Castrop-Rauxeler Flüchtlingshilfe zieht Bilanz

Großes Interview

Für die Integration von geflüchteten Menschen in Castrop-Rauxel engagieren sich viele Menschen: Auch Sandra Stegemann und Jürgen Kahl helfen als Mitglieder des Vereins Flüchtlingshilfe. Im großen Interview ziehen sie Bilanz: Wie hat sich die Stimmung Flüchtlingen gegenüber entwickelt? Und was leisten die Helfer ganz konkret?

CASTROP-RAUXEL

, 09.12.2016, 05:21 Uhr / Lesedauer: 12 min

Das gesamte Interview gibt es auch zum Hören. Klicken Sie hier!

 

Flüchtlingshilfe. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?

Jürgen Kahl: Die Flüchtlingshilfe hat sich Ende März 2015 gegründet, als ein Zeitungsbericht der Ruhr Nachrichten veröffentlicht wurde. Darin ging es um die Anmietung von Wohnraum für Flüchtlinge in der Voerdestraße durch die Stadt. Dieser Bericht wurde in der Facebook-Gruppe „Du bist Castroper, wenn...“ geteilt. Daraus ergab sich eine sehr kontroverse Diskussion und Debatte.

Im Laufe dieses Diskussionsfadens, der sich über 24 Stunden hinzog, haben wir festgestellt, dass viele der Flüchtlingsthematik positiv gegenüberstehen und helfen wollen, dass die Menschen, die zu uns kommen, sich vernünftig in unsere Gesellschaft integrieren können. Wir haben uns dann aus der großen Castrop-Rauxeler Facebook-Gruppe herausgelöst und eine separate gegründet, in der am selben Abend schon 70 Personen aktiv waren. Diese Gruppe ist dann nach und nach gewachsen. Sandra Stegemann und ich gehören zu den Gründungsmitgliedern.

 

Die Gruppe gibt es bis heute...

Kahl: Ja, der ursprüngliche Name „Refugees Welcome“ ist eingedeutscht worden. 1500 Leute sind darin heute. Zudem gibt es einen eingetragenen Verein Flüchtlingshilfe Castrop-Rauxel e.V.

 

 

Der ist gegründet worden, Frau Stegemann - aber warum eigentlich?

Sandra Stegemann: Ich verstehe  mich als aktive Helferin, aber es war einfach rechtlich notwendig, den Verein zu gründen. Wir konnten keine Räume anmieten, bestimmte andere Dinge nicht weiterführen, ohne den Verein zu gründen. Darum haben wir das mit sehr wenigen Leuten einfach gemacht. Heute haben wir etwa 50 Mitglieder, aktive und passive. Wir zapfen so gerne mal einen Spendentopf an...

 

... das kann ein Verein vermutlich auch besser als Privatleute...

Stegemann: Ja, natürlich. Wir haben in Castrop ein wunderbares Willkommensfest gefeiert, ganz am Anfang. Da gab es auch Berichte in den Ruhr Nachrichten. Viele aktive Helfer schlossen sich damals zusammen und stellten ein Fest mit 500 Teilnehmern auf die Beine. Es war ein wunderschöner Tag, zu dem Edeltraud Kluft noch viel mehr erzählen könnte. Der Vorbereitungsaufwand war schon groß. Viele Leute haben uns damals an den Infoständen Scheine in die Tasche stecken wollen - aber wir durften kein Geld annehmen. Da kam das erste Mal die Idee auf.

 

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Es gab die Initiative bei Facebook. Wie war eigentlich 2015 die Stimmung im Netz? In Selm, wo ich zu der Zeit gearbeitet habe, gab es insgesamt auch viele Ängste und Unsicherheit der Einheimischen. Auch bei der Bürgerversammlung für die Voerdestraße - gab es da nicht auch Anti-Stimmung?

Kahl: Die Stimmung war gemischt. Es gibt immer wieder die Leute, die Angst haben, dass ihnen was weggenommen wird, dass sie auf Sozialhilfesätze verzichten müssen. Dass Flüchtlinge ihnen die Gartenzäune klauen, ihre Keller ausräumen - das gibt es. Aber der überwiegende Teil der Bevölkerung stand der Sache neutral oder auch positiv gegenüber. Die Leute haben vielfach Hilfe angeboten.

