich mich wohl mit dieser Entscheidung.“ Zwar habe der Brexit bisher noch keine großen Auswirkungen auf sein Leben gehabt, aber er möchte auch, dass dies so bleibe.

Für die Briten wünscht er sich, dass sie den bevorstehenden Brexit gut überstehen und nicht in ein Loch fallen. „Sie sollen mit der Entscheidung gut über die Runden kommen und vernünftig leben können.“

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