Mammutaufgabe: Das Gesundheitsamt leistet täglich Corona-Detektivarbeit

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Die Corona-Zahlen steigen. Im Gesundheitsamt Recklinghausen rotieren die Mitarbeiter, um die Infektionsketten bei einem Coronafall nachzuvollziehen. Eine Ärztin berichtet aus dem Telefon-Alltag.

von Markus Geling, Thomas Schroeter

Kreis Recklinghausen

, 21.10.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es leistet in der Corona-Krise echte „Detektivarbeit“ – und sollte dabei immer möglichst schnell sein: das Team der Kontaktnachverfolgung im Recklinghäuser Kreishaus. Denn je rascher eine – Vorsicht: Behördensprech – „Kontaktperson der Kategorie 1“ ermittelt und in häusliche Quarantäne geschickt werden kann, desto kleiner ist das Risiko, dass diese ihrerseits wieder ungewollt Freunde, Verwandte oder Kollegen ansteckt.

„Unser großes Ziel ist es, Infektionsketten zu unterbrechen“, sagt Astrid Platzmann-Scholten. „Und das geht nur mit Schnelligkeit.“ Die 60 Jahre alte Fachärztin für Gynäkologie hat im Kreishaus zusammen mit Hans Vogelsang die operativen Strukturen für die Bewältigung der Corona-Pandemie geschaffen.

Dazu gehört auch das Team der Kontaktnachverfolgung. Ihm kommt in der Pandemie gerade jetzt in der zweiten Welle im Herbst 2020 eine Schlüsselrolle zu.

Es werden Listen abtelefoniert

Es geht um mehr, als eine Liste abzutelefonieren Es wird gerade an Personal aufgestockt, nachdem der Kreis Recklinghausen am 11. Oktober zum Problembezirk wurde und die 50er-Inzidenz überschritten hat.

Der Stab der Kontaktnachverfolgung, neudeutsch „Containment-Scouts“ genannt, bekommt externe Kräfte und Mitarbeiter aus anderen Verwaltungsbereichen dazu. Im April war man mit rund 100 Leuten unterwegs, konnte im Sommer dann auf die Hälfte des Personals abbauen, muss jetzt aber sogar die Bundeswehr zu Hilfe rufen.

„Denn während des Lockdowns im Frühjahr gab es zwar hohe Covid-19-Fallzahlen, aber die Betroffenen hatten dafür viel weniger Kontaktpersonen als jetzt“, heißt es. Mit mehr Maskenpflicht und kleineren Gruppen, die sich jetzt nur noch treffen dürfen, will man die Kontakte wieder eindämmen. Aber das kann dauern.

Allein über das vergangene Wochenende kamen 236 neue Fälle hinzu, bei denen die Infektionsketten nachverfolgt werden mussten. Die „Detektivarbeit“ läuft dabei so ab: Die Verwaltungsmitarbeiter setzen sich mit der positiv getesteten Person in Verbindung und bitten sie darum, eine Liste mit ihren Kontakten zu erstellen.

Dabei geht es nicht mehr, wie anfangs, um die vergangenen zwei Wochen. Es wird nur noch bis zwei Tage vor dem Auftreten der ersten Krankheits-Symptome zurückgeblickt. Gibt es keine Symptome, ist der Zeitpunkt des Tests entscheidend.

Die engeren Kontakte zu Infizierten haben Priorität

Absolute Priorität für die „Detektive“ aus dem Kreishaus haben nun die Personen, die einen engen Kontakt zum positiv Getesteten hatten – und damit ein höheres Infektionsrisiko. „Eng“ heißt beispielsweise: „Mehr als 15 Minuten Kontakt mit weniger als 1,5 Meter Abstand, etwa im Rahmen eines Gesprächs“, erläutert Platzmann-Scholten.

Dieses Beispiel ist auch in der Aufzählung zu finden, mit der das Robert-Koch-Institut besagte „Kontaktperson der Kategorie 1“ definiert – und nach der sich der Kreis richtet.

Diese Personen müssen die Verwaltungsmitarbeiter nun ans Telefon bekommen. Um im Gespräch herauszuarbeiten, wie eng der Kontakt tatsächlich war. Um sie über das Krankheitsbild und Übertragungsrisiken aufzuklären. Und – wenn sich der „Kategorie 1“-Verdacht bestätigt – um sie zum Corona-Test beim DRK anzumelden sowie in häusliche Quarantäne zu schicken.

Dafür genügt es aber nicht, nur die Kontaktliste des Infizierten „abzutelefonieren“. Denn das wirkliche Leben ist viel komplizierter: Da gibt es den dementen Senior, der infiziert in der Klinik liegt, zuvor aber mit einem ganz anderen Problem in einem anderen Krankenhaus und dann noch in der Kurzzeitpflege war. Und der zu alledem ja überhaupt keine Auskunft geben kann.

Jeder Fall ist anders

Da gibt es den Mann „in den besten Jahren“, der gar nicht alle kannte, mit denen er auf der Geburtstagsparty des Skatbruders ein Bier getrunken hat. Oder die junge Frau, die gar nicht weiß, wer der andere Passagier war, der da neben ihr im Flugzeug saß. „In so einem ähnlichen Fall hing ich kürzlich noch in der Warteschleife der Air France fest“, erzählt Platzmann-Scholten. Und selbst, wenn alle Daten vorlägen, dauere es manchmal Tage, bis man jemanden „ans Rohr“ bekäme.

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„Bei der Ermittlung und dem Umgang mit Kontaktpersonen ist jeder Fall anders, es gibt kein ‚Schema F‘, an das man sich halten könnte“, sagt auch Kreis-Sprecherin Svenja Küchmeister. Platzmann-Scholten spricht auch deshalb von „richtiger Maloche“. Zumal die Zeit immer drängt. Und sich das Wissen um das Virus ständig erweitert.

„Deshalb hat das Robert-Koch-Institut beispielsweise auch seine Empfehlungen, wann jemand aus der Quarantäne entlassen werden kann, mehrfach verändert“, erläutert die Bochumerin. Für dieses „Entlassmanagement“ sind die Kontaktnachverfolger ebenfalls zuständig. Genauso wie für die telefonische Begleitung der Infizierten.

Manche Menschen zeigen kein Verständnis

„Woher haben Sie überhaupt meine Nummer?“ Diese Frage hörten die Verwaltungsmitarbeiter gerade zu Beginn der Corona-Krise häufiger. Mittlerweile sei der Ton freundlicher geworden, weniger harsch.

„Uns ist schon klar, dass eine Quarantäne-Anordnung ein gewaltiger Einschnitt ist, mit dem man sehr vorsichtig sein muss. Und auch, dass da nicht jeder Lust drauf hat“, sagt Platzmann-Scholten. „Aber sie ist wichtig. Sie soll die Verbreitung der Erkrankung verhindern und dient dem Schutz von uns allen.“

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