Bürgermeisterkandidat Manfred Fiedler erklärt im Interview, warum er kein rein Grüner ist und der bessere Manager für die Geschicke der Stadt Castrop-Rauxel wäre als Rajko Kravanja.

Castrop-Rauxel

, 29.08.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Bei der Kommunalwahl am 13. September stellen sich fünf Kandidaten zur Bürgermeisterwahl. Manfred Fiedler tritt dabei für drei Gruppierungen an: die Grünen, die FWI und die Linke. Im Gespräch mit Tobias Weckenbrock erklärt er, warum er als Ratsherr der Grünen jetzt für drei Gruppen antritt, welche Kompromisse er dabei eingehen musste und warum er zwar Bürgermeister werden, aber nicht mehr im Stadtrat mitmachen will.

Manfred Fiedler ist 59 Jahre alt und wohnt in Henrichenburg in Castrop-Rauxel. Er ist Diplom Sozialwissenschaftler an der Universität Witten Herdecke für den Lehrstuhl multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten. Er beschäftigt sich im besonderen mit dem Management von Krankenhäusern.

Wäre ein Krankenhaus-Manager, der Sie waren, ein guter Manager für eine Stadt?

Ich habe im Krankenhausbereich alle möglichen Aufgaben gehabt, insbesondere den Bereich Service. Ich habe ein Facility Management aufgebaut. Von daher glaube ich, dass die Kenntnisse aus einem Unternehmen mit über 4000 Mitarbeitern, die Fähigkeiten und Erfahrung auf jeden Fall für ein Unternehmen wie eine Stadt nutzbar sind. Natürlich gibt es zusätzliche Aufgaben, beispielsweise in der städteplanerischen Organisation, aber das Wichtigste ist, diejenigen die das besonders gut können, entsprechend einzusetzen. Und sie zu unterstützen, dass sie ihre Aufgaben richtig gut machen können.

Als welchen Typ Grünen-Politiker würden Sie sich eher klassifizieren? Habeck, der Kumpel-und-Papa-Typ, oder die dynamische Annalena Baerbock, vielleicht aber auch der aggressive Toni Hofreiter, dem man zutrauen würde, sich beim Castor-Transport irgendwo anzuketten - oder eher der Joschka Fischer, der als Außenminister ja schon fast gar nicht mehr wirkte wie ein Grüner?

Naja, ich kandidiere ja nicht nur für die Grünen. Das war meine Bedingung. Die FWI halte ich als wertkonservative Gruppe für sehr wichtig. Die Linkspartei mit dem klassisch sozialdemokratischen Spektrum. Alle drei Spektren sind in einer Person vereinigt. Ich würde mich nicht mit irgendeinem Politiker vergleichen. Joschka Fischer zum Beispiel hat mal Pflastersteine geworfen, eine Wandlung durchgemacht wie jeder Mensch in seinem Leben. Ich glaube, dass ich ein sehr pragmatischer Mensch bin. Das wird auch notwendig sein, denn ich gehe nicht davon aus, dass ich als Bürgermeister eine Mehrheit für alle Fragestellungen habe, die jetzt gerade Thema sind. Man muss immer versuchen, mit Kompromissen die Mehrheit im Rat zu finden. Des weiteren bin ich ein Mensch, der versucht, empathisch Menschen wahrzunehmen, ihre Fähigkeiten, ihre Potenziale zu erkennen und sie nach vorne zu bringen. Wenn ich mich dahingehend beschreiben würde, würde ich sagen, ich bin ein bisschen von alledem, was Sie gerade aufgezählt haben.

Manfred Fiedler hofft auf ein Ergebnis von um die 30 Prozent bei der Bürgermeisterwahl. Die Hoffnung resultiert aus einer Addition der Stimmergebnisse von Grünen, Linken und FWI bei der vergangenen Stadtrats-Wahl.

Manfred Fiedler hofft auf ein Ergebnis von um die 30 Prozent bei der Bürgermeisterwahl. Die Hoffnung resultiert aus einer Addition der Stimmergebnisse von Grünen, Linken und FWI bei der vergangenen Stadtrats-Wahl. © Tobias Weckenbrock

Was mussten Sie tun, um die Freie Wähler-Initiative und die Linkspartei zu überzeugen, dass Sie deren Kandidat sind?

Eigentlich war das gar nicht so viel Aufwand. Ich bin vor allem Sozialpolitiker. Ich habe im Sozialausschuss und vielen Arbeitsgruppen mitgearbeitet. Die haushaltspolitische Fragestellung war auch mein Kernthema, und damit die Fragestellung der Be- und Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern. Die FWI schaut stark auf den haushaltspolitischen Aspekt, aber auch die Fragestellung beispielsweise des Ausbaus von Fernstraßen (B474n, Anm. d. Red.), wo sie mit den Grünen deckungsgleich sind. Und der sozialpolitische Aspekt ist für die Linkspartei sehr wichtig. Im ökologischen Bereich haben beide sehr viele Überschneidungen mit den Grünen.