 

In welcher Form denn?

Stegemann: Am Anfang, als die Janusz-Korczak-Gesamtschule ein großes Erstaufnahmelager war, da waren dort ja die Leute, die noch auf andere Kommunen zugewiesen werden mussten, die hier aber warm und sicher untergebracht werden mussten. Darunter waren viele, die in kurzen Hosen und Sandalen ankamen und keine Jacken oder gar überhaupt etwas zum Wechseln dabei hatten. Die sind aus den Zügen ausgestiegen und hatten nichts bei sich, was sie nicht am Leibe trugen.

 

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Da waren viele anstrengende Momente, aber unter den Helfern und Flüchtlinge eben auch tolle Situationen dabei. Viele Helfer wurden damals von städtischen Mitarbeitern angerufen: „Da kommt jetzt in drei Stunden ein Bus“, hieß es dann, und dann mussten die Menschen eingekleidet werden. Das waren Aktionen, wo die Damen und Herren teilweise ihre komplette Freizeit geopfert haben. Das ist unglaublich. Jetzt, wo sich die Situation gesetzt hat, kann man sich das kaum noch vorstellen.

 

Das war die Phase, als die Züge an der Drehscheibe in Dortmund ankamen, als ein ganzes Kulturzentrum nördlich des Dortmunder Bahnhofs für die Ankünfte genutzt wurde. Da war eine Euphorie-Situation, Willkommenskultur war da als Stichwort sehr groß. Ist das danach abgeflaut? Oder was ist heute davon geblieben?

Stegemann: Abgeflaut insofern, dass die vielen Menschen inzwischen hier angekommen sind. Sie haben jetzt Wohnungen, teilweise schon ihre Familien nachholen können. Die möchten jetzt normalen Alltag erleben, sie möchten nicht Flüchtling sein, sondern Deutschkursteilnehmer, Vereinskollege oder Auszubildender sein. Das genießen die Leute ja auch. Und was ich oft erlebe heute ist: Viele von denen unterstützen uns Helfer inzwischen bei unserer ehrenamtlichen Arbeit. Ohne die kämen wir gar nicht klar.

Im Lager gibt es ein Team mit 20, 30 Leuten. Was das auf die Beine stellt, ist genial. Das war erst chaotisch, musste sich finden und ist heute so ein herzliches, tolles Team - wenn Sie da mal mittendrin sind, auch mit den vielen Menschen mit Fluchterfahrung, erleben Sie einfach eine schöne Stimmung. Praktisch ist, dass diese Menschen mit dolmetschen und helfen können.

 

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Ist denn das gezeichnete Bild nicht schon zu rosig? Die Leute lernen Deutsch, einige sind in Ausbildung - ist man hier wirklich schon so weit, hat man die Leute schon so gut ins gesellschaftliche Leben untergebracht?

Stegemann: Nach und nach...

Kahl: Genau das war das, was wir uns zum Ziel gesetzt haben im vergangenen Jahr. Wir wollten den Leuten nicht Essen reichen oder ihnen Mobiliar für eine Wohnung geben, sondern wollten sie dazu bringen, sich selbständig zu verhalten und ihren Alltag zu bestreiten.

Die Leute der ersten Stunde haben wir noch an die Hand genommen, ihnen die Wege gezeigt und wie sie sich in der Stadt, bei Ämtern und Behörden orientieren. Wir haben denen geholfen, dass sie sich mit Bus und Bahn auskennen. Mittlerweile haben die aber ihre eigenen Gruppen, in denen sie sich untereinander austauschen - in denen die Flüchtlinge aus der ersten Stunde Hilfestellung geben.

