Crash Kurs im ASG: Mit dieser Methode warnt die Polizei Schüler vor Gefahren im Verkehr

rnSchocker-Unterricht

Ausgebrannte Autowracks, abgedeckte Leichen, erschütternde Geschichten: Mit diesen Eindrücken sensibilisiert die Polizei beim „Crash Kurs“ Schüler des ASG. „Ihr seid geboren, um zu leben!“

Castrop-Rauxel

, 12.03.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine Sekunde, und es herrscht Totenstille. Eine Sekunde, und ein Leben ist zerstört. Ein Moment der Unbedachtheit, der Selbstüberschätzung oder der Unaufmerksamkeit, und das Leben eines jungen Menschen ist vorbei. Und das seiner Familie und seiner Freunde nie mehr wie zuvor.

Beim „Crash Kurs NRW“ der Polizei Recklinghausen am Donnerstagmorgen am Adalbert-Stifter-Gymnasium (ASG) in Castrop-Rauxel wurde den Schülern der 10. Klasse auf erschreckende Weise bewusst, wie zerbrechlich ein Leben sein kann, wenn man beim Autofahren nur einen Augenblick nicht aufpasst. Ihre Lebensträume hatten sie vor der Veranstaltung auf Karten geschrieben. Später schwebten sie an einen Ballon geheftet über ihren Köpfen. Doch wie ein Ballon können diese Träume schnell zerplatzen. (Projekt machte 2017 auch am EBG Station.)

Die Rettungskraft, die einen jungen Kollegen verlor

So wie der von Thomas, erzählte Michael Brudek von der Feuerwehr Castrop-Rauxel. „Es begann wie ein ganz normaler Tag“, beschrieb er der halb-vollen, jedoch totenstillen Aula des ASG. „Mein Kollege Thomas hatte vor nicht so langer Zeit ein gutes Abitur gemacht, er war ein Surfertyp, sah gut aus und hatte einiges auf dem Kasten.“

Crash Kurs im ASG: Mit dieser Methode warnt die Polizei Schüler vor Gefahren im Verkehr

Michael Brudek von der Feuerwehr Castrop-Rauxel erzählte seine Geschichte von seinem jungen Kollegen Thomas. © Silja Fröhlich

Michael Brudek und sein junger Kollege, ein Rettungssanitäter, wurden zu einem Unfall gerufen, drei Personen, die in einem Auto eingeklemmt waren. „Schnell war klar, wir würden vor all den anderen Kollegen da sein“, erinnerte sich Michael Brudek. Doch schon bevor sie die Unfallopfer, für die jede Hilfe zu spät kam, im Wagen sahen, kam der Schock.

Infovormittag

Das steckt hinter Crash Kurs NRW

  • Bei „Crash Kurs NRW“ handelt es sich um Vortragsveranstaltungen, die gemeinsam mit Partnern der Polizei NRW im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Recklinghausen an Schulen durchgeführt werden.
  • Junge Menschen sollen schon vor dem Erwerb des Führerscheins über die möglichen Konsequenzen eines späteren riskanten Verhaltens aufgeklärt werden.
  • Im Schuljahr 2018/2019 sind im Kreis Recklinghausen und in der Stadt Bottrop (Bezirk der Kreispolizeibehörde) 37 dieser Veranstaltungen geplant. Hierbei werden voraussichtlich 8500 Schüler die Veranstaltungen besuchen.
  • Das Projekt „Crash Course“ wurde erstmals 2006 in Staffordshire in Großbritannien entwickelt und umgesetzt – mit positiven Auswirkungen auf die Statistik.

„Thomas kannte den Wagen, und erst nach unserem Einsatz wurde mir bewusst, dass er alle drei Todesopfer während unseres Einsatzes mit Namen angesprochen hatte.“ Denn es handelte sich um die drei besten Freunde des jungen Mannes, der vor hatte, Medizin zu studieren, selber Menschen zu retten. Doch das geschah nicht mehr.

„Thomas fuhr nie wieder einen Rettungseinsatz, und er studierte auch nie Medizin“, erzählte Michael Brudek den schockierten Schülern. Denn obwohl sein Kollege Thomas an dem Tag nicht selber im Auto seines Freundes saß, starben doch mit seinen Freunden auch seine eigenen Träume.

Eineinhalb Stunden lang waren die Zehntklässler des ASG Zeugen von Unfällen, Polizeieinsätzen und der Überbringung von Todesnachrichten an die Hinterbliebenen von Autounfällen. Mit einem Mix aus Fotos, Videos, emotionaler Musik und Expertenvorträgen will die Polizei die neue Generation von Autofahrern für die Gefahren und die Verantwortung, die die Teilnahme am Straßenverkehr mit sich bringt, sensibilisieren.

500 Tote nach Verkehrsunfällen jedes Jahr in NRW

Das Ziel ist die Verringerung der Zahl schwerer Verkehrsunfälle. In Nordrhein-Westfalen ereignen sich pro Jahr 550.000 Verkehrsunfälle, bei denen über 500 Menschen getötet werden. Oft sind gerade junge Fahrerinnen und Fahrer im Alter von 17 bis 25 Jahren Verursacher solch schwerer Unfälle, und provozieren sie doch riskantes Verhalten und die Missachtung von Regeln. Das soll sich durch den „Crash Kurs“ ändern – und das Leben der Schüler und aller anderen schützen.

