Für die einen ist es ein Dorn im Auge, die anderen zahlen bereitwillig: Wir erklären, wofür die Kirchensteuer in Castrop-Rauxel eingesetzt wird und warum das System zusammenklappen könnte.

Castrop-Rauxel

, 20.04.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Als Heinrich Biege vor mehr als 30 Jahren zum ersten Mal Kirchensteuer zahlen sollte, trat er direkt aus der Kirche aus. Der Castrop-Rauxeler ist heute Anfang 50 und möchte seinen echten Namen nicht nennen. Evangelisch getauft ist er, in einen katholischen Kindergarten gegangen: „Der war direkt im Nachbarhaus.“

Irgendwann stiefelten alle Kindergartenkinder in die Kirche und wurden vom Pastor gesegnet. „Wir standen alle im Kreis vor dem Altar und der Leib Christi wurde verteilt. Ich habe als Einziger kein Esspapier bekommen“, erinnert sich Biege. Der Grund: Er war evangelisch. Das fand er furchtbar ungerecht. „Ich bin danach zur Bude gegangen und habe mir Esspapier gekauft.“

Den Religionsunterricht wählte er später ab, sobald es möglich war, ging aber zur Konfirmation. „Das hatte eher unehrenhafte, also finanzielle Gründe“, so Biege. Schließlich gebe es da dicke Geldgeschenke. Am Gemeindeleben habe er nicht teilgenommen.

Als er mit 18 Jahren seinen ersten Job hatte und auf dem Steuerbescheid sah, dass er 150 D-Mark Kirchensteuer zahlen musste, trat Biege aus. Seine Kinder ließ er auch nicht taufen. Sein Standpunkt: „Ich fände es am besten, wenn es keine Religion geben würde. Letztendlich ist es wie ein Verein, der gegen einen anderen spielt - und das ist nicht gut.“

So einfach ist es aber nicht. Die Mitglieder der Kirche werden zwar weniger, 2017 waren es aber alleine in Castrop-Rauxel noch 23.397 katholische Kirchenmitglieder und 19.466 evangelische (im Jahr 2018). Die Kirchensteuer beträgt neun Prozent von der Einkommenssteuer. Das bedeutet: Kinder, ein Teil der Rentner und Arbeitslose zahlen nichts. Das bedeutet auch: Derzeit sprudeln die Einnahmen, weil die Konjunkturlage exzellent ist; es gibt ja wenige Arbeitslose und so viele Beschäftigte wie nie.

Arnd Röbbelen, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Herne, zu dem Castrop-Rauxel gehört, sagt: „Die Kirchensteuer ist in den vergangenen Jahren gestiegen, obwohl es weniger Gemeindemitglieder gibt.“ 2017 waren es für die Evangelische Kirche von Westfalen 485 Millionen Euro, 2018 dann 490 Millionen Euro, für dieses Jahr werden 507 Millionen Euro erwartet.

Zuweisungen abhängig von Gemeindemitgliederzahl

Die Zuweisung an den jeweiligen Kirchenkreis ist abhängig von der Gemeindemitgliederzahl. Bei circa 65.000 Gemeindemitgliedern sind das für Herne rund 9 Millionen Euro. Bei den Katholiken sieht es ähnlich aus: Im Jahr 2017 erreichten die Kirchensteuererträge mit 409,7 Millionen Euro ein Allzeithoch für das Erzbistum Paderborn.

Die Frage ist: Wie viele Mitglieder zahlen, nehmen aber nicht am Gemeindeleben teil, und wie viele engagieren sich oder profitieren gar von der Einrichtung Kirche? Heinrich Biege war als Kind in der Jugendgruppe der katholischen Kirche: „Das hatte aber mit Religion nichts zu tun.“ Seine Kinder waren in konfessionellen Kindergärten - „in anderen Einrichtungen war kein Platz frei“.

