Mit Fotos von Autowracks und verdeckten Leichen will die Polizei bei jungen Autofahrern das Bewusstsein für die Gefahren beim Fahren wecken. Die Castrop-Rauxeler Schüler reagieren emotional.

von Joel Kunz

Castrop-Rauxel

, 08.03.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Schüler sollen die Antwort aufschreiben: „Welche Lebensträume habt ihr?“, lautet die Frage. „Ein glückliches Leben führen“, steht hinterher auf einem Zettel, „eine Familie haben“ auf dem zweiten, „einen tollen Job finden“ auf dem dritten.

Die Zettel mit den Lebensträumen der Schüler werden an einem Ballon befestigt. Dann bringt Karsten Quante, Polizeihauptkommissar und Moderator der Veranstaltung, den Ballon plötzlich mit einem lauten Knall zum Platzen.

So beginnt die Veranstaltung „Crash Kurs“, die Schüler auf die tödlichen Gefahren unverantwortlichen Autofahrens hinweisen soll. So wie das Platzen des Ballons enden auch die Lebensträume Hunderter junger Menschen jedes Jahr in NRW durch tödliche Autounfälle.

90 Minuten lang machten Polizisten Zehntklässler des Adalbert-Stifter-Gymnasiums (ASG) auf das Thema Unfallprävention aufmerksam.

Die Schüler sahen Fotos von echten Unfallschauplätzen.

Die Schüler sahen Fotos von echten Unfallschauplätzen. © Silja Fröhlich

Der Polizist, der unfreiwillig zum Ersthelfer wurde

Andreas Schink, Polizeibeamter, erzählt wie er auf dem Weg zur Nachtschicht Zeuge eines Unfalls wurde. Drei junge Menschen, viel zu schnell in einem Auto unterwegs, alle sind tot. Schink sieht nach den Opfern, macht Unfallaufnahmen. Er sagt: „Ich funktioniere weiter“, nachdem er den ersten Schock überwunden hat. „Ich musste aufpassen, wohin ich meinen Fuß setzte. Denn Körperteile der Opfer lagen überall verstreut. Doch trotz aller Vorsicht - ich merkte wie ich auf etwas weiches trat, das ist ein schreckliches Gefühl. Es war ein Stück Hirn eines der Insassen. Die Schuhe konnte ich nie wieder tragen - ich musste sie entsorgen.“ Seine Kollegen treffen ein. Sie finden einen Kindersitz, ein Kind jedoch nicht. Schink fährt weiter zur Polizeiwache, doch die Bilder bleiben im Kopf, nicht nur für diese eine Nacht.

„Wir wollen die Schüler emotional erreichen.“

Ute Honvehlmann ist Leiterin des Projekts. Sie ist Polizeihauptkommissarin und verantwortlich für Verkehrsunfallprävention und Opferschutz im Kreis Recklinghausen. Der Crash Kurs richtet sich vor allem an Schüler der 10. Klasse. Sie haben noch keinen Führerschein, doch die meisten werden in naher Zukunft mit der Führerscheinausbildung beginnen.

„Das Ziel der Veranstaltung ist, die Zahl schwerer Verkehrsunfälle, bei denen junge Fahrerinnen und Fahrer beteiligt sind, zu verringern. Dabei wollen wir nicht nur einfach nur auf die Gefahren hinweisen. Es gibt viele Themen, die in den Fahrschulen gar nicht angesprochen werden“, sat Ute Honvehlmann. „Wir möchten die Schüler schon vor der Führerscheinausbildung auf emotionaler Ebene erreichen. Nur so prägt sich das Thema wirklich in den Köpfen ein.“

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Bei den Vorträgen handelt es sich ausnahmslos um wahre Berichte von Einsatzkräften der Region. Es spricht jeweils ein Akteur der Polizei und der Feuerwehr, ein Notarzt und ein Notfallseelsorger über von ihnen erlebte Unfälle. „Wir nutzen mit Absicht keine Schauspieler, die erfundene Geschichten erzählen“, sagt Honvehlmann.

Stefan Hoppe berichtete über einen Notfalleinsatz als Seelsorger in Castrop-Rauxel. Er berichtete zwei Eltern als erstes vom Unfalltod ihres Sohnes.

Stefan Hoppe berichtete über einen Notfalleinsatz als Seelsorger in Castrop-Rauxel. Er berichtete zwei Eltern als erstes vom Unfalltod ihres Sohnes. © Joel Kunz

„Ihr seid geboren um zu leben“

Bei der Veranstaltung läuft das Lied „geboren um zu leben“ der Band Unheilig. Es wird am Anfang und noch einmal am Ende der Veranstaltung gespielt. Beim zweiten Mal jedoch sollen die Schüler besonders auf den Text achten. Im Lied singt Frontmann „der Graf“ über seinen Freund, der viel zu jung seinen Tod fand. So auch sollen die Emotionen der Schüler geweckt werden. Die Organisatoren wollen sie davor bewahren, ihr eigenes Leben wegzuwerfen. „Jeder hat Träume - und auch ihr seid geboren um zu leben“, sagt Karsten Quante.

500 Tote durch Unfälle in NRW jedes Jahr

Jedes Jahr gibt es in Nordrhein-Westfalen 660.000 Verkehrsunfälle. Für 500 Menschen enden diese Unfälle tödlich. Dabei ist der Anteil junger Fahrer unverhältnismäßig hoch. Überhöhte Geschwindigkeit ist dabei die Todesursache Nummer Eins der vermeidbaren Unfallursachen. Hinzu kommen das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes, das Fahren unter Einfluss von Alkohol und Drogen sowie immer häufiger Ablenkung durch das Smartphone. Genau diese Art der Unfälle will die Polizei des Kreises Recklinghausen den Schülern ins Bewusstsein rufen.

Die vier Redner im Vordergrund (v.l.): Stefan Hoppe, Dr. Manuel Neisius, Michael Brudek, Andreas Schink.

Die vier Redner im Vordergrund (v.l.): Stefan Hoppe, Dr. Manuel Neisius, Michael Brudek, Andreas Schink. © Joel Kunz

Schüler reagieren schockiert

Die Schüler reagieren geschockt auf die Vorträge. Vielen geht das Thema richtig nahe. „Die Vorträge waren echt erschreckend.“, sagt der 16-jährige Joel Preiss. „Ich denke ich werde beim Autofahren später wirklich anders handeln,“ fügt sein gleichaltriger Mitschüler Mert Tosun hinzu. Auch Julia Iser (15) ist beeindruckt von den Vorträgen. „Das Thema Unfalltod ist mir total nahe gegangen. Vor allem die Videos waren unglaublich schockierend. Ich denke, dass das auf jeden Fall Einfluss auf mein späteres Fahrerhalten haben wird. Und dabei wollte ich ausgerechnet einen Motorradführerschein machen.“

Seit acht Jahren findet die Veranstaltung nun statt. Jedes Jahr besuchen die Einsatzkräfte etwa 37 Schulen. „Es hat bereits Wirkung gezeigt“, sagt Michael Brudek von der Feuerwehr, der schon von Beginn an Teil des Projekts ist. Die Unfallstatistik der Region zeige einen Rückgang der Unfälle mit Todesfolge bei jungen Erwachsenen. „Das macht uns sehr glücklich und zeigt, dass es eine Erfolgsstory ist. Deshalb werden wir das Projekt auch weiter fortführen.“

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