Es ist sogar schon so weit, wie ich kürzlich mitbekam, dass jemand Angst hatte vor einem Fruchtsaftgetränk: Auf der Packung des Blutorangensafts stand „mit Fruchtfleisch“. Da haben unsere Nachbarn Angst bekommen, ob da Fleisch im Saft sei. Das sind Kleinigkeiten, bei denen sie sich helfen können - da läuft es dann, man kann sich selbst zurücklehnen und sieht, wie sie diese Dinge untereinander lösen. Man muss gar nicht mehr großartig einschreiten.

 

 

Stegemann: Andererseits gibt es noch viele Beispiele, in denen Helfer als Paten Familien oder andere Flüchtlinge begleiten. Dorothee und Cathrin bringen immer noch gern fast ihre komplette Freizeit dafür auf, Menschen im Alltag zu unterstützen. Sie gehen mit zu Behörden, helfen bei Anträgen. Die Caritas mit Astrid Dähnke und den anderen macht das spitzenmäßig, die machen einen Riesenjob, haben ja auch die Dolmetscher da.

Aber was die Paten leisten, von denen ich mit Sicherheit nur einen Bruchteil kenne... Man lernt eine Familie kennen. Dann hilft man bei einer Geburtsurkunde, geht zum Standesamt. Dann ist die eine Sache erledigt, dann kommt die nächste. Und diese Menschen haben ja die gleichen Probleme wie andere Castrop-Rauxeler auch: Es gibt zu wenig Kita-Plätze, man versteht ein Formular nicht... Ich habe noch nie solche Gelder beantragt - aber als der erste im Lager mich bat, ihm drei Bescheide zu erklären, da habe ich eine halbe Stunde gebraucht, bis ich die selbst verstanden hatte.

 

Als Muttersprachlerin...

Stegemann: Ja. Was die Paten da leisten... Und man darf nicht vergessen: Wenn sie was falsch machen, kann das ja auch für sie persönlich Konsequenzen haben. Das ist unbezahlbar. Vieles läuft mit anderen unter Kollegen- und Nachbarschaftshilfe. Ist gibt ja eine Welt neben Facebook und wir bekommen längst nicht alles mit, was geleistet wird.

 

 

Bei Facebook kann man zwar nett auch mal was mitlesen, es kann aber auch hinderlich sein. Viele haben sich so vernetzt, es haben sich Freundschaften entwickelt. Ich glaube nicht, dass die Hilfe weniger geworden ist. Es wäre nur schön, wenn es neue Leute gäbe - weil es doch Helfer gibt, die ein bisschen müde sind. Wir haben alle eine Familie, Kinder, zum Teil kleine, gehen arbeiten - und wir sind froh über jeden neuen Helfer.

 

Was ist denn heute die Hilfe? 2015 kam die große Welle, in der es vor allem um die Versorgung mit Lebensnotwendigem ging. Was tut man denn als Flüchtlingshelfer - jetzt mal abgesehen von der Patenschaft.

Stegemann: Die häufigsten Anfragen sind zurzeit: Ich brauche eine Wohnung. Auch hier: dieselben Probleme, die auch viele andere Castrop-Rauxeler haben.

 

 

Also Flüchtlinge, die die Anerkennung haben und damit Geld vom Jobcenter bekommen, verlassen die Einrichtungen und suchen Wohnungen... Wie kann man denn da helfen?

Kahl: Indem man ganz einfach im Wohnungsmarkt selber schaut oder vernetzt ist und etwas von freien Wohnungen hört. Denn selbst wenn die Flüchtlinge Deutsch können, ist es schwer für sie, sich passende Angebote rauszusuchen, weil nicht alle Details, Kürzel und sowas direkt verstanden werden. Da kann man vermitteln und unterstützen.

Das sollte aber auch Persönlichkeit bekommen: Man sollte Kontakte knüpfen. Das muss nicht wie eine Patenschaft sein. Es entstehen Freundschaften, Familien kommen zusammen. Unsere neuen Nachbarn finden sich in unseren Kulturkreis, in unsere Stadt ein. Dann wird man mal zum Essen eingeladen, bekommt afrikanische oder arabische Küche, unternimmt Freizeitaktivitäten gemeinsam.