Doch der Castrop-Rauxeler sieht in dem Bereich auch eher den künstlerisch-sozialen Aspekt: „Wenn die Kinder in unterschiedliche Rollen schlüpfen und sich beim Krippenspiel auf die Bühne trauen, dann finde ich das gut.“ Die Geschenke brachte schließlich auch das Christkind: „Das trenne ich nicht so scharf“, so Biege. Auch in der Schule findet er regelmäßige Gottesdienst-Besuche okay: „Da geht es mehr um den kulturellen Aspekt.“

Auch er hat jahrelang „Stille Nacht, heilige Nacht“ von der Kirchenbank aus gesungen - an Weihnachten. So wie im Jahr 2017 noch weitere 8219 evangelische Castrop-Rauxeler in den vier evangelischen Gemeinden Pauluskirchengemeinde Castrop, Kirchengemeinde Habinghorst, Friedenskirchengemeinde Castrop-Rauxel und Kirchengemeinde Schwerin/Frohlinde. Die Gemeinden Merklinde und Deininghausen gehören zum Kirchenkreis Dortmund.

Die Gottesdienstbesucher werden regelmäßig gezählt. Zum Vergleich: An Karfreitag haben 392 Protestanten den Worten des Pastors gelauscht - in der gesamten Stadt. Der Gottesdienstbesuch ist aber nur ein Teil der Arbeit der Kirche. Arnd Röbbelen hat Zahlen für das aktive Gemeindeleben aus dem Jahr 2017:

  • Taufen (141)
  • Aufnahmen (14)
  • Austritte (110)
  • Konfirmanden (192)
  • Trauungen (41)
  • Bestattungen (262)
  • wöchentliche Kindergruppen (29 Teilnehmer pro Treffen)
  • wöchentliche Jugendgruppen (85 Teilnehmer pro Treffen)
  • Kinderbibelwoche (fünf Veranstaltungen, insgesamt 424 Teilnehmer)
  • Kirchenkonzerte (verschiedene Konzerte, insgesamt 1870 Besucher)
  • Gesprächskreise (Bibelkreis, Männerkreis, Frauenkreis, Seniorenkreis etc.: 700 Teilnehmer)
  • Ehrenamt (Jugendarbeiter, Presbyter, Besuchsdienst etc.: 324 Ehrenamtliche)
  • Chöre und Musikgruppen (163 Teilnehmer)

Manche Gemeindemitglieder engagieren sich auch mehrfach. Viele dieser Aktivitäten werden vom Ehrenamt getragen. Aber ohne hauptamtliche Kräfte wie Pastor, Kirchenmusiker und Jugendmitarbeiter könnten die Veranstaltungen nicht stattfinden.

In dieser Liste nicht enthalten sind Angestellte in konfessionellen Kindergärten, der Caritas und anderen Wohlfahrtsverbänden.

Dafür braucht die Kirche Geld

Die Kirche braucht also Personal - und zwar nicht nur den Pastor, sondern zum Beispiel auch Küster, Organist, Sekretärin, Kirchenvorsteher und Jugendmitarbeiter. Außerdem braucht die Kirche Geld für die Gebäudeunterhaltung, Friedhöfe (Unterhaltungskosten) und allgemeine Gemeindearbeit (Material, Freizeiten, Kinderbibelwoche, Kostüme, Noten).

Ein Beispiel aus Merklinde: Um das Leben in dem Stadtteil zu verbessern, hat die Evangelische Landeskirche von Westfalen im Jahr 2016 drei Personen für zweieinhalb Jahre eingesetzt. Sie beobachteten und analysierten die Situation vor Ort und schlugen Verbesserungen vor. Finanziert wurde das unter anderem aus Kirchensteuergeldern. Die Verwaltung in der Landeskirche und dem Kirchenkreis beziehungsweise im Erzbistum muss unterhalten werden. Und nicht zu vergessen: konfessionelle Kindergärten und Schulen.

Daher kommt das Geld

Welche Gelder stehen den Kirchen dafür zur Verfügung?

  • Einkünfte aus Vermietung/Verpachtung (zum Beispiel im Wichernhaus)
  • Zinseinnahmen über Vermögen
  • Grundstückserlöse/Erbbaurecht
  • Spenden/Kollekte
  • Kirchensteuer als größter Posten

So verteilen die Protestanten das Geld

Das Geld fließt bei den Protestanten zunächst an die Westfälische Kirche und dann an die angeschlossenen Kirchenkreise. Denn es gibt eine Finanzausgleichskasse, damit „reiche“ Kirchenkreise den „ärmeren“ etwas abgeben können. Da die Kirchensteuer über die Finanzämter eingezogen wird, bekommen diese drei Prozent des Aufkommens.

