Bei der Knepper-Sprengung hatte das THW den ersten Einsatz des Jahres. Ein Dutzend werden folgen. Die meisten sind nicht planbar. Zugführer Jan Steinbock erklärt, wann das THW wie hilft.

Henrichenburg

, 22.02.2019, 11:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ganz wenige Einsätze kann das Team vom Technischen Hilfswerk (THW) planen, zum Beispiel die Sprengung des Knepper-Kraftwerks. Der Termin stand vorher fest, das THW war mit 31 Kräften vor Ort. Ihre Aufgabe: die Absperrung und deren Absicherung. „Unsere Aufgabe ist zu schauen, dass keiner ein Foto von unter dem Turm macht“, erklärt Zugführer Jan Steinbock, der seit 1996 dabei ist. Insgesamt war das THW mit 100 Kräften vor Ort - 31 aus Castrop-Rauxel, der Rest aus Dortmund. „Alles lief wie geplant“, so Steinbock. Um 7 Uhr war Einsatzbeginn, zur Nachbesprechung kamen alle gegen 14 Uhr zusammen.

Was bei so einem Einsatz zu beachten ist und wer an welcher Stelle agiert, das lernen und üben die THWler alle zwei Wochen. Dann treffen sie sich auf dem Gelände an der Industriestraße und thematisieren verschiedene Problemlagen. „Anfang des Jahres geht es viel um Theorie - Arbeitsschutz und Unfallverhütung beispielsweise“, erklärt Jan Steinbock (39). Später stehen Übungen auf dem Plan. Am Kanal trainieren die knapp 60 Mitglieder aus Castrop-Rauxel - darunter rund ein Dutzend Frauen -, wie eine Pumpe funktioniert, wie man einen Keller leerpumpt. Oder sie üben, wie man eine Wand abstützt, die einsturzgefährdet ist.

Das THW wird immer dann gerufen, wenn technische Unterstützung notwendig ist. Im Unterschied dazu hilft das Deutsche Rote Kreuz eher, wenn es um die Versorgung und den Transport von Kranken und Verletzten geht. Die blauen Fahrzeuge des THW sieht man bei:

  • Absicherung bei Bombenentschärfungen
  • Absicherung von einsturzgefährdeten Gebäuden, etwa nach einem Brand
  • Elektroversorgung bei Stromausfällen
  • Beleuchtungsunterstützung, etwa bei nächtlichen Unfällen auf der Autobahn
  • Freiräumen von Straßen und Wegen, etwa nach einem Sturm
  • Leerpumpen von Kellern, etwa bei Hochwasser
  • Verpflegung von Einsatzkräften im Katastrophenfall

„Jeder Handgriff muss sitzen, im Notfall darf nichts schiefgehen“, erklärt Anne Steinbock, die durch ihren Sohn Jan auch beim THW aktiv geworden ist. Jeder THWler genießt eine Grundausbildung und kann sich dann in verschiedenen Fachgruppen spezialisieren: Elektroversorgung, Bergung, Beleuchtung oder Auslandseinsätze. „Absperren können wir aber alle“, so Jan Steinbock. Für den Einsatz bei Knepper mussten die Einsatzkräfte also keiner speziellen Fachgruppe angehören.

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Die Aufgabe des Zugführers ist es, im Fall der Fälle Einsatzkräfte zu koordinieren und am Einsatzort zu verteilen. Da muss man flexibel sein, denn die meisten Einsätze beginnen mit einem Brummen oder Piepen in der Hosentasche. „Die Kreisleitstelle informiert uns bei einem Einsatz über eine App“, erklärt Jan Steinbock. Letztendlich entscheidet die Feuerwehr, ob sie zusätzliche Hilfe benötigt.

Meistens hilft das Team in oder um Castrop-Rauxel, in Ausnahmefällen aber auch bundes- und weltweit. Das THW - bundesweit 1950, in Castrop-Rauxel 1952 gegründet - teilt sich in verschiedene Ebenen: Orts-, Regional- und Landesgruppen, dazu kommt die Leitung des Technischen Hilfswerks in Bonn. Je nach Katastrophenlage werden die Hilfskräfte von überall zusammengezogen. Sie arbeiten ehrenamtlich. Finanziert wird das THW aus Steuergeldern des Bundes.

