Das Minarett der Ditib-Mevlana-Moschee auf Schwerin geht die Politik nichts an

rnKlare Kante

Eine Moschee mit Minarett ist ein Zeichen für erfolgreiche Integration. Wenn Politiker in Castrop-Rauxel sich dagegen stellen, machen sie sich selbst unglaubwürdig. Ein Kommentar.

Castrop-Rauxel

, 28.11.2019, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die türkisch-islamische Mevlana-Gemeinde plant seit mindestens sechs Jahren eine neue Moschee. Sie möchte aus dem Hinterhof in der Bodelschwingher Str. 70 in Richtung Dortmunder Straße 175, also rein in den Schweriner Ortskern.

Das Moschee-Gebäude werde zweigeschossig plus Aufbauten. Das Minarett sei 19 Meter hoch, die Kuppel 13, die Attika 10. Der Muezzin soll zu den Gebetszeiten der Muslime allerdings nicht ausrufen, so wie es in islamisch geprägten Ländern üblich ist.

Diese Angaben machte der Castrop-Rauxeler Planungs- und Bauordnungsamtschef Philipp Röhnert. Er informierte in der Bauausschusssitzung am Donnerstag, 21. November, beim Thema „Bauvorhaben von städtebaulicher Bedeutung“ über die Details des Gebetshauses.

Politiker sehen vor allem das Minarett kritisch

Der mögliche Moscheebau hat dabei erneut zu einer kontroversen Debatte geführt. Sabine Seibel (SPD) sähe die Moschee von der Architektur gerne ein bisschen moderner.

Man möchte die Sozialdemokratin fragen, ob sie der St.-Lambertus-Gemeinde vorschlagen würde, ihre Kirche in der Altstadt zeitgemäßer umzubauen. Oder eine andere Kirche, die vielleicht nicht unter Denkmalschutz steht.

FDP-Fraktionschef Nils Bettinger äußerte die Bitte, das Minarett ein bisschen niedriger zu planen. Bei dieser Äußerung des Liberalen könnte man meinen, wir befänden uns auf einem türkischen Basar.

Yasemin Dittrich (CDU) geht noch einen Schritt weiter: Sie sagt im Namen der Christdemokraten, dass sie das Minarett ablehne, weil es nicht für Toleranz und Dialog stehe und es die Akzeptanz für die Moschee erschwere.

Stopp! Wenn jemand die Akzeptanz für die Moschee erschwert, dann ist es jemand mit solchen Äußerungen. Es gibt keine seriösen Quellen, die belegen, dass Minarette für Intoleranz stehen. Mit Dittrichs Rhetorik werden bestehende Vorurteile geschürt.

Das belegt auch die Studie „Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt“ der Uni Münster aus dem Jahr 2010: Nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung bringen Toleranz mit dem Islam in Verbindung. Muslime in Deutschland sind jedoch zu 86 Prozent der Meinung, dass man offen gegenüber allen Religionen sein sollte. Das ergab eine Bertelsmann-Studie im Jahr 2008.

Es werden Vorurteile geschürt

Yasemin Dittrich berichtet außerdem von „besorgten Bürgern“, die sich wegen des Minaretts an ihre Fraktion gewandt hätten. Muslime meint sie damit wahrscheinlich nicht, denn die sorgen sich hierzulande eher um ihre Sicherheit.

In diesem Jahr gab es bisher 86 Angriffe auf Moscheen in Deutschland. Die Täter schändeten Korane in islamischen Gotteshäusern, Scheiben wurden mit Steinen eingeschlagen, und es gab sogar Brandanschläge.

Diese erschreckenden Zahlen sollten natürlich nicht dazu führen, dass kritische Stimmen gegenüber Muslimen verstummen. Gerade der Einfluss des türkischen Staates in den Ditib-Gemeinden ist kritikwürdig und wird regelmäßig thematisiert.

Sachliche Fragen sind auch gestellt worden

Bei der Wortwahl sollten die Fakten jedoch im Vordergrund stehen. Mit denen beschäftigten sich die Politiker in der Bauausschusssitzung und in der Vorbereitung darauf auch.

Es ging um die Frage, wie der Neubau an dieser zentralen Stelle auf Schwerin sich ins Stadtbild einfügen kann; ob die Moschee auch angesichts von Stellplätzen und der verkehrlichen Situation an dieser Stelle mit dem Kreisverkehr kompatibel sei. „Von baurechtlicher Seite gibt es noch keine Bewertung“, erklärte Bauordnungsamtschef Röhnert.

Ob die Moschee ein Minarett bekommen soll und über dessen Höhe sollten aber andere entscheiden: allein die Moschee-Vertreter.

Nun könnte mir der eine oder andere vorwerfen, befangen zu sein, weil ich selbst Muslim bin. Da kann ich nur entgegnen: Ich würde mich ebenso für den Bau eines Kirchturms oder für die Kuppel einer Synagoge einsetzen. Das Grundgesetz unterscheidet nämlich nicht zwischen den Religionen. In Deutschland gilt Religionsfreiheit, und zwar für die Anhänger alle Religionsgemeinschaften gleich.

Gelungene Integration führt zu mehr Konflikten

Aus integrationspolitischer Sicht ist das Gotteshaus vielmehr ein Fortschritt, denn „Muslime verbinden mit repräsentativen Gotteshäusern Heimatgefühle“. Das stellt Integrationsforscher Prof. Aladin El-Mafaalani fest. „Sie machen klar, dass sie hier bleiben wollen, dazugehören und die Stadt mitgestalten wollen. Das ist ein Ausdruck erfolgreicher Integration. Ganz anders als kleine Hinterhofmoscheen.“

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Der Wissenschaftler veröffentlichte im August 2018 ein Sachbuch mit dem Titel „Das Integrationsparadox - Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Die Tatsache, dass der Moscheebau zu einer kontroversen Debatte geführt hat, ist insofern nachvollziehbar. Aber mehr Reflektion wäre nicht verkehrt.

Wer sich über Hinterhofmoscheen beschwert, weil sie als Parallelgesellschaften wahrgenommen werden, den sollte das geplante islamische Gotteshaus auf Schwerin nicht stören. Im Gegenteil: Ihm sollte es gefallen.

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