Überhöhte Geschwindigkeit, das Nichtanlegen des Sicherheitsgurts und der Konsum von Alkohol und Drogen sind bei über der Hälfte der Fälle die Ursache für Verkehrsunfälle, bei denen Menschen schwer verletzt werden oder zu Tode kommen. Die Botschaft der Polizei ist eindringlich: „Ihr seid geboren, um zu leben.“ So zitierte Moderatorin und Polizistin Susanne Klodt den Text des Lieds „Geboren, um zu leben“ der Band Unheilig, das sowohl zur Beginn als auch zum Ende der Veranstaltung abgespielt wurde. „Euer Leben ist wertvoll. Und das müsst ihr ernst nehmen, denn ihr habt auch Verantwortung für das Leben der Menschen um euch herum.“

Der Polizist, der Körperteile findet

Eingeladen zu der Veranstaltung wurden neben Feuerwehrmann Michael Brudek auch Vertreter der Polizei, der Notärzte und der Notseelsorger. Jeder von ihnen kam mit einer anderen aufwühlenden Geschichte. „An einem normalen Tag wurde ich zu einem Einsatz gerufen, und ich sah schon, da liegt jemand tot auf der Fahrbahn“, begann Andreas Schink von der Polizeiwache Datteln seinen Bericht.

Crash Kurs im ASG: Mit dieser Methode warnt die Polizei Schüler vor Gefahren im Verkehr

Die Schüler sahen Fotos von echten Verkehrsschauplätzen. © Silja Fröhlich

Was folgte, ließ viele der Schüler schwer schlucken. „Ich musste aufpassen, wo ich lang lief, denn überall lagen Körperteile, drei Personen lagen verstreut um den Unfallwagen herum, eine Frau hatte keine Beine mehr. Und dann trat ich in ein Stück Hirn, dass auf der Fahrbahn lag.“ Die Schuhe habe er nicht mehr anziehen können, erzählte Andreas Schink. „Ich habe sie wegwerfen müssen.“

Der Pfarrer, der Todesnachrichten überbringt

Wenn ein Leben endet, müssen die Angehörigen weiterleben. Überbringer von Todesnachrichten ist Pfarrer Hajo Witte, Teamleiter der Notfallseelsorge des Evangelischen Kirchenkreises Bochum. „Man klingelt an und weiß, eine Minute später hat man eine schlimme Nachricht überbracht. Man wird die entsetzten Blicke der Eltern sehen, manchmal Schreie hören, und die Frage: Ich glaube das nicht, sind Sie sich wirklich sicher?“, berichtete Hajo Witte.

Er ist Leiter des Teams für Notfallseelsorge im Kirchenkreis Bochum und Herne. In Herne engagieren sich ausschließlich Ehrenamtliche, 27 an der Zahl. Die Notfallseelsorger betreiben keine Vereinstätigkeit, sondern haben 24 Stunden lang Rufbereitschaft. Von der „Crash Kurs“-Veranstaltung ist Witte überzeugt. „Die Zahlen gehen seitdem zurück“, sagt er. Als Akteur war er von Anfang an dabei.

Wichtig, wertvoll - vor allem aber authentisch

Organisiert wird der „Crash Kurs“ von Ute Honvehlmann, Polizeihauptkommissarin und Zuständige der Verkehrsunfallprävention und des Opferschutzes. „Ich stehe zu 100 Prozent hinter dieser Aktion“, sagte sie. „Es ist ein wichtiges und wertvolles Projekt, und vor allem ist es authentisch. Wir wollen keine Schauspieler auf der Bühne, sondern echte Menschen, die von ihren Erfahrungen erzählen.“ Und diese Erfahrungen rührten auch die Schüler des ASG zu Tränen. Mehrere Schüler verließen während der Veranstaltung die Aula, Polizei und Seelsorger kümmerten sich um die erschütterten und weinenden Schüler.

„Es ist normal, dass die Teilnehmer dieser Veranstaltung so reagieren, oft sind es noch mehr Schüler, die den Raum verlassen müssen, weil die Bilder und Berichte sie zu sehr bewegen“, sagte Ute Honvehlmann. Doch schließlich gehe es darum, das Leben der Schüler zu schützen. Daher würden auch Videos genutzt, die zwar schockierten, jedoch auch intensiv die Botschaft des Crash Kurs vermittelten. Und dass dies geklappt hat, konnten die Lehrer des ASG bestätigen.

„Heute war es totenstill“

„Normalerweise klatschen unsere Schüler bei jeder Veranstaltung Beifall, aber heute war es totenstill“, bemerkte Lehrerin Ute Wiciok. Ihre Schüler seien ungewöhnlich aufmerksam und ruhig gewesen und hätten die Veranstaltung gespannt verfolgt. „Es wurden viele emotionale Themen angesprochen, und die Schüler sagten mir, sie würden sich zu diesem Thema nun wirklich Gedanken machen.“ Eine ihrer Schülerinnen, so Helga Wiciok, habe gesagt, sie würde niemals wieder schnell fahren.“

Lehrerin Sylvana Dziuba beeindruckte besonders die emotionale Nähe, mit der das Thema Verkehrssicherheit vermittelt wurde. „Es ist ein Unterschied, ob man eine Filmsequenz in einem Actionfilm sieht oder weiß, dass es sich hier um die echte Realität handelt“, sagte sie.

Und das ist das Ziel des Crash Kurses, sagt Ute Honvehlmann. „Wir wollen den Schülern keine Horror-Bilder zeigen, die Bilder sollen in ihren Köpfen entstehen, sie sollen sich Gedanken dazu machen.“ Und so können sie sich, ihre Beifahrer und ihre Mitmenschen in Zukunft vor einem schrecklichen Ende auf der Fahrbahn schützen.

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