Das THW im Einsatz - Schiffsunglück am Kanal

Im Oktober 2018 starb der Kapitän eines Frachtschiffes nach einer Kollision mit der Westring-Brücke in Bladenhorst. Das war nicht planbar - ein THW-Einsatz, anhand dessen sich die Arbeitsweise exemplarisch darstellen lässt.

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Der Unfall passierte an einem Donnerstagmittag. Die Kreisleitstelle informierte die THW-Mitglieder über die Smartphone-App. „Ich war zu dem Zeitpunkt in Castrop-Rauxel“, erinnert sich Jan Steinbock, der eigentlich in Köln studiert. Der 39-Jährige konnte also direkt melden, dass er einsatzbereit ist. Steinbock: „Andere müssen das in dem Moment dann mit dem Arbeitgeber absprechen.“ Dieser ist eigentlich verpflichtet seinen Mitarbeiter für das THW freizustellen, die Praxis sehe aber manchmal anders aus als die Theorie.

Sobald der Alarm raus ist, läuft die Maschinerie an. Die Feuerwehr vor Ort sagt, in welchem Bereich sie Hilfe braucht. Die THWler sammeln sich auf ihrem Gelände an der Industriestraße und fahren mit den blauen Fahrzeugen zum Einsatzort. In diesem Fall war es die Versorgung der Einsatzkräfte mit einer warmen Mahlzeit. Die Bergung des Kapitäns zog sich über Stunden hin.

Wir können immer 100 Leute kurzfristig versorgen
Anne Steinbock, THW

„Wir können immer 100 Leute kurzfristig versorgen“, erklärt Anne Steinbock, die an dem Tag ebenfalls im Einsatz war. Bratwürstchen waren eingefroren und wurden aufgetaut, Currysoße in Dosen vorrätig, Brötchen wurden schnell eingekauft. Anne Steinbock: „Wir haben ein paar Telefonnummern von Bäckern, Metzgern und Einzelhändlern, sodass wir im Notfall schnell an Ware kommen. Tagsüber und auch nachts.“ Zwei Stunden nach Eingang des Alarms war das Essen fertig und wurde in Warmhaltebehältern zum Einsatzort gebracht.

Das Nachbereiten der Einsätze gehört zum normalen Prozedere. Entweder direkt danach, oder etwas zeitversetzt. Nach dem Schiffsunglück konnte der Kapitän nur tot aus den Trümmern geborgen werden - für manche Einsatzkräfte eine belastende Situation. Doch Jan Steinbock erklärt: „Man wird nicht allein gelassen.“ Vor Ort gab es Notfallseelsorger, und ein spezielles Einsatznachsorgeteam stünde in solchen Fällen auch bereit.

Archiv

Die größten Einsätze des THW Castrop-Rauxel

  • 2002: Elbehochwasser - gegründet im Jahr 1952, hätte das THW in Castrop-Rauxel in diesem Jahr eigentlich sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Durch den Einsatz an der Elbe wurde die Feier verschoben. Ein Jahr später feierte das Team 50 plus 1.
  • 2005: Mehrtägiger Stromausfall in Münster - das THW half unter anderem den Landwirten, deren Melkmaschinen ohne Strom nicht funktionierten.
  • 2007: Orkan Kyrill
  • 2013: Hochwasser in Magdeburg
  • 2014: Orkan Ela

Warum sich der Castrop-Rauxeler seit über 20 Jahren für das THW engagiert? „Ich bin über den Wehrersatzdienst dazu gekommen und dann geblieben.“ Ein Klassenkamerad habe sich auch beim THW engagiert und ihn mitgenommen. Über die Zeit habe er viele Freunde gefunden, er schätze die Kameradschaft und wenn er von einem Einsatz komme, habe er das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.

Und damit ist er nicht allein. Nachwuchssorgen gebe es bei den „Blauen Engeln“ nicht. Die Jugendgruppe umfasst rund 20 Mitglieder zwischen 10 und 17 Jahren - und die seien wirklich interessiert. Der Vorteil: Auch die Jugendlichen treffen sich samstags. Ganztagsschulen stehen diesem Hobby - anders als vielen anderen - somit nicht im Weg.

Video
Jan Steinbock erklärt das THW-Einsatzfahrzeug

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