Corona und Kirchen: „Hut ab vor denen, die stundenlang für Hygiene sorgen“

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Sollen Kirchgänger auf Gottesdienstbesuche verzichten? Die Frage, ob das hilft, um Corona-Risiken zu vermeiden, treibt Gläubige in Castrop-Rauxel um. Nun äußern sich zwei Pastöre.

Castrop-Rauxel

, 15.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Worauf sollen Menschen in dieser Phase der Corona-Pandemie verzichten, da das Ansteckungsrisiko aufgrund erhöhter Infektionslage zunimmt? Castrop-Rauxels Bürgermeister Rajko Kravanja hat dazu am Wochenende Vorschläge gemacht. Einer davon sorgt nun für Aufregung: Sollten Gläubige weiter Gottesdienste besuchen?

Kravanja hatte in einem Telefonat mit unserer Redaktion am Samstag an alle Bürger appelliert, vorsichtig beim Besuch von Veranstaltungen zu sein. Unter anderem hatte er das Thema Kirche angesprochen. „Man kann nichts verbieten, aber es wäre doch zu überlegen, ob man eine Woche auf Gottesdienste verzichten kann“, so Kravanja wörtlich. Es gehe ihm darum, symbolische Zeichen zu setzen. Es müsse in die Köpfe der Menschen hinein, wohl wissend, „dass die Menschen nach Gesellschaft lechzen“.

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Kirchliche Veranstaltungen in Deutschland waren schon Auslöser für vermehrte Infektionen. In den drei größeren, bundesweit bekannt gewordenen Fällen handelte es sich allerdings um Freikirchen. In Castrop-Rauxel gibt es bisher keine Vorkommnisse.

CDU fuhr Breitseite gegen den Wahlsieger

Die CDU in Person von Sprecher Michael Fritsch (Gemeinde St. Elisabeth) und Ratsmitglied Fabian Kaese (Gemeinde St. Antonius), zwei kirchennahen Bürgern, hatte die Worte Kravanjas zum Anlass für eine Breitseite gegen den Wahlsieger genommen. Sie warfen dem „konfessionslosen“ Bürgermeister (O-Ton Fritsch) vor, er missachte dabei, dass Ansteckungen aus dem Kirchenumfeld bisher nicht bekannt seien. Das liege auch daran, dass die Hygiene-Maßnahmen bis heute sehr streng eingehalten würden.

Eine Tatsache, die Rajko Kravanja nicht bezweifelt. „Bürgermeister Kravanja ist bewusst, dass gerade in den Kirchen durch ausgefeilte Hygienekonzepte dafür Sorge getragen wird, dass das Risiko so gering wie nur möglich gehalten wird“, heißt es am Mittwoch in einem Schreiben der Stadt.

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Zur Kritik an seiner Äußerung vom Samstag schreibt Pressesprecherin Uta Stevens: „Bürgermeister Kravanja wollte dazu anregen, gemeinsam zu überlegen, auf welche Veranstaltungen man bei einem ansteigenden Infektionsgeschehen eventuell kurzfristig verzichten kann und appelliert an Bürgerinnen und Bürger, verstärkt auf die Hygieneregeln zu achten und diese auch zu befolgen. Der Gottesdienstbesuch ist dabei nur ein Beispiel von vielen.“

Großer Einsatz von Ehrenamtlichen

Aber was sagen die Kirchen selbst? Monsignore Reinhard Hörmann (Pastoralverbund Corpus Christi) unterstreicht: „Wir halten uns an alles, was vom erzbischöflichen Vikariat in Paderborn kommt. Und wir haben viele Ehrenamtliche, die ein strenges Hygienekonzept umsetzen. Hut ab vor denen, die das stundenlang machen, um die Sicherheit derer zu gewährleisten, die in die Gottesdienste gehen.“

Hörmann griff am Mittwoch (14.10.) noch zum Telefonhörer und sprach mit Erzbischof Hans-Josef Becker in Paderborn. „Er hat mir gesagt, dass ihm nichts vorliege über auch nur eine einzige Infektion in den Kirchen im Erzbistum“, erklärte der Monsignore anschließend im Gespräch mit unserer Redaktion.

Reinhard Hörmann ist Priester, Monsignore, arbeitet ehrenamtlich als Schulseelsorger am Haranni-Gymnasium in Herne und gehört zum Seelsorger-Team des Pastoralverbundes Corpus Christi.

Reinhard Hörmann ist Priester, Monsignore, arbeitet ehrenamtlich als Schulseelsorger am Haranni-Gymnasium in Herne und gehört zum Seelsorger-Team des Pastoralverbundes Corpus Christi. © Tobias Weckenbrock

Pfarrerin Claudia Reifenberger von der Evangelischen Kirchengemeinde Nord erläuterte auf Anfrage: „Im Frühjahr waren wegen des Versammlungsverbotes auch Gottesdienste betroffen. Ohne Protest. Der Verzicht auf die gottesdienstliche Versammlung war ein bewusstes Zeichen der Solidarität und Verantwortung.“

Hier und andernorts sei sofort Energie in die Entwicklung neuer Formen des Kontakts geflossen sei. „Das Versammlungsverbot hat einen ungeahnten kreativen Schub ermöglicht, Gottesdienste anders zu erleben als gewohnt.“

Reifenberger: Gemeinden sehr sensibel

Inzwischen habe man mit dem Virus zu leben gelernt. Der Kirchenkreis fahre einen restriktiven Kurs, den sie selbst unterstütze. Regelmäßig gebe es Hinweise, das Gemeindeleben betreffend. „Darauf reagieren die Gemeinden sehr sensibel“, so Reifenberger. Erst seit Pfingsten feiere man wieder Gottesdienste in den Kirchen mit strengen Hygienekonzepten.

„Wir verzichten auf den Gemeindegesang und die Feier des Abendmahls, um jedes Risiko zu minimieren“, sagt sie. Für jeden Gottesdienst gebe es einen auf Papier gedruckten Ablauf mit allen Texten, weil man keine Gesangbücher aushändige.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher sei geringer als vor dem Shutdown. „Daraus schließe ich, dass die Menschen von sich aus vorsichtig sind. Paare und Familien, die Hochzeit oder Taufe geplant hatten, haben sie verschoben oder unter veränderten Vorzeichen gottesdienstlich gefeiert“, so Reifenberger.

Ihr Umgang mit der Gottesdienstfrage werde von den Menschen als flexibel, zugewandt, verantwortlich und umsichtig wahrgenommen. „Wo in den vergangenen Monaten Gottesdienste Auslöser für Ansteckungen waren, standen Freikirchen im Mittelpunkt“, so Reifenberger.

„Natürlich sind nicht alle Freikirchen über einen Kamm zu scheren“, sagt sie, „dass einige von ihnen anfälliger sind, zum Corona-Hotspot zu werden, ist aber sozialer und ideologischer Natur. Häufig fehlen vergleichbare Hygienekonzepte. Die Gemeindestrukturen sind nicht mit denen der Volkskirchen zu vergleichen.“

Corpus Christi verkaufte Gesangsbücher günstig

In der Gemeinde Corpus Christi konnten Gemeindemitglieder 100 Gesangbücher zum Sonderpreis von 10 Euro kaufen. Die „Gotteslobe“ sind nicht mehr wie sonst üblich an der Kirchentür in einer Ablage ausgelegt.

Rajko Kravanja wurde nach unseren Berichten in dieser Woche explizit zum Gottesdienstbesuch eingeladen. Am Sonntag, 18. Oktober, wird er gerne einer Einladung einer katholischen Kirchengemeinde Folge leisten, informierte am Mittwoch die Stadt.

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