Das ist sehr vielschichtig und läuft ohne festes Programm. In den Facebookgruppen sieht man vielleicht ein Zehntel davon - es wird einfach gemacht und es spricht keiner mehr darüber. Wenn ich mit alten Bekannten was unternehme, schreibe ich das ja auch nicht in eine Gruppe oder die Zeitung. Es wird einfach geholfen, ohne das an die große Glocke zu hängen - und das ist auch gut so.

 

Viele Leute, die mit dem Thema und mit den Menschen selbst nichts zu tun haben (wollen) unterstellen den Flüchtlingen, sie wollen sich gar nicht integrieren, sie wollen nur den Islam ausbreiten. Wie nehmen Sie das wahr? Wie ist es wirklich?

Kahl: Ich kann das überhaupt nicht bestätigen. Wir respektieren unsere Religionen und sind eher interessiert an der Religion und den Bräuchen des jeweils anderen Glaubens, ohne dass auch nur ansatzweise ein Missionieren zu erkennen ist. Mich hat es soweit gebracht, dass ich mich intensiver mit meinem christlichen Glauben beschäftigt habe, um aufkommende Fragen zu beantworten und durfte den Islam als absolut friedliche und friedliebende Religion kennenlernen.

Speziell in Syrien gab und gibt es eine friedliche Koexistenz von Islam und Christentum und nach den Kriegserlebnissen sind die Menschen einfach froh, bei uns zu sein und in Frieden zu leben. Wer mit den Menschen spricht, sich etwas erzählen lässt über deren Leben, der merkt schnell, dass diese Menschen ein Querschnitt unserer Gesellschaft sind. Akademiker sind dabei, Handwerker, Unternehmer - die jetzt versuchen, neu Fuß zu fassen.

 

Mit der Perspektive, hier fest bleiben zu wollen? Oder hoffen viele von ihnen, dass der Krieg in Syrien endet und sie bald zurückkehren können, um das eigene Land in Frieden wieder aufzubauen?

Stegemann: Ich erinnere mich an ein Gespräch im vergangenen Jahr mit einem Mann um die 30. Er war bei uns, die Kinder spielten im Garten, und dann habe ich ihn das gefragt. Er sagte: Ich will in meinem erlernten Beruf arbeiten, ich will auch Kinder haben. Aber wann ist das denn? Wann ist der Krieg denn zu Ende? Wann kann ich zurückkehren? Bis dahin sind doch mindestens zehn Jahre um. Soll ich dann hier auch wieder alles zurücklassen und wieder ganz von vorne anfangen. Er sagte: Wenn der Krieg jetzt schnell endet, würde ich gerne zurückgehen. Wenn ich aber hier gut klar komme, bleibe ich auch gerne hier. Und so würde doch jeder von uns auch denken.

Wie Jürgen sagte: Es ist ein Querschnitt durch die ganze Gesellschaft. Alle Helfer mussten sich angewöhnen, auch mal nein zu sagen. Nein, ich bin jetzt müde, nein, ich kann jetzt nicht, nein, ich muss mich um meine Familie kümmern. Und klar: Es kommen sehr integrationswillige Menschen, aber durchaus auch Menschen, die ich auch dann nicht leiden könnte, wenn sie in Castrop geboren wären. Das ist einfach so.

 

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Einige kann man gut leiden, die integriert man auch in seinen Freundeskreis - andere sieht man lieber von hinten als von vorne. Das heißt nicht, dass man ihnen nicht hilft, wenn es nötig ist. Aber von Anfang an haben alle Helfer gesagt: Wir möchten sie lehren zu fischen und ihnen nicht die Fische schenken. Daran halten sich viele Helfer auch, um die eigene Nervengesundheit aufrecht zu erhalten. Die große Politik werden wir nicht ändern, den Krieg nicht beenden. Aber wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten hier helfen, dieses Menschen zu integrieren - wenn sie denn mithelfen. Die meisten möchten das.