Sie mussten sich nicht anpassen?

Eigentlich nicht. Beispiel FWI: Die Abgabe für Anlieger beim Straßenausbau, finde ich genauso ärgerlich. Das war eines der wichtigen Themen für die FWI, und das finde ich genauso richtig. Bei der Linkspartei finde ich eine sozialpolitische Agenda, die ich eigentlich schon immer hatte. Ich bin Mitglied in verschiedenen Organisationen, war mal Gewerkschaftssekretär, bin auch heute noch aktiv bei Attac.

Wir haben fünf Kandidaten, alles Männer. Wäre es nicht gerade Aufgabe der Grünen gewesen, eine Frau ins Rennen zu schicken?

Ja, das hätte ich auch gerne gehabt. Aber die Grünen haben keine Kandidaten gefunden, die es machen wollten – erst recht keine Kandidatin. Frauen, die jetzt bei uns aktiv sind, sind sehr frisch dabei, ein großer Teil gehört zur Grünen Jugend. Ich glaube nicht, dass die schon Bürgermeisterin werden wollten. Ich hätte es trotzdem gut gefunden, wenn es da eine Bereitschaft zur Kandidatur gegeben hätte. Aber es stand tatsächlich niemand zur Auswahl. Aber es ist schon schade, dass von den fünf KandidatInnen mit groß-„i“ alles Kandidaten sind. Für eine Stadt wie Castrop-Rauxel ist das kein gutes Zeugnis. Aber es ist jetzt nicht zu ändern. Ich bin ja relativ spät auf den Zug aufgesprungen, weil sich aus den drei Parteien niemand gefunden hat. Wir hätten möglicherweise auch einen gemeinsamen Kandidaten aus der Linkspartei oder der FWI akzeptiert. Da gibt es durchaus ein paar Frauen, die auch vorne weggehen. Aber auch die wollten nicht für das Amt des Bürgermeisters kandidieren.

Gucken wir mal ein bisschen zurück. Was war in der letzten Ratsperiode der größte Fehler, den die Grünen, für die Sie im Stadtrat sitzen, gemacht haben?

Der größte Fehler war für mich, dass wir bei der Schulpolitik keine klare Note gezeigt haben. Wir haben das Thema früh aufgegriffen. Ich hatte schon vor über zwei Jahren mit unserer Fraktion darüber gesprochen, dass wir das Thema integrierte Schule für den Nordteil der Stadt diskutieren sollten. Ich hätte es gerne gesehen, dass wir dort kreativer und innovativer nach vorne gegangen wären.
Der Fehler lag darin, dass wir das Gefühl hatten, dass das Konzept der Sekundarschule ein Grünes zu sein hätte. Dabei ist es kein grünes Konzept, sondern auf Landesebene ein Kompromiss der damaligen Landesregierung aus FDP und CDU mit den Oppositionsparteien, ohne, dass es eigentlich in die schulpolitische Landschaft richtig integriert werden konnte. Deswegen war es auch zum Scheitern verurteilt. Das merkt man leider auch in Castrop-Rauxel. Die Sekundarschule hat später all die Schüler aufgenommen, die in anderen Schulformen nicht mehr integriert werden konnten. Das führte dazu, dass sie keine integrierte Schule sein konnte. Ein Dilemma, das die Schulleitung zugegeben hat. Wir haben das nicht offensiv aufgenommen. Das halte ich für einen Fehler.

Fiedler engagierte sich als Kommunalpolitiker vor allem im Bereich Soziales und Finanzen.

Fiedler engagierte sich als Kommunalpolitiker vor allem im Bereich Soziales und Finanzen. © Tobias Weckenbrock

Was würden Sie dem Bürgermeister vorwerfen, was er in den letzten fünf Jahren total falsch gemacht hat?

Wir haben mit dem alten Bürgermeister ein Projekt begonnen zur Inklusion, das hat meines Erachtens nach ganz gut begonnen. Es gab vier Arbeitsgruppen, auch nicht nur mit Politikern besetzt. In der Arbeitsgruppe, in der ich selbst tätig war, war ich glaube ich der einzige Politiker aus dem Rat. Es waren Bürgerinnen und Bürger, die sich für das Thema engagiert haben, dazu Verbandsvertreter aus unterschiedlichen Initiativen. Und dann ist dieses Projekt im Grunde genommen bis heute nicht erfolgreich zu Ende geführt worden. Wir wollten jetzt noch nichts umsetzen, sondern einfach eine Planung haben. Inklusion ist ein rechtlicher Auftrag der Stadt. Das ist aus meiner Sicht nicht gelungen. Ich halte das für einen schweren Fehler.
Der Zweite ist, dass wir das Konzept der Inklusion mit dem Konzept im Sinne einer sozial-ökologischen Stadtentwicklung nicht verbunden haben. Da ist nichts passiert. Wir machen jetzt Stadtentwicklung ausschließlich in Hinsicht auf Wohnraum-Gewinnung und Flächen-Ansiedlung für Externe. Das ist für mich kein Zukunftskonzept, weil wir wissen, dass Boden rar ist und dass wir im Grunde genommen sowohl Wirtschaftsentwicklung als auch soziale Entwicklung integrieren müssen.

Sie haben wahrscheinlich eine Prioritätenliste, was Sie tun, wenn Sie Bürgermeister sind. Die beiden Themen stehen auf eins und zwei?

Inklusion steht garantiert als soziales Thema sehr weit oben. Es gibt noch viele andere Themen, wo ich sage, das gehört mit dazu...

...aber was ist das Wichtigste für Sie?

Das wichtigste ist für mich, dass die Stadtverwaltung so ermächtigt und umgestaltet wird, dass sie unter schwierigsten Bedingungen, die wir jetzt durch Corona erst recht haben, ihre Aufgaben gut bis bestens erledigt.

Wie soll das gehen, wenn man nicht mehr Personal bekommt?

Da kommt meine Erfahrung als Manager aus dem Krankenhausbereich ins Spiel. Ich musste in jedem Jahr Personal abbauen. Wichtig ist, sich genau anzugucken, wie die Prozesse sind, welche Anforderungen in einzelnen Bereichen liegen.

Rajko Kravanja tut das nicht?

Ich greife ihn tatsächlich ein wenig an, was ich ansonsten nicht gerne tue, weil ich finde, dass es wichtiger ist, sich selbst zu präsentieren und nicht die anderen anzugreifen: Wir haben sehr frühzeitig in allen Parteien das Thema Personalentwicklung diskutiert. Dazu gehört ein Konzept. Welche Qualifikation brauche ich wo? Das wurde durch einen Antrag von FWI und CDU unterstrichen und einstimmig beschlossen. Doch bis heute ist nichts passiert. Herr Lind von der CDU hat sogar im HFA einmal gesagt, das Thema sei überschätzt.
Ich sag mal so: Als Manager in einem Unternehmen kann man nichts wichtiger finden, als das Personal zu entwickeln, dass es seine Aufgaben bestmöglich erledigen kann. Wenn man dafür keinen Plan hat, ist man als Manager nicht geeignet.

Die heißen Kandidaten sind naturgemäß die der SPD und der CDU. Würden Sie sagen, Herr Lind wäre der bessere Manager fürs Rathaus und für die Stadt als Kravanja?

Das kann ich schwer beurteilen. Linds Aussage habe ich schon genannt, aber ich auch eine Aussage des Bürgermeisters nicht viel besser, als er sagte, er habe doch einen Personalentwicklung-Plan, damit aber den mit den „Kann wegfallen“-Stellen im Rathaus meinte. Das ist keine Personalentwicklung, es ist nur eine quantitative Festlegung, wo Stellen in Zukunft wegfallen müssen. Ich bin unentschlossen, wer jetzt der bessere Manager wäre, aber ich muss ja auch nicht Werbung für die Beiden machen.

Sie halten sich für den besten, das ist ja schon mal eine sehr gute Voraussetzung vor einer Wahl. Bei der letzten Kommunalwahl sind Sie auch angetreten, damals nur für die Grünen. Sie haben 8,4 Prozent geholt. Wieviel wollen Sie denn diesmal holen?

Die potenziellen Wahlergebnisse der drei Parteien zusammengefasst, wären wir bei einem Potenzial von 25 bis 30 Prozent. Mir ist in vielen Gesprächen beim Rundgang durch die Stadt aufgefallen, dass ich die Menschen stärker erreichen kann als vor fünf Jahren. Man kennt mich inzwischen besser. Bei einer Fahrradtour vor ein paar Wochen hat mir jemand hinterher gerufen. Die Kenntnis meiner Person ist größer geworden, deswegen glaube ich, ein Ergebnis von 30 Prozent eine realistische Einschätzung wäre.

Letzte Frage, ganz kurze Antwort bitte: Wenn Sie nicht Bürgermeister werden, kommen Sie nicht in den Stadtrat. Sie sind auf der Reserveliste der Grünen relativ weit hinten...

... ich muss Sie korrigieren. Ich bin gar nicht auf der Reserveliste. Ich habe das als Bedingung gestellt, damit ich kein Kandidat einer Partei bin.

Das heißt, Sie werden nicht mehr im Stadtrat sein...

Ja, und das hat auch einen Grund: Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass das für mich kein Lebensstil ist, Ratsmitglied zu werden. Man ist da viel zu vielen Kompromissen ausgesetzt, und der Umgangston ist teilweise einfach sehr unmenschlich. Ich habe mir vorgenommen, als Bürgermeister diesen Umgangston zwischen den Parteien zu verbessern. Ich finde unerträglich, wie dort menschlich miteinander umgegangen wird. Das möchte ich mir nicht mehr als Ratsmitglied antun.

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