Im Jahr 2018 hatte der Kirchenkreis Herne rund 9 Millionen Euro Kirchensteuermittel zur Verfügung. Davon müssen zunächst die Pfarrstellen bezahlt werden; ein weiterer Teil wird aufgeteilt auf die kreiskirchlichen Dienste (Kindergartengemeinschaft, Eine Welt Zentrum, Kreiskirchliche Verwaltung, Schulreferat, Mediothek, Kinder- und Jugendreferat, Kirchenmusik, Fachberatung für Kindergärten oder Öffentlichkeitsreferat) und schließlich auf die 15 Kirchengemeinden. 25 Euro pro Gemeindemitglied fließen direkt in die jeweilige Gemeinde.

Die Evangelische Kirchengemeinde Habinghorst hat nach Angaben von Arnd Röbbelen 2434 Mitglieder. Sie hat also 60.850 Euro in 2018 bekommen, um davon unter anderem Gemeindesekretärin Simone Kathoff zu bezahlen, die Ökumenischen Bibeltage, das Weltcafé, die Kirchenmusikerin sowie Petrikirche und Christophorusheim zu bestreiten. Wo genau wie viel Geld hinfließt, das entscheidet die jeweilige Gemeinde. Röbbelen: „Das kommt auf das Profil und die Aktionen der Gemeinde an.“

So verteilen die Katholiken die Kirchensteuer

Bei den Katholiken funktioniert das System etwas anders: Das Erzbistum Paderborn weist jeder Kirchengemeinde jährlich ein Budget zu. Dafür werden sogenannte Schlüsselzahlen zugrunde gelegt. Für die Errechnung derselben gibt es Kriterien, beispielsweise die Mitgliederzahl. Zusätzlich werden Strukturpunkte für die Unterhaltung des Gebäudebestands vergeben.

Kommentar

Mehr als ein Skiurlaub

Dafür geben die Kirchen in Castrop-Rauxel die Kirchensteuer ihrer Mitglieder aus

Iris Woitschell, Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten in Castrop-Rauxel. © Tobias Weckenbrock

Unerfüllte Erwartungen
, schlechte Erfahrungen, Missbrauchsfälle, die Affäre um die teure Residenz von Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, Frauenbild, Zölibat, Haltung zur Homosexualität und schließlich die Kirchensteuer: Gründe, um aus der Kirche auszutreten gibt es ausreichend. Der Castrop-Rauxeler Pfarrer Winfried Grohsmann weiß: „Leute treten aus, wenn sie sich als persönlich unbekannt vorkommen.“ Was er damit meint: Wer den Pfarrer kennt oder sich auf irgendeine Weise in der Gemeinde engagiert, der bleibt in der Regel dabei. Wenn er mit Aussteigern spricht, fragt er sie, ob sie in ihrer Gemeinde in Castrop-Rauxel schlechte Erfahrungen gemacht haben. Denn an der Stellschraube kann er selbst eventuell drehen. Was er auch sagt: „Wir appellieren an den Gerechtigkeitssinn, setzen aber keinen zurück bei sozialen Dingen.“ Was er damit meint: Auch wer kein Mitglied der Kirche ist, bekommt auf Wunsch einen Seelsorger ans Krankenbett, darf an Jugendfreizeiten teilnehmen und beim Krippenspiel ein Engel sein. Und das ist genau der Punkt: Wer ausstritt, sollte sich meiner Meinung nach über die Konsequenzen für die Gesellschaft im Klaren sein und nicht nur seinen persönlichen Kontostand betrachten. Wer austritt, kehrt dem System Kirche den Rücken. Wer austritt ist der Meinung, alle sollten austreten. Radikal gedacht würde es damit nicht nur keine Gottesdienste mehr geben, sondern auch keine konfessionellen Jugendtreffs, keine Projekte wie das in Merklinde und keine Caritas. Die Caritas macht sich stark für Menschen am Rande der Gesellschaft. Und Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, brauchen manchmal eine überirdische Stütze, auch wenn sie sich diese finanziell gar nicht leisten können. Wer Kirchensteuer zahlt, unterstützt also Menschen, die Hoffnung und Trost brauchen. Das ist der christliche Wert der Nächstenliebe. Wer keine Kirchensteuer zahlt, kann vielleicht einmal im Jahr mehr in den Skiurlaub fahren. Das finde ich zu kurz gedacht. Heinrich Biege sagt, ihm sind die Strukuren wichtig, er würde auch Geld für Jugendtreffs, Stadtteilprojekte und ähnliches zahlen, aber nicht an die Kirche. Das wäre nur konsequent.
Jede Kirchengemeinde hat auf dieser Grundlage eine bestimmte Anzahl an Punkten. Thomas Throenle, Sprecher des Erzbistums Paderborn: „Der Kirchensteuerrat des Erzbistums hat festgelegt, dass im Jahr 2019 ein Punkt jeweils 2,06 Euro wert ist. Somit erhält beispielsweise eine Gemeinde mit 10.000 Punkten einen Betrag von 20.600 Euro.“ Diese Finanzmittel verwaltet die Kirchengemeinde selbstständig.