Kahl: Kannst du dich erinnern, was wir in der Gründungsphase gesagt haben? Wir wollen den Menschen eine Bedienungsanleitung für Deutschland in die Hand geben, damit sie zurechtkommen. Sie kommen in ein fremdes Land, wissen relativ wenig darüber, sind aber sicher vor Kriegshandlungen. Wie es weiter geht, das wissen sie nicht. Sich da zu orientieren, da wollen wir helfen.

 

Die Bearbeitung der Asylanträge läuft jetzt recht schnell. Es gibt dadurch auch viele Menschen, deren Antrag abgelehnt wird. Bis zur Abschiebung... Wie ist das für die engen Helfer?

Stegemann: Cathrin, eine junge Frau, hat ganz vielen Familien geholfen. Und von den elf Familien, denen sie half, waren zehn weg - innerhalb weniger Wochen. Das ist der Moment, an dem man ihr wirklich angemerkt hat: Das ist das Limit. Man weiß das natürlich, es ist Recht und Gesetz, aber das dann tatsächlich umgesetzt zu sehen, ist etwas ganz anderes. Da haben wir alle ordentlich geschluckt - denn es war ja praktisch die komplette Voerdestraße. Bis auf eine oder zwei Familien, glaube ich, ist niemand mehr hier.

Kahl: Ich hatte mit den Menschen vom Balkan nicht so einen engen Kontakt, das waren andere aus unserer Gruppe. Aber was mich stark beschäftigt, ist die politische Problematik rund ums Dublin-Abkommen. Da sind Flüchtlinge gezwungen worden, in Bulgarien oder Ungarn ihren Fingerabdruck abzugeben. Ihnen wurde die Unwahrheit erzählt, dass das schon ein Asylantrag sein. Dann wurden sie nicht weiter behandelt, hatten keine Unterkunft kein Essen, ein Leben auf der Straße.

Dann kamen diese Menschen über Österreich in großer Zahl zu uns. Das BAMF war überlastet, ist auch jetzt noch stark ausgelastet. Unter Bezugnahme auf das Dublin-III-Abkommen sollten sie dann nach Ungarn oder Bulgarien zurückgeschickt werden - aber Ungarn wehrte sich dagegen, überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen. Das hat für große Verunsicherung gesorgt.

 

 

Das Problem ist: Denen wurde die Abschiebung angekündigt, die Menschen bekamen damit auch keine Berechtigung mehr, an Integrationskursen teilzunehmen. Aber es stellte sich heraus, dass sie nicht abgeschoben werden können - weil Ungarn die Außengrenze mit 170 Kilometern Nato-Draht abgesichert hat und überhaupt keine Flüchtlinge annehmen will. Sie stehen jetzt in der Zwickmühle: In Deutschland werden sie nicht akzeptiert, nicht gefordert und gefördert. Und zurück nach Bulgarien oder Ungarn geht es auch nicht.

Diese Vernachlässigung schmerzt viele aus unserer Organisation. Die Menschen bekommen etwas Taschengeld, können nur in den Tag hinein leben, werden in Sammelunterkünften verpflegt oder können sich in eigenen Wohnungen mit etwas Kostgeld selbst verpflegen. Doch sie sind sich selbst überlassen. Klar, durch unsere Gruppe haben sie Kontakte, können die Freiwilligen-Deutschkurse besuchen. Aber sie kommen nicht weiter.

 

Und die Perspektive fehlt wahrscheinlich...

Kahl: Ja natürlich fehlt die dabei. Da ist dann die Verzweiflung irgendwann groß.

 

Wie hat denn die Stadt aus Ihrer Sicht die Herausforderungen 2015 und 2016 gemeistert? Erst kamen immer mehr Zuweisungen, dann kam die Landes-Notunterkunft und damit immerhin ein Zuweisungsstopp. Wie haben Sie das Handling empfunden?

Kahl: Das war von Anfang an aus meiner Sicht hervorragend. Wissen Sie, ich hatte vorher mit der Stadt als Behörde eigentlich nichts am Hut. Als wir die Gruppe gegründet hatten, haben wir Kontakt zum Bürgermeister aufgenommen - das sollte die Stadt schon wissen, dass es eine Gruppe gibt, sie sich in dieses Thema mit einschaltet.

