Die Zinsen sind niedrig, es wird überall kräftig gebaut - auch in Castrop-Rauxel. Wir haben einen Überblick, wo die Baugebiete sind.

Castrop-Rauxel

, 02.08.2018, 19:09 Uhr / Lesedauer: 5 min

Gestritten worden ist in den zurückliegenden paar Monaten in der Castrop-Rauxeler Politik viel über das Thema Wohnen. Etwa über die Frage, ob der Bolzplatz in Henrichenburg einer Wohnbebauung weichen soll. Oder über die Höhe der Einwohnerzahl. Auch über die Frage, ob wir mehr Wohnraum brauchen. Einig sind sich alle, dass es mehr Geschosswohnungsbau braucht. Bezahlbaren Wohnraum. Unsere Zeitung war auf Streifzug. Wo wird schon gebaut, was machen die Pläne zu neuen Baugebieten?

Draußen sind 31 Grad. Und Olaf Kallenbach denkt an Weihnachtsschmuck. Sind das die Folgen der Hitze? Mitnichten. Kallenbach zeigt in seinem Neubau am Fuß der Bergehalde Schwerin mit dem Finger nach oben und sagt: „Wir bauen das da oben nicht aus, da kann meine Frau ihre Deko-Klamotten gut abstellen.“ Dieses Jahr kann auf jeden Fall wieder richtig Weihnachten im eigenen Heim gefeiert werden. Anvisierter Einzugstermin im Bungalow an der Grimbergstraße ist Mitte September.

Monate ziehen sich wie Kaugummi

Im Dezember 2017 hatten die Kallenbachs, Vater Olaf, Mutter Ilona und Sohn Philipp, lediglich die Hausnummer ihres neuen Domizils gewusst. Es folgten Monate, die sich wie Kaugummi ziehen, seit die Familie ihr altes Haus in der alten Bergarbeiterkolonie gegen ein Wohnmobil eintauschen musste, nachdem sie das Haus verkauft und sich die Bauarbeiten am neuen Domizil deutlich verzögert hatten. „Einfach Stress pur“, sagt der selbstständige Bauunternehmer. Und Maloche pur, jeden Tag zwölf Stunden. „Ohne meine Mitarbeiter hätte ich das nicht geschafft, alle haben mitgezogen und mir den Rücken freigehalten“, freut sich Kallenbach. Das sei selten geworden in der heutigen Zeit.

Mittlerweile ist längst die Küche bestellt. Es herrscht eitel Sonnenschein und die Probleme sind Schnee von gestern. „Unsere Entscheidung war auf jeden Fall richtig, hier haben wir alles auf einer Ebene“, sagt Kallenbach.

Die einzelnen Baugebiete:

Und wo wird noch überall schon gebaut oder wo soll demnächst gebaut werden?

Grimbergstraße: Auch drumherum wird eifrig gebaut. Hier entstehen neben dem Bungalow der Kallenbachs mit seinen 130 Quadratmetern Wohnfläche elf zweigeschossige Stadthäuser und ein Haus mit Satteldach. Bauherren und Bauherrinnen sind Bürger aus Castrop-Rauxel, aus Bochum, aus Witten. „Alle glücklich, alle zufrieden“, sagt Benedikt Lessmann von der Projektenwicklungsgesellschaft Gropius.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Stein für Stein: Es geht voran im Baugebiet an der Grimbergstraße. © Foto: Schlehenkamp

Sie hatte das Gelände vom Wohnungsbauriesen LEG gekauft, dem die Stadt vor über 15 Jahren die Gesellschaft für Wohnungs- und Städtebau (GeWo) ihre Anteile als Tafelsilber verkaufte. Schon vor Jahrzehnten gab es hier Baupläne der GeWo, für die das alte Grabeland geräumt werden musste. Aber das ist wirklich Schnee von gestern. Bis Ende dieses Jahres, sagt Lessmann, sollen alle Häuser fertig sein. Bei einem soll der Pool übrigens schon vollendet gewesen sein, noch bevor der erste Stein am Haus gesetzt war.