Für jedes Gebäude (Kirche, Pfarrheim) stellt das Erzbistum der Kirchengemeinde zusätzlich jährlich einen Bauzuschuss für kleinere Maßnahmen und eine Technikpauschale zur Verfügung. Größere Baumaßnahmen werden individuell bezuschusst.

Im Etat einer Kirchengemeinde sind die Personalkosten für die Mitarbeiter im Bereich der Seelsorge (Priester, Diakone, Gemeindereferenten) nicht enthalten. Diese Personalkosten befinden sich im Etat des Erzbistums.

Ein Blick in die Zukunft

Ein Blick in die Zukunft verrät: Die Kirchensteuer wird sinken. Arnd Röbbelen gehört zu den Babyboomern aus den 60er-Jahren: „Wenn die in den nächsten Jahren nach und nach in den Ruhestand gehen, brechen Einnahmen weg, weil viele von denen keine oder weniger Kirchensteuern zahlen werden.“

Dann könne der Einnahmerückgang infolge des Mitgliederschwunds nicht mehr wie im Moment durch gute Konjunktur mit geringen Arbeitslosenzahlen kompensiert werden. „Die demografische Entwicklung, die bei uns daran sichtbar wird, dass wir etwa dreimal so viele Beerdigungen wie Taufen haben, die Austrittszahlen und die Wegzüge werden zu weiter sinkenden Gemeindegliederzahlen führen und letztlich auch zu deutlich weniger Einnahmen.“

So wird jetzt schon überlegt, wie man sparen kann. „Gemeindezusammenlegungen oder Kooperationen über Gemeindegrenzen hinweg sind Möglichkeiten“, so Röbbelen. „So können wir es hoffentlich schaffen, seelsorgliche Begleitung der Gemeindeglieder und möglichst alle Angebote dauerhaft zu erhalten - nur vielleicht nicht mehr alle Angebote an jedem Ort.“

Andere Formen der Finanzierung für die Kirche Aufgrund von geschichtlichen Entwicklungen sowie des jeweiligen Verhältnisses von Staat und Kirche haben sich unterschiedliche Formen der Kirchenfinanzierung entwickelt: 1. Staatliche Finanzierung (Belgien, Griechenland, Norwegen): In Griechenland ist die orthodoxe Kirche Staatskirche, die Geistlichen werden vom Staat bezahlt (ebenso in Belgien). Auch die evangelisch-lutherische Kirche in Dänemark und in Norwegen wird aus staatlichen Mitteln finanziert bzw. unterstützt. Durch eine vollständige und direkte Subventionierung durch den Staat kann eine Abhängigkeit der Kirche vom Staat entstehen. 2. Finanzierung durch die Mitglieder a) Kirchensteuer (Deutschland, Schweiz, Skandinavien): Nicht nur in Deutschland wird die Kirchensteuer als Finanzierungsbeitrag von den Kirchenmitgliedern erhoben. Auch in der überwiegenden Zahl der Schweizer Kantone sowie in Ländern Skandinaviens werden die Kirchen durch ein Kirchensteuersystem finanziert. b) Spenden und Kollekten (z.B. USA, Frankreich, Niederlande): Kennzeichen sind hier die Freiwilligkeit in Bezug auf Höhe und auch die Zweckbestimmung der Zuwendungen für bestimmte Aufgaben und Projekte. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Kirche in eine Abhängigkeit einiger weniger zahlungskräftiger Mitglieder gerät. Auch ist eine kontinuierliche und kalkulierbare Beitragsleistung für die Erfüllung rechtlicher Verpflichtungen der vielfältigen kirchlich-karitativen Dienste (Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen u. a.) nicht gewährleistet. Quelle: Erzbistum Paderborn
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