 

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Uns war ja klar, dass die Stadt aus Kostengründen keinen Full Service wird leisten können. Das war ja auch der Grund für unsere Initiative damals. Wir hatten 14 Tage nach der Gründung den ersten Termin mit dem Bürgermeister. Nach vier Wochen hatten wir den ersten Lagerraum für Haushaltswaren. Die Stadt hat uns da hervorragend unterstützt, und auch bis heute ist die Zusammenarbeit mehr als toll. In der Ausländerbehörde und im Sozialbereich wird toll gearbeitet.

 

Und die Unterbringung? Es gab städtische Notunterkünfte in Turnhallen, Schulen... war das richtig oder ausweglos?

Stegemann: Was sollte die Stadt machen? Die Leute brauchten ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken. Anders ging es nicht. Das war eine sehr trubelige Zeit. Einige von uns hatten die Handynummer bei den Zuständigen der Stadt hinterlegt. Da ging zu jeder Tages- und Abendzeit das Telefon. Die Stadt hatte auch gerade erst erfahren, dass in drei Stunden ein Bus ankommt. Kann mal jemand kommen, war dann die Frage.

Die Essensausgaben liefen ehrenamtlich, wir mussten damals alle die Hygienescheine machen. Aber es war auch schön. Ich behaupte: Wir haben in dieser Zeit tolle Menschen kennengelernt, die wir anders in der Stadt nie kennengelernt hätten. Wenn jetzt noch mal so eine Situation käme: Alle würden an einem Strang ziehen. Nicht jeder harmoniert mit jedem, aber es haben sich auch echte Freundschaften entwickelt.

 

Wie viele sind denn von den 1500 Menschen in der Facebook-Gruppe richtig aktiv, auf die Sie bauen?

Stegemann: 60 bis 80 vielleicht.

Kahl: Ja, das sind die, die mehr oder weniger regelmäßig helfen. Aber wir haben von Anfang an gesagt: Alles ist freiwillig, nirgendwo steht ein Muster hinter. Keiner wird verpflichtet. Wo oder wie jemand helfen möchte, sucht er sich ganz alleine aus. In der Gruppe herrscht mehr oder weniger Anarchie.

Es sind auch Personen in der Facebookgruppe dabei, die einfach mal über den eigenen Gartenzaun schauen wollen. Aus Dortmund, Bochum, anderen Städten. Mit denen vernetzt man sich untereinander. Meine Kontakte gehen bis nach Saarbrücken - da habe ich mal einem Flüchtling geholfen. Oder es sind Leute dabei, die gelegentlich mal Spenden anbieten, spontan Möbeltransporte möglich machen. Das ist sehr unterschiedlich.

 

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Stegemann: Wir dürfen ja nicht nur auf Facebook schauen. Wenn man überlegt, was in der Kleiderkammer der Caritas läuft... das ist auch eine tolle Truppe. Oder die Tafel, wo alle Bedürftigen Lebensmittel bekommen. Es gibt viel ehrenamtliche Arbeit, in der auch ein bisschen Flüchtlingsarbeit drinsteckt, aber die allen Bedürftigen zugute kommt. Vieles davon findet nicht auf Facebook statt.

 

War denn Facebook trotzdem wichtig?

Stegemann: Natürlich.

Kahl: Das hat sehr gut funktioniert, um den Informationsaustausch aufrecht zu erhalten, Dinge und Treffen zu organisieren, Suchanfragen zu starten. Aber auch über die Tageszeitung haben wir Aufrufe gestartet.

Stegemann: Und wir haben eine spitzenmäßige Homepage. Tina Skulima ist professionelle Texterin, die Anfragen aus ganz Deutschland bekommen hat, ob andere Gruppen Dinge in abgewandelte Form übernehmen können. Das ist innerhalb von 48 Stunden aus dem Boden gestampft worden - es ist spitzenmäßig! Viele hilfreiche Informationen für Flüchtlinge in vielen Sprachen stehen dort gesammelt. Das ist übersichtlicher als Facebook, das manchmal auch ein Fleischwolf ist.

