Das sagt ein Grundschulleiter vor seinem Ruhestand

Interview mit Dieter Gill

Dieter Gill hat die Entwicklungen an der Habinghorster Erich-Kästner-Grundschule in den vergangenen 20 Jahren hautnah miterlebt. Wir sprachen mit dem im Sommer scheidenden Schulleiter über die Herausforderungen des Offenen Ganztags, den inklusiven Unterricht und die Integration von Flüchtlingskindern.

HABINGHORST

, 03.07.2016, 07:14 Uhr / Lesedauer: 4 min
Das sagt ein Grundschulleiter vor seinem Ruhestand

Schulleiter Dieter Gill lehrt bereits seit 1996 an der Erich-Kästner-Grundschule.

Heike Wichmann, seit 2009 Leiterin der Castroper Grundschule Am Hügel, wird die Nachfolgerin von Dieter Gill an der Habinghorster Erich-Kästner-Schule. Gill geht zum Schuljahresende in den – um ein Halbjahr – vorgezogenen Ruhestand. Wichmann übernimmt daher zunächst kommissarisch machte aber gleichzeitig deutlich, dass sie zum Schuljahreswechsel mit voller Stelle nach Habinghorst wechselt.

Dieter Gill äußerte sich erleichtert darüber, dass nun eine Nachfolgerin gefunden ist, die seine Arbeit an der Erich-Kästner-Schule fortführen wird. Er sprach mit uns über die bewältigten und zukünftigen Herausforderungen für die Grundschule im Interview.

Herr Gill, zwei Jahrzehnte Schulleben sind eine lange Zeit. Welches sind aus Ihrer Sicht die gravierendsten Veränderungen?

Dieter Gill: Die Herausforderungen an Grundschulen sind deutlich gestiegen. Vor allem, seitdem die Grundschulen durch die geringer werdenden Schülerzahlen mehr untereinander in Konkurrenz getreten sind. Seit der Auflösung der Schulbezirke haben wir vollkommen neue Verhältnisse. Die Anforderung, Qualität in Schule auch sichtbar zu machen, hat dazu geführt, dass die Arbeitssituation sich deutlich verändert hat. Die Ansprüche an Lehrkräfte und das System Schule sind erheblich gestiegen. Zunächst einmal mussten Schulprogramme geschrieben und Schwerpunkte in der Schulentwicklung gesetzt werden. Also alles Dinge außerhalb des Unterrichts, die deutlich zugenommen haben.

 

Der Offene Ganztag gehört sicherlich auch in diese Reihe.

Ja natürlich, die Ausweitung des klassischen Sektors von 8 bis 13 Uhr in den Nachmittagsbereich hinein zählt ebenso dazu wie die Herausforderung, die im Zusammenhang mit inklusivem Arbeiten entstanden ist. Wir sind zwar noch nicht Schule des gemeinsamen Lernens, haben aber trotzdem viele Kinder, die gleichwohl besondere Herausforderungen an die Lehrkräfte stellen. Das hat zu einer hohen Arbeitsverdichtung geführt.

 

Das Stichwort Flüchtlinge ist jetzt noch nicht gefallen.

Wir haben seit Beginn des Jahres Flüchtlingskinder bekommen. Im letzten Schuljahr haben wir mit 184 Kindern begonnen. Im laufenden Schuljahr haben wir 20 Kinder ohne Deutschkenntnisse hinzu bekommen. Davon zehn aus dem europäischen Ausland, zehn aus Syrien, Irak, Georgien und so weiter. Um diese Kinder zu fördern, mussten wir zunächst einmal die Kompetenzen erwerben. Wir haben keine speziell ausgebildeten Lehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache.

 

Haben Sie die Kinder in einer Vorbereitungsklasse zusammengefasst?

Nein, die sind in die regulären Klassen eingeschult worden, teilweise altersgemäß, aber auch in niedrigere Klassen.

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Sind die Kinder in einem solchen System integrierbar?

Es ist eine Herausforderung, aber es ist auch machbar. Wir merken es jetzt bei den Kindern, die jetzt ein paar Monate bei uns sind. Die haben deutliche Fortschritte gemacht. Sie verstehen inzwischen eine ganze Menge in deutscher Sprache, artikulieren sich zwar noch nicht so wie Kinder, die längere Zeit hier sind, aber es ist leistbar. Es dauert einfach länger, aber diese Integration in die deutsch-sprechenden Klassen ist sehr vorteilhaft. Dafür würde ich immer plädieren, ein solches Konzept zu fahren. Wir können sie vier bis fünf Stunden in der Woche herausziehen und zusätzlich fördern. Dafür sind drei Personen ausgewählt worden und das funktioniert.

 

Sind 20 von 184 gleichzeitig auch die Obergrenze dessen, was integrierbar ist?

Die Obergrenze ergibt sich aus den Klassengrößen, die deutlich höher sind als zu Beginn des Schuljahres. Wir können nicht mehr Kinder aufnehmen. Wir haben auch deshalb Schüler bekommen, weil die Wilhelmschule, die Cottenburgschule und die Schule Am Hügel keine weiteren Kinder mehr aufnehmen konnten. Ein Teil wird mit einem Bus hierhin transportiert.

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Das stößt die freie Schulwahl an Grenzen. Noch mal zurück zum Anfang: Haben Sie die Auflösung der Schulbezirke für richtig gehalten?

Grundsätzlich halte ich das für richtig, denn dadurch gab es auch entsprechende Bewegung in den Grundschulen. Wenn man immer darauf vertrauen kann, dass man Anspruch hat auf die Schüler, die im Bezirk wohnen, dann führt das manchmal auch dazu, dass man sich etwas geruhsam nach hinten legt und Dinge nicht tut, die erforderlich sind.

 

Sie sind durch den Schulentwicklungsplan unter Druck geraten, weil die Erich-Kästner-Schule mittelfristig als abgängig eingestuft wurde. Wie haben Sie darauf reagiert?

Man konnte sich in gewisser Weise vorbereiten, weil man wusste, dass in vielen Städten Grundschulen zur Disposition standen. Ich war schon etwas enttäuscht, dass dieses System tendenziell nicht erhalten werden sollte. Ich habe immer an den Zahlen gezweifelt. Ich hab immer gedacht und vielleicht sogar gewusst, dass die Grundlage für eine solche Entscheidung nicht tragfähig war. Im Nachhinein darf ich mich durchaus bestätigt fühlen. Nach dem Schulentwicklungsplan hätten wir aktuell 145 Schüler haben sollen, wir haben im nächsten Schuljahr mehr als 195. Die Erich-Kästner-Schule ist eine Schule, die in den Stadtteil gehört. Weil die Schulwege ansonsten einfach wahnsinnig lang würden.

 

Damit müssen die Merklinder aber jetzt leben.

Ich glaube, der Schulträger hat gemerkt, dass die Entscheidungsgrundlage nicht mehr passt. Frau Kleff (Bereichsleiterin Schule, d.R.) hat sich ja auch schon öffentlich geäußert, dass die Berechnungsgrundlage nicht mehr stimmt. Leider wurden Schulen geschlossen, die man jetzt noch brauchen würde.

 

Was hat die drohende Schließung bei Ihnen ausgelöst?

Es war für das Kollegium ebenfalls eine große Enttäuschung, dass das geplant war. Wir haben eine ganze Menge versucht, Eltern zu bewegen, ihre Kinder bei uns anzumelden, um zu versuchen, die Schülerzahlen zu halten. Das ist uns zum Teil gelungen. Darüber hinaus haben wir die Erfahrung gemacht, dass im Laufe des Schuljahres, selbst wenn wir relativ geringe Anmeldezahlen hatten, sich später noch Eltern für uns entschieden haben. Sodass die Zahlen im Laufe des Jahres gestiegen sind.

 

Die Organisation des Offenen Ganztags lief anfangs auch nicht nach Wunsch.

Was sich jetzt im Offenen Ganztag etabliert hat, damit sind wir nach dem Umbau sehr zufrieden. Der Alltag funktioniert ganz gut. Was schade ist, ist die Personalsituation. Wir haben 75 Kinder gemeldet in zwei Gruppen, und diese Grenze ist zuletzt deutlich überschritten worden. Darüber hinaus ist die Koordinatorin Gerhild Mühsen gegangen, sodass wir nur noch drei Beschäftigte hatten, zuletzt sollten es nur noch zwei sein. Aufgrund eines Schreibens der Schulkonferenz hat sich das jetzt Gott sei Dank entspannt.

 

Mussten Sie Schüler abweisen?

Ja, durch die Flüchtlingskinder haben sich die Zahlen in der OGS nach oben geschoben.

 

Die Umgestaltung des Schulhofs ist wieder im Programm der Sozialen Stadt.

Die Stadt beabsichtigt wohl, das an ein Planungsbüro abzugeben, sodass wir im ersten Halbjahr 2017 damit rechnen können.

 

War das ein dringender Wunsch?

Wir haben uns mit Wünschen immer zurückgehalten, weil wir wussten, dass die Stadt gar nicht viele Möglichkeiten hat. Im Rahmen der Sozialen Stadt Habinghorst hat sich die Chance dann ergeben. Wir sind sehr froh, dass der Stadtteilbeirat diese Entscheidung gefällt hat. Unser Schulhof ist halt ein geteerter, zugepflasterter Hof und bietet für Kinder nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich entspannt dort zu bewegen, mit all dem was dazu gehört. Ich hoffe, dass das realisiert werden kann.

 

Sehen Sie darin auch ein Signal für eine langfristige Standortsicherung der Erich-Kästner-Schule?

Das sehe ich auf jeden Fall. Da schaue ich natürlich auch noch einmal auf das Schulgebäude. Es sind Feuerschutztüren eingebaut worden, wir haben den Toilettenbereich saniert bekommen für die Kinder und die Lehrer. Es soll die Beleuchtung saniert werden. Es müsste allerdings noch mehr getan werden. Da sind Dinge, die wir schon vor vielen Jahren beantragt haben. Wir haben ein ziemlich löcheriges Dach. Da müsste man Geld in die Hand nehmen. Das Dach ist schließlich der Schutz fürs Gesamte. Auch haben wir keinen Stauraum und eine energetische Sanierung steht aus.

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