Merklinde/Dingen: Am Hellweg zwischen Merklinde und Schwerin und in Dingen an gleich zwei Stellen – am Bogenweg, wo eine komplett neue Siedlung entstand und an der Schieferbergstraße 35 – sind in den vergangenen Jahren ebenfalls stark nachgefragte Stadthäuser oder -villen durch die Herner Projektentwicklungsgesellschaft realisiert worden. „Die Nachfrage nach den Grundstücken war immer hoch“, sagt Lessmann.

Westhofenstraße: Auch an der Westhofenstraße auf Schwerin war das so, wo AS-Wohnen binnen kurzer Zeit im vergangenen Jahr 21 Ein- und Zweifamilienhäuser an den Mann und die Frau brachte.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

AS-Wohnen hat an der Westhofenstraße gebaut. © foto schlehenkamp

Ickern: In Ickern tut sich ebenfalls eine Menge. Das große Grundstück an der Recklinghauser Straße/ Ecke Meisenweg soll bebaut werden. Hier ist Ruhrgrund aus Dortmund am Ball, die schon mehrfach in unserer Stadt bautechnisch unterwegs waren und etwa die Reihenhäuser an der Viktoriastraße vor gut zehn Jahren bauten. „Entstehen sollen 13 familienfreundliche Reihenhäuser in sonniger Süd-West-Ausrichtung“, sagt Sebastian Teller von Ruhrgrund. Die Häuser würden schlüsselfertig erstellt – inklusive Erdwärme, Fußbodenheizung und elektrischer Rollladen. Die Preise beginnen bei 284.900 Euro. Mit dem Vertrieb der Häuser startet Ruhrgrund Ende dieses Monats.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Auch hier tut sich was: In Ickern soll gebaut werden. © Foto: Schlehenkamp

Viktoriastraße: An der Viktoriastraße wird seit Monaten neben dem städtischen Haus der Familie (der alten Schule) kräftig gebaut. Dem Eindruck nach eine auseinander gerissene Drillingsgeburt, denn die beiden Stadthäuser an der Viktoriastraße 38 und 40, vor einigen Jahren entstanden, sehen sehr ähnlich aus. Das Schild eines Bauträgers war leider nicht zu entdecken, Sub-Unternehmer verwiesen uns wie die Stadt auf den Datenschutz. Wegen des Schildes will sich die Stadt kümmern. Die Eigentumswohnungen in dieser Lage sind sehr beliebt, für den schmalen Geldbeutel trotz günstiger Zinsen vielleicht eine zweifelhafte Option.

Schwerin: Das gilt natürlich auch für die Eigentumswohnungen, wie sie in den letzten Jahren auf Schwerin etwa am Unterspredey und an der Cottenburgschlucht entstanden sind. Oder die drei sehr schönen Häuser im Schatten des Hammerkopfturms am Hasenwinkel, wo noch einige Grundstücke frei sind.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Auch dieses Grundstück an der Cottenburgschlucht wurde bebaut. © Foto: Schlehenkamp

Ickern (Drabig-City): Noch lange nicht soweit ist das dickste Bauprojekt, das in Ickern angegangen wird. „Dort entsteht ja fast ein ganz neuer Stadtteil“, sagt Paul Binder, Pressesprecher bei Innogy (früher RWE) in Essen. Das Bieterverfahren für das im Politiker-Bau-Sprech „Drabig-City“ genannte Gelände sei abgeschlossen. Den Zuschlag habe ein namhaftes Bauträgerunternehmen aus NRW erhalten. Die Vertragsunterzeichnung stehe allerdings noch bevor. „Laut den uns vorliegenden Planungen sollen 126 Doppelhaushälften, 55 Reihenhäuser und 76 Wohnungen entstehen“, erklärt Binder. Baustart soll im ersten Quartal des kommenden Jahres sein. Schon seit März 2012 gibt es hier einen rechtskräftigen Bebauungsplan. Zur Recklinghauser Straße hin, das war schon vor Jahren so mit der Stadt abgestimmt, soll Geschosswohnungsbau entstehen.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Das „Drabig City“ genannte Gelände in Ickern soll bebaut werden. Bis es soweit ist, dauert es aber noch. © Volker Engel

Habinghorst: Wie es beim Wohnen an der Emscher weitergeht (Heerstraße in Habinghorst), darüber soll es in der ersten Sitzung des Bauausschusses nach der Sommerpause gehen. Der Bebauungsplan wird gerade aufgestellt. Heiko Dobrindt, der Technische Beigeordnete der Stadt, sagt auf Anfrage unserer Zeitung: „Wir werden dann über den Sachstand informieren.“ Am Ball ist hier ein Projektentwickler. Auszugehen ist laut Dobrindt davon, dass er das Gelände dann weiter vermarktet.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

An der Heerstraße soll das „Wohnen an der Emscher“ entstehen. © Foto Wulle

Merklinde: Am Gleisdreieck in Merklinde, seit mehreren Jahren auf der Bau-Agenda, herrscht weiter Flaute. „Bei den anderen Baugebieten werden wir die Politik in Kenntnis setzen, welche Entwicklungen es gibt und ob es weitergeht“, sagt Stadtsprecherin Nicole Fulgenzi.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Das Gleisdreieck ist Brachland, was aktuell augenscheinlich hauptsächlich für die Entsorgung von Grünschnitt und als Hundeklo genutzt wird. © Anna-Lena Roderfeld

Briloner Straße: Unterm Strich sind darunter auch noch Bauprojekte größeren Kalibers. Wie am Schacht V/Briloner Straße, wo in den Plänen der Verwaltung von 135 Wohneinheiten die Rede ist. Und zwar in Einfamilienhäusern und im Geschosswohnungsbau. Der Bebauungsplan soll eigentlich dieses Jahr rechtskräftig werden.

Herderstraße: Dann gibt es noch die Herderstraße, wo 50 bis 60 Wohneinheiten entstehen sollen. Auch hier läuft das Verfahren, die Satzung ist für 2019 geplant.

Alter Garten: Und schließlich ist dann da der eingangs erwähnte Alte Garten in Henrichenburg mit rund 35 Ein- und Zweifamilienhäusern und einem oder zwei Mehrfamilienhäusern.

Der Bauboom in Castrop-Rauxel hält an

Der Bolzplatz soll der Bebauung am Alten Garten weichen. © Volker Engel

In der Kemnade: Nach dem Bau von Altenheim und Betreutem Wohnen von Projektträger Oikos In der Kemnade/Richard-Wagner-Straße soll dort im nächsten Jahr übrigens ein Sozialbau folgen, der 15 oder 16 Wohneinheiten bekommen soll. Mehr Infos gibt es derzeit noch nicht, weil es zunächst am Habinghorster Markt mit dem Neubau zweier Gebäude fürs Betreute Wohnen los gehen soll.

Kommt die GeWo 2?

Die Entscheidung, ob die Stadt eine GeWo 2 gründen wird, ist noch lange nicht gefallen, obwohl seit Anfang 2016 darüber nachgedacht wird und speziell die Linken mächtig darauf schimpfen, dass es so lange dauert. In der Ratssitzung Ende September soll es um die Wurst gehen. Gegenwärtig wird an einer Wohnraumbedarfs-Analyse gefeilt, nachdem ein Gutachten sich vor wenigen Wochen pro Gründung ausgesprochen hatte. Grundsätzlich geht es dabei darum, selbst wieder Wohnungsbau steuern zu können. Dafür müsste die Stadt aber ordentlich selbst Geld in die Hand nehmen.

FDP-Fraktionschef Nils Bettinger sagt: „Wenn eine städtische Gesellschaft unbedingt gegründet und in die Lage versetzt werden soll, auf den Markt des öffentlich geförderten Wohnraums regulierend einzugreifen, so könnte sie sich auf ein bisher vernachlässigtes Marktsegment beschränken: Öffentlich geförderte Wohnungen für Betreutes Wohnen.“

20 Hektar mehr Fläche fürs Bauen
  • Im seit 2012 gültigen Flächennutzungsplan ist für Castrop-Rauxel ein Bedarf von 41 Hektar Wohnbaufläche bis zum Jahr 2025 dargestellt.
  • Für die SPD und die CDU in der Stadt ist das nicht genug, sie wollen noch 20 Hektar mehr Wohnbaufläche ausweisen.
  • In den vergangenen drei Jahren sind in Castrop-Rauxel laut Chefplaner Martin Tönnes vom Regionalverband Ruhr (RVR) zu 95 Prozent Ein- und Zweifamilienhäuser gebaut worden.
Lesen Sie jetzt