 

Die Plattform wird auch für Hasskommentare genutzt. Sind Sie eigentlich in den letzten zwei Jahren mal Opfer von Hassattacken geworden?

Kahl: Nein.

Stegemann: Ich habe damit gerechnet, aber es ist nicht eingetreten.

 

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Kahl: Wir haben uns zu Anfang äußerst vorsichtig in der Stadt und mit unseren Postings bewegt, weil wir nicht wussten, welche Mitglieder unsere Gruppe hat. Aber das hat sich eingespielt. In der Gruppe sind wir sowieso nie angefeindet worden, es gab einen oder zwei Fälle, in denen wir Mitglieder rausgeworfen haben. Dann hatte sich das aber erledigt.

 

Jetzt schauen wir in die Zukunft: Durch die Schließung der Notunterkunft kommen neue Zuweisungen auf Castrop-Rauxel zu. Vielleicht 300 bis 400 Leute im Frühjahr. Was kommt da auf die Stadt zu?

Stegemann: Wir haben regelmäßig Treffen mit der Stadt, darum ist uns das bewusst. Die Stadt hat ja Workshops angeboten, wo man die betreffenden Leute aus Ausländerbehörde, Sozialamt oder Jobcenter ausfragen konnte. Diese gefühlte Ruhe im Moment nutzen viele ganz bewusst. Sie sagen: Wenn jetzt keine Arbeit kommt, dann hole ich mir im Moment auch keine. Wir wissen: Es kommen Menschen. Wir wissen aber nicht wie viele und wie es wird. Aber wird sind dafür nun gut gerüstet, und ich glaube, dass dann auch neue Helfer dazu stoßen werden. Ich denke da positiv.

 

 

Kahl: Nach dem, was wir vergangenen Sommer und Herbst erlebt haben, kann uns jetzt nicht mehr großartig etwas erschüttern. Wir haben jetzt den Vorteil, dass wir Erfahrungswerte und Kontakte haben, dass wir wissen, wie der Hase läuft. Wir können also Netzwerke, die vielleicht eingeschlafen sind, schnell reaktivieren.

 

Müssen die Menschen denn dezentral in den Wohngebieten untergebracht werden oder in größeren Auffang-Einrichtungen?

Kahl: Natürlich! Was keiner haben möchte, ist eine Ghettobildung. Bestimmte Nationalitäten in einer Straße zusammenzubringen - dadurch kriegt man keine Integration hin. Wohnungsangebote kommen über das ganze Stadtgebiet verteilt. Das Schöne ist ja: Die Leute bewegen sich durch die Stadt, kommen unter Leute, müssen mit Einheimischen kommunizieren. Es ist doch schön, wenn in einem Mehrfamilienhaus drei bis vier verschiedene Nationen wohnen. Man muss sich miteinander abstimmen, kann voneinander lernen - was auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Das ist allemal besser, als dass sich die Leute in Straßenzügen abschotten.

Stegemann: Wobei viele Menschen froh sind, wenn sie überhaupt eine Wohnung bekommen. Es gibt ja leer stehende Wohnungen. Es gibt Bürger, die uns ansprechen und sagen: Ich kann doch mal fragen, die Wohnung steht seit einem Jahr leer. Ja, aber diese Wohnung steht dann eben für Flüchtlinge nicht zur Verfügung. Weil man nur ein Jahr Aufenthaltstitel hat zum Beispiel. Was Sie erleben, wenn Sie mit Flüchtlingen zu Wohnungsbesichtigungen gehen, ist unglaublich und oft frustrierend. Aber das ist in allen Städten so.

 

Das hat mit der Befristung der Aufenthaltsgenehmigung zu tun?

Stegemann: Es werden verschiedene Gründe genannt. Wenn Sie Vermieter sind und möchten einen bestimmten Mieter nicht, dann finden Sie einen Grund. Offiziell ist das natürlich nicht so, aber wenn Sie mit den Menschen mitgehen, dann ist es doch oft überall das gleiche.

 

 

 

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