Bus und Bahn fahren für 1 Euro am Tag: Ist das in Castrop-Rauxel möglich?

rnÖffentlicher Nahverkehr

Bus und Bahn fahren für 1 Euro am Tag: Das hat die SPD im Bund vorgeschlagen. In Wien gibt es das 365-Euro-Ticket bereits. Für Castrop-Rauxel und die Region hat der VRR eine andere Idee.

Castrop-Rauxel

, 14.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Jahr lang Bus und Bahn fahren. So viel man will. Für 1 Euro am Tag? Das klingt verlockend und ist ein Vorschlag der SPD im Bund. In ganz Deutschland soll das 365-Euro-Jahresticket nach Willen der SPD eingeführt werden. Doch ist so etwas in Castrop-Rauxel möglich?

Vorreiter und Vorbild eines 365-Euro-Tickets ist die Stadt Wien. Dort wurde diese Fahrpreisermäßigung bereits 2012 erfolgreich eingeführt. Allerdings seien die Voraussetzungen andere gewesen als zum Beispiel bei DSW21, erläutert Unternehmenssprecher Frank Fligge: „Das Wiener Modell hatte einen Vorlauf von 15 bis 20 Jahren.“ DSW21 bedient in Castrop-Rauxel die Linien 480, 481, 482 und NE11.

VRR glaubt, 365-Euro-Ticket greift zu kurz

Zunächst habe man in Wien die Infrastruktur und das Netz für viele hundert Millionen Euro erheblich ausgebaut, in zusätzliche Busse und Bahnen investiert, mehr Linien geschaffen und die Takte verdichtet. Erst dann habe man das 365-Euro-Ticket eingeführt und sei dem Ansturm gewachsen gewesen.

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Wien ist eine Großstadt ohne dazugehörigen Ballungsraum. Das ist im Ruhrgebiet anders. Alleine in Castrop Rauxel sind mit DSW21, Bogestra, HCR und Vestische vier Unternehmen beteiligt, die alle zum Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) gehören.

Und der winkt ab: „Der VRR ist der festen Überzeugung, dass lokale oder klein-regionale Versuche oder Pilotprojekte zu kurz greifen, gerade wenn diese sich auf Preissenkungsstrategien wie 365-Euro-Tickets oder kostenlosen ÖPNV in einzelnen Kommunen beschränken“, erklärt VRR-Sprecherin Sabine Tkatzik.

Bewerbung im Klimaschutzprogramm zur Modellregion

Doch Fridays-for-Future ist auch am VRR nicht spurlos vorbeigegangen. Tkatzik betont, dass globale Faktoren wie die Klimakrise und die Begrenztheit von Ressourcen Strategien für eine Verkehrswende erfordern. Wie das gehen kann, hat sich ihr Team jetzt überlegt. Der Plan ist, sich bei der Bundesregierung als Modellregion im Rahmen des Klimaschutzprogramms 2030 zu bewerben und so Fördermittel zu organisieren.

Ziel ist es, mehr Menschen für den klimafreundlichen ÖPNV zu begeistern und den Umstieg zu erleichtern. Damit das gelingt, braucht es nach Angaben des VRR zwei Komponenten:

Dichtes Netz und attraktive Preise

1. Ein dichtes, zuverlässiges und hochwertiges ÖPNV-Angebot, ergänzt um vernetzte andere öffentliche Mobilitätsformate wie Bike-/Car-Sharing, damit der ÖPNV als wirkliche Alternative gewählt wird. Das erfordert den Ausbau der Infrastruktur und die Beschaffung neuer Fahrzeuge und die Ausweitung des Fahrplanangebots.

Derzeit fährt der Bus von Deininghausen nach Rauxel beispielsweise nur zweimal in der Stunde. Wer abends nach Hause will, hat um kurz nach 22 Uhr die letzte Chance, um vom Münsterplatz nach Deininghausen zu kommen. Da lauert noch Potenzial.

2. Eine attraktive, leicht verständliche Preisgestaltung. Der VRR ist nach eigenen Angaben bereit, den aktuellen Tarif einer fundamentalen Neuordnung zu unterziehen. Ausdrücklich wird kein 365-Euro-Ticket-Modell vorgeschlagen, sondern eine Kombination aus zwei Preisstufen und zwei Ticketarten.

Bus und Bahn fahren für 1 Euro am Tag: Ist das in Castrop-Rauxel möglich?

© IW

All diese Ideen kosten eine Stange Geld. Nach Angaben des VRR umfasst der Förderbedarf für die tariflichen Komponenten jährlich rund 221 Millionen Euro und wird damit Gegenstand des Förderantrags an den Bund.

Frank Fligge betont, dass die Umstrukturierung ein weiter Weg ist, an dem auch die Städte beteiligt sind, die regelmäßig Politiker in die Verbandsversammlungen der Zweckverbände schicken und so bei der Entscheidungsfindung mitwirken: „An erster Stelle steht die Klärung der Finanzierungsstrukturen durch die Politik, zweitens Investitionen in Infrastruktur, Fahrzeuge, Personal, drittens Ausweitung des Angebots.“ An vierter Stelle stünde dann die Diskussion über die Preisstruktur. „Die Reihenfolge muss stimmen, dann wird kein Verkehrsunternehmen nein sagen“, so Fligge.

Und weiter: „Würden wir in Dortmund ab morgen das 365-Euro-Ticket einführen und ab übermorgen im ÖPNV die 38-Prozent-Quote erreichen, die Wien aktuell ausweist, wären wir einem solchen Fahrgastzuwachs nicht gewachsen. Es würde unsere Kapazität sprengen. Dasselbe gilt für Castrop-